Die Wahrheit: Insel ist Insel
Warum sind Kreuzfahrten eigentlich so beliebt? Weil du fast bis Afrika kucken kannst.
Letztens noch sagte eine reizende Dame zu mir: „Kreuzfahrt ist sooo toll. Alles all-inclusive. Man kriegt sooo viel geboten. Und wenn man Lust hat, geht man einfach nach draußen und kann bis nach Afrika rüberkucken.“
Ich dachte erst, die Dame macht Spaß, und sagte: „O, Sie haben aber gute Augen.“ Weil – wir fuhren gerade durch den Ärmelkanal. Von Nordfrankreich nach Südengland.
„Ach“, sagte sie da, „egal. Wissen Sie, mein Mann und ich, wir waren ja schon hier und da. Und diese Strände, die ähneln sich doch wie ein Strand dem anderen. Wir waren auch schon mal in einem Ferienclub. Auch schön. Auch alles all-inclusive. Da musste man die Anlage gar nicht verlassen. Da konnte man an klaren Tagen auch fast bis nach Afrika rüberkucken.“
„Ach“, sagte ich dann, „Südspanien?“
„Schon möglich. Aber ob das da drüben wirklich Afrika war, wer weiß? Wir mussten die Anlage ja gar nicht verlassen. Eigentlich genau wie auf dem Schiff, aber man kommt natürlich weniger rum.“
Bloß kein Landgang
Ich glaube, deswegen mögen die Menschen Kreuzfahrten noch lieber als Cluburlaub. Da kommen sie mehr rum. Und manchmal kann man bis nach Afrika rüberkucken. Oder bis nach Südengland. Ist ja egal. Das spielt doch keine Rolle, solange die Menschen nicht in das Land reinmüssen. Man muss ja keinen Landgang machen. Das ist ja keine Pflicht. Man kann ja auch nur kucken und zum Beispiel winken.
Das meinte der Mann der Frau dann auch: „Wissen Sie, ich sag ja immer: Insel ist Insel. Ich bleibe lieber auf dem Schiff. Da weiß ich, was ich hab, und ob ich Afrika sehe oder nicht, das ist doch meine Privatangelegenheit.“
„Apropos, da weiß ich, was ich hab“, hakte ich höflich nach, „wenn Sie wissen wollen, was Sie haben, ist es dann nicht besser, gleich da zu bleiben, wo Sie genau wissen, dass Sie da am meisten haben? Also bei sich? Zu Hause?“
„Ja“, sagte die Dame dann, „zu Hause ist es natürlich viel individueller. Da ist ja alles auf mich abgestimmt. Aber man will ja auch mal die Seele baumeln lassen. Das geht auf dem Schiff immer noch am besten. Da fällt ja der ganze Stress weg, dass man noch wohin muss. Zu Hause muss man manchmal ja auch noch wohin. Das entfällt auf dem Schiff komplett. Man hat das Wohin ja praktisch mit dabei. Beziehungsweise, das Wohin nimmt einen mit wohin.“
Ihr Mann stimmte zu: „Und wenn sie konsequent keinen Landgang machen, fällt der Stress auch noch weg. Es kommt alles ganz entspannt an einem vorbei. Auch die vielen wunderbaren Mahlzeiten.“
Deswegen sind Kreuzfahrten so beliebt. Weil die Zeit im Vorbeifahren vergeht, der Tag aber trotzdem eine verlässliche Struktur hat. Denn es gibt regelmäßig was zu essen. Das Konzept ist im Grunde ganz ähnlich wie in der Psychiatrie: Es geht um eine stabile Strukturherstellung. Das wissen wir ja spätestens seit den Lockdowns während der Pandemie.
Da haben die Fachleute ständig darauf hingewiesen: „Der Mensch braucht Struktur.“ Und die wird in der Psychiatrie ja durch Tablettenausgabe zu den Mahlzeiten hergestellt. Morgens, mittags, abends. Da ist eine Kreuzfahrt natürlich wesentlich luxuriöser. Auf einer Kreuzfahrt gibt es ja zwölf Mal zu essen.
Wenigstens.
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