Die Wahrheit: Mein Leben als Bezahlschrank
Alles begann mit Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel. Und dann wurde der Baum der Erkenntnis gefällt, Geld eingeführt und dieser Text verfasst.
M anchmal möchte man eine Kolumne einfach mit einem Zitat beginnen. Also, hier ist es: „Hinter der Bezahlschranke, da fließen Milch und Honig, da ist das verheißungsvolle Land.“ Das singt Maurice Summen, Kopf der Band Die Türen, in einem charmanten Popsong, der ganze 38 Sekunden lang ist. Er schafft es ob seines Themas immer wieder zum Ohrwurm, jedenfalls bei mir.
Zum Beispiel, wenn ich was bei Spiegel Online lesen möchte, einstmals und für lange eigentlich das Nachrichtenportal für mich. Schon in den Urzeiten des Internets, als ich vor dem Blasen der, äh, nein, Platzen der New-Economy-Blase, so rum, für eine in Köln stattfindende Messe den Onlineauftritt mitbetreute, galt der erste Klick in Sachen Nachrichten SpOn, wie man lange sagte.
So manch Kollegin und Kollege wechselten über die Jahre von hier nach da und/oder schreiben gerne für den aus Hamburg kommenden Laden, also no offense. Aber jetzt muss ich mich von der Seite verabschieden, obwohl Abschied bekanntlich ein scharfes Schwert ist beziehungsweise bis ins Endlose verschleppt werden kann, besonders, was das Netz betrifft, auf Facebook bin ich trotz allem auch immer noch.
Aber es geht halt nicht mehr. Seitdem ich aus irgendeinem Grund keinen Adblocker mehr benutze, sieht spiegel.de wie eine ins Netz gestellte Werbebroschüre aus, wobei man sich ohnehin fragt, was die ganze Werbung immer soll, denn niemand schaut sie, alle klicken sie weg oder blockieren sie a priori. Und alle kaufen sowieso immer Krempel, und die Marken und die Sachen ohne Marken sind eh immer da, so wie Fußballvereine.
Tada, tada Bezahlschranke!
Aber das ist nicht der alleinige Grund. Es geht auch nicht um die Inhalte, nicht direkt, denn die verstecken sich meistens hinter einer – tada – Bezahlschranke. Ich hörte es rumoren, dass auch der Spiegel, im Grunde noch nie links, immer weiter nach rechts driftet, aber auch das ist nur ein Grund. Gegen Woke-Kritik habe ich zum Beispiel gar nichts, man braucht sie immer mal als Gegengift, besonders wenn man sonst eher in linksgrünen Blasen verkehrt.
Es ist auch nicht die Themenmischung aus Hitler, Beziehungsberater und Kriegspropaganda, die gibt es fast überall, es ist einfach das Gesamtbild: Es sieht aus wie eine Müllhalde. Die Seite ist vollgestopft mit Empfehlungen, Rubriken und Unterrubriken, man scrollt ewig, bis man Kultur und Sport findet, und dann ist da alles gesperrt wegen Bezahlschranke! Alter, macht mal so weiter, aber in Zukunft lieber ohne mich.
Und ich, wenn ich einfach bezahle? Nein. Das verheißungsvolle Land werde ich nicht betreten, denn ich weiß, das Paradies ist für immer verloren, denn das mit der Schlange und dem Apfel damals in der Bibel war nur so ein halb moralischer Dreh, um zu verdecken, dass es nur um Geld geht. Adam und Eva haben das Abo nicht verlängert, so war das. Der Baum der Erkenntnis wurde mit der Kettensäge gefällt und zum Bezahlschrank umgebaut.
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