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Die WahrheitMein Leben als Urlaubspostkarte

Wer im Urlaub die brodelnde Metropole seiner Existenz hinter sich lässt, trifft in der Elternprovinz auf die stille Ödnis eines flachen Alltags.

D ie Kinder haben, wir schreiben das Jahr 2026, Walkie-Talkies bekommen, mit denen sie sich in Rufweite voneinander – also im Abstand von drei Metern – miteinander unterhalten. Die Walkie-Talkies sind die Art Plastikschrott, der die Welt nicht besser macht, aber immerhin ist die Batterieeinlage verschraubt, was bedeutet, dass das Schräubchen nach Einlage der Batterien natürlich herunterpurzelt und irgendwohin verschwindet und fortan unaufspürbar ist. Stattdessen finden sich: alte Erbsen, eine Tablette unbekannter Wirkung, mehrere Haarspangen.

Alltag ist schon lustig, besonders, wenn man ihn mal nicht im heimischen Gebäude verbringt. Nach ein paar Tagen Berlin inklusive Krankenhausaufenthalt von Kind und Kindesmutter sind wir inzwischen am Niederrhein angekommen. Ich habe mir im Haus meines Vaters, in dem ich selbst 12 ununterbrochene Jahre und mehrere Kurzaufenthalte, die sich bestimmt zu einem Jahr summieren, verbracht habe, mehrfach den Kopf an der neuen Jalousievorrichtung gestoßen, die just an der hinteren Eingangstür angebracht wurde.

Mein Vater hat das Haus sukzessive in einen Hochsicherheitstrakt mit reichlich Stolperfallen verwandelt. Die Wiesen vorne und hinten sind gemäht, sehen aber reichlich vergilbt aus. Doch geht ein Ferienaufenthalt im Sommer für uns immer mit einer temporären Wetterverschlechterung einher – vorher ist es heiß, nachher ist es heiß, dazwischen haben wir die Schwimmsachen umsonst mitgenommen.

Hühner als Hobby

Ansonsten lässt sich eine gewisse Verwitterung feststellen, wie in Berlin, so auch hier. Der Hund ist tot, die Hühner, die mein Vater hält, ein Hobby, dem er sich seit 40 Jahren widmet, sind nur noch zu dritt und vollkommen hahnlos. Es waren derer mal 26. Statt täglich mehreren werden nur noch sechs Eier im Monat gelegt.

Das E-Bike meines Vaters hat eine kaputte Batterie, die Holzverkleidung im Schlafzimmer ist nur zu zwei Dritteln gestrichen, dann ist ihm entweder die Lust, die Farbe oder die Kraft ausgegangen. Immerhin die Motorradgang, die schon im letzten Jahr bei unserem sommerlichen Besuch hier lärmte, kracht immer noch genau dann durch die Gegend, wenn man gerade bereit ist, einzuschlafen.

In Berlin mussten wir noch miterleben, wie uns kurz nach Aufbruch erst eine Laufgruppe entgegenstürmte, dann eine Hare-Krishna-Gemeinde vorm U-Bahnhof Hermannplatz grenzerfahrene Hare-Krishna-Gesänge aufführte und schließlich im Bus ein junger Mann in eine Fahrkartenkontrolle stolperte und beim kleinen Versuch, draußen zu türmen, von den drei Arschlochkontrolleuren gewaltsam angegangen wurde – BVG, wir lieben dich.

Hier entgegen ist alles flach. Autos aalen sich in der Sonne, so diese mal rauskommt, Busse fahren nie, jedenfalls nicht sonntags. Fährt man die Gegend mit dem Zug durch, sieht man allenthalben immer genau einen Radfahrer – mit E-Bike selbstverständlich – an der Bahnschranke stehen. Kurzum: Es tut sich nichts. Keine Ahnung, warum mein Vater ein Fernglas auf der Fensterbank zu liegen hat.

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René Hamann

René Hamann Redakteur Die Wahrheit

schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.
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