Die Wahrheit: Palermo Cruising
Der sizilianische Straßenverkehr stellt höchste Ansprüche an alle Teilnehmer. Zum Glück gibt es die Mundhupe.
M it dem Auto durch Sizilien? Am schlimmsten gleich Palermo? Für Amokfahrten bin ich zu alt, gab ich der Liebsten zu verstehen und buchte Zugtickets.
Und dann fanden wir am Flughafen die Haltestelle nicht. Bald lag die gebuchte Verbindung in der Vergangenheit – unsere erste historische Erfahrung auf einer zeitlosen Insel. Wer Zeit hat, braucht keine Uhr. Das ist kein sizilianisches Sprichwort, allenfalls die freundlich formulierte Gratisbeigabe zum Überfall. Di nenti!
Angekommen sind wir trotzdem. Palermo an einem Sonntagmittag: Auf der mehrspurigen Straße sind kaum Autos unterwegs, nur wir mit unseren Rollkoffern. Auf einen Bürgersteig wären wir ohnehin nicht gelangt – alles vollgeparkt, Stoßstange an Stoßstange.
Dabei wird im palermitanischen Verkehr nicht gestoßen, sondern gestupst. So bufft ein BMW einen Fiat 500 an, weil er ihm nicht schnell genug durch die Fußgängerzone fährt. In der Altstadt sind viele Straßen für Autos gesperrt, was nicht heißt, dass hier keine verkehren.
Einparken als Kunstform
In Palermo gibt es kilometerlange, von der Straße abgetrennte Fahrradwege. Gut, sie sind nicht besonders zahlreich. Wer radelnd unterwegs und dennoch auf Sicherheit bedacht ist, kommt nicht unbedingt gut an. Doch wissen wir ja, dass der Weg das Ziel ist, wie schon der Normanne Roger II. gedacht haben mag, als er sich zum ersten König Siziliens krönen ließ, nachdem er hier Schiffbruch erlitten hat.
Wohl misslang ihm das Anlegemanöver. Einparken ist in Palermo eine autonome Kunstform. Die meisten stellen ihr Fahrzeug einfach dort ab, wo der Motor ausgeht. Als ich ein interessantes Gebäude fotografierte, schoss ein junger Mann schräg über die Straße auf mich zu. Ich wollte ihm meine Uhr aushändigen, weil ich die ja gar nicht mehr brauchte, da fragte er mich fast flehend, ob ich ihn anzeigen wolle. Er müsse doch bloß schnell ein Paket ausliefern. Er zeigte auf seinen Postbus, der vorbildlich eingeparkt in einer Lücke stand – vor einer Einfahrt. Ich musste ihm versichern, dass ich das Bild zur eigenen Erbauung gemacht hätte. Seitdem besitze ich zwei Uhren.
Auch das ist also Palermo. Hier fährt man zwar bei Rot über die Fußgängerampel, doch sobald Passanten die Straße betreten, drücken alle auf die Bremse. Allerdings ist Eile geboten, sonst spürt man das wieder anfahrende Fahrzeug im Rücken. Auf Sizilien haben sie zwar Zeit, hassen aber Stillstand.
So trottete ich in einer engen Gasse längere Zeit einem rückwärtsfahrenden Kleinwagen hinterher, darin ein Seniorenpaar. Endlich fand ich Gelegenheit, mich an ihnen vorbeizudrücken. Doch dauerte es keine Minuten, bis dasselbe Auto, inzwischen gewendet, mich anhupte, weil ich nicht schnell genug zur Seite gesprungen bin. Beim nächsten Mal hupe auch ich zu langsame Autos an – mit dem Mund und mit fuchtelnden Armen. Bip-bib!
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