Die Wahrheit: Kassenzettel aus dem Nirwana
Seit Menschengedenken fein säuberlich gesammelt wurden in dem ordentlichen Umschlag historische Bons und Garantiescheine. Aber irgendwas fehlt immer.
B itte bringen Sie den Kassenbeleg mit, wenn Sie das defekte Gerät umtauschen wollen“, sagte die freundliche Dame am Service-Telefon des großen Kaufhauses. Umtauschen wollte ich den nagelneuen, metallicroten Wasserkocher in der Tat, denn nach nicht einmal einer Woche hatte er bereits seinen Geist aufgegeben und wollte nicht mehr kochen. Man hat sich ja heutzutage durchaus daran gewöhnt, dass manch teures Gerät nach einem Jahr kaputtgeht – fast rechnet man ja schon damit! Aber nach einer knappen Woche?
Ich holte den überdimensionalen Briefumschlag aus dem Schrank, in dem ich seit Menschengedenken sämtliche Belege und Garantiescheine aufbewahre. Fein säuberlich und chronologisch sortiert, fand ich dort unter anderem die historischen Kassenzettel meines ersten Kassettenrekorders (1970 gekauft), des Videorekorders (1981), des Röhrenfernsehers (1982) und des ersten Computers (1996) vor.
Seltsamerweise enthielt der Umschlag auch etwa 200 Kassenzettel meines örtlichen Lebensmittelmarkts. So konnte ich beispielsweise genau überprüfen, was ich am 3. Januar 2017 eingekauft hatte: ein Paar Landjäger, ein Glas Mayonnaise, eine Packung Salzstangen, vier Äpfel und zwei Dosen Bier. Gut zu wissen! Könnte ja durchaus sein, dass mal jemand danach fragt.
Was indes fehlte, war der vermaledeite Kassenzettel des streikenden und gar nicht mal so preiswerten Wasserkochers. „Eigentlich könnte ich den ganzen Umschlag mit all den nutzlosen Kassenzetteln ins Altpapier werfen, denn das, was man gerade sucht, findet man ja ohnehin nie“, dachte ich fatalistisch und während ich so ins Grübeln geriet, fiel mir auf, dass dies tatsächlich schon immer so war.
Fehlende Garantie
Vor etwa zehn Jahren streikte urplötzlich meine nagelneue Waschmaschine. Als der Kundendienst vorbeikam, fragte er nach dem Garantieschein. „Moment“, sagte ich und begann hektisch den Umschlag zu durchsuchen. „Moment noch“, sagte ich fünf Minuten später. Aber der Garantieschein blieb verschollen. Die Waschmaschine habe ich dann meinem handwerklich begabten Nachbarn für 20 Euro verkauft. Bei ihm läuft sie seitdem tadellos …
Als Teenager hatte ich einst in der hintersten Ecke meines Kinderzimmers einen geheimen Treffpunkt von lange verschollenen Gegenständen entdeckt. In friedlicher Eintracht mit Staubmäusen, alten Tempo-Taschentüchern und Krümeln aller Art genossen dort mehrere Münzen im Gesamtwert von 1,25 Mark, eine Single-Schallplatte von Slade, eine Bravo aus dem Jahr 1966, ein originalverpackter Schokoriegel (Twix hieß damals noch Raider), ein Mofaschlüssel und die Armbanduhr, die ich zur Heiligen Erstkommunion bekommen hatte, ein glückliches Leben – unbehelligt von aufdringlichen Putzlappen oder suchenden Blicken.
Eigentlich hatte ich seinerzeit nach einem Skatspiel geforscht. Das fand ich dann Jahre später, als ich verzweifelt meinen Reisepass suchte …
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