Die Wahrheit: Linksraufgeher oder Stehenbleiber
Enervierende Zeitgenossen gibt es zweifellos viele. Aber welcher Störenfried ist die schlimmste Nervensäge?
N eulich beim Klassentreffen ging es um die Frage, wer in der Schule die größte Nervensäge gewesen war. Irgendwie kamen wir zu keinem Ergebnis, was wir darauf zurückführten, dass wir den Begriff „Nervensäge“ vielleicht genauer definieren müssten. „Eine Nervensäge ist wie eine Großbaustelle“, sagte Roland, der nach dem Abi ungefähr 40 Semester lang Philosophie (ohne Abschluss) studierte. Sie seien immer laut, stets präsent und niemals fertig.
„Die größten Nervensägen aus meiner Sicht sind Rolltreppenlinksraufgeher“, sagte Susanne. Ihr sei unverständlich, wie es jemand so eilig haben könne, dass er jede Rolltreppe zu Fuß hochflitzen müsse, anstatt sich gemütlich nach oben befördern zu lassen. „Ganz falsch“, rief ich. „Es ist genau andersherum. Die linke Seite ist jenen Menschen vorbehalten, die es entweder eilig haben oder die generell nicht gerne tatenlos herumstehen. Wer auf einer Rolltreppe links steht, der nervt. Und zwar immer.“
Stefan wartete mit einem Abenteuer aus dem Hallenbad auf: „Mich nervten neulich zwei ältere Damen, die in Zeitlupe nebeneinanderher schwammen und dabei Koch- und Backrezepte austauschten.“ Christian setzte einen drauf: „Das ist alles nichts gegen den Stehenbleiber, der abrupt mitten auf dem Gehweg stehen bleibt, um eben mal in seinem Smartphone E-Mails zu checken. Schlimmer als der Stehenbleiber ist der Stehenbleiber mit Rucksack! Neulich nervte mich so einer im Discounter, der den Gang minutenlang blockierte, während er die winzige Aufschrift auf einem Marmeladenglas auswendig lernte.“
Außer Ulrike
Inzwischen hatte sich fast jeder zu Wort gemeldet – außer Ulrike, der intelligentesten, klügsten, cleversten und nebenbei auch noch hübschesten Mitschülerin von damals. Plötzlich schauten alle zu ihr, jeder wollte, dass sie auch etwas zum Thema beitrüge. Was sie auch tat.
„Die größte Nervensäge von allen ist der unglaublich uninteressante Dinge sehr umständlich Formulierende“, sagte sie. „Er beginnt Sätze gerne mit einem bedächtig ausgebreiteten ‚Ich sage mal so‘, gefolgt von schmerzhaften Allgemeinplätzen wie ‚tatsächlich‘, ‚genau‘, ‚prinzipiell‘ und ‚eigentlich‘, versehen mit lang gezogenen Ähhs und Hmms und mehreren wichtig klingenden Räusperern. Was er dann daherfaselt, ist selbstverständlich immer dumm, inhaltlich komplett falsch oder bestenfalls altbekannt.“
Natürlich hatte Ulrike auch noch einen weisen Tipp parat, wie man mit dergleichen Nervensägen umzugehen habe. „Immer freundlich nicken. Niemals widersprechen. Eventuelle Einwände provozieren sonst nämlich weitere schlimme Wortergüsse, die das Grauen des ersten mit Sicherheit noch überflügeln würden.“
Alle nickten freundlich und widersprachen nicht. Niemand hatte irgendwelche Einwände. Mit Ulrike wollte sich keiner anlegen. Sonst wird man womöglich noch für eine Nervensäge gehalten.
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