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Die WahrheitWesen mit Werwolfohren​

Im spannenden Alltag rasender Sensationsreporter ist nichts, wie es scheint. Nicht einmal ein Kätzchen​.

Katze? Weit gefehlt! Waschechter Werwolf, das! Foto: AP

Lukas Seidel birgt die zerwölbte Stirn in seiner rechten, hohlen Hand. Er stöhnt auf, wie von tausend Taranteln gequält. Als er den Kopf wieder hebt, zeichnen dunkle Ringe eine beängstigende Landschaft um seine Augen, die wie blinde, graue Murmeln aussehen. Er ist nicht fähig, auch nur ein einziges Wort zu sprechen, stattdessen serviert er uns Schnaps und Erdnussflipps und deutet mit einem nervösen Handwedeln auf das pechschwarze Sofakissen, das direkt neben ihm auf dem Sofa liegt. Man kann auf den ersten Blick kaum erkennen, worauf er uns hinweisen will. Auf den zweiten Blick erkennt man aber ein niedliches, tiefschwarzes Kätzchen, welches offensichtlich in schönster Ruhe vor sich hin schläft.

Nun erhebt Lukas Seidel das Wort, die Sprache wirkt schleppend, als stünde er unter Drogen oder noch Schlimmeren: „Sie denken jetzt bestimmt, das sei ein niedliches, tiefschwarzes Kätzchen, welches offensichtlich in schönster Ruhe vor sich hin schläft.“ Ein zynisches Lachen entringt sich seiner Kehle. „Harr, harr, ja, diesem Irrtum bin ich auch aufgesessen.“

Das Wesen auf dem Sofakissen bewegt sich nicht, vielleicht ist es ausgestopft. Doch Lukas Seidel spricht weiter, es scheint ihm mittlerweile völlig gleichgültig zu sein, ob überhaupt noch jemand zuhört, er ist in seiner eigenen Welt komplett verloren. „Das ist kein niedliches, tiefschwarzes Kätzchen, welches offensichtlich in schönster Ruhe vor sich hin schläft. Das ist ein Werwolf!“

Ach, du Scheiße, damit hatten wir jetzt wirklich nicht gerechnet! Werwölfe sind doch echt gefährlich, und man kann sie nur mit vom Papst persönlich geweihten Silberkugeln aus einer German-Bazooka-Raketen-Panzerbüchse 43 zur Strecke bringen. So viel wusste ich noch aus der Schule, das war Abi-Thema. Und so was hat Lukas Seidel auf seinem Sofa rumliegen? Spinnt der?

Das ist nie und nimmer ein Kätzchen

Mittlerweile etwas beunruhigt bespähen wir das Kissen: Ein niedliches, tiefschwarzes Kätzchen, welches offensichtlich in schönster Ruhe vor sich hin schläft, ist das auf jeden Fall nicht. Werwolf kommt schon eher hin. Das Tier hebt ein Augenlid, und wir erstarren fast zu Stein. Dann richtet es sich auf und beginnt zu schnurren. Es gähnt – aber offensichtlich nur, um uns seine gewaltigen Reißzähne zu zeigen. Auch die Ohren sind viel zu buschig, um zu einem niedlichen, tiefschwarzen Kätzchen, welches offensichtlich in schönster Ruhe vor sich hin schläft, zu gehören. Das sind eindeutig Werwolfohren.

Lukas Seidel ist mittlerweile in einen katatonischen Schockzustand geraten und bewegt sich nicht mehr. Jetzt sind wir also allein mit dem Monster, das wahrscheinlich nur darauf wartet, bei uns irgendwelche Schwachstellen zu erspähen. Es tut so, als hätte es sich nur umgedreht und würde einfach weiterschlafen, aber wir wissen es natürlich besser und sind auf der Hut.

Warum waren wir eigentlich hier? Als rasende Sensationsreporter folgen wir jedem Lockruf, aber hätte Lukas Seidel uns bei seinem wirren Telefonanruf direkt ehrlich von dem Werwolf mit den Werwolfohren erzählt, wären wir dieses verdammte Risiko selbstverständlich niemals eingegangen. Jetzt aber war Holland in Not: Wir mussten hier raus, so viel war sicher! Der Werwolf oder Lukas Seidel könnten ja in jedem Augenblick wieder erwachen.

Ein paar stille Blicke zwischen uns genügen – der Fluchtplan steht! Ich werfe mich vom Sofa auf den Teppich und reiße zur Ablenkung noch etwas Geschirr, was nebenan auf der Anrichte stand, mit mir. Geschafft! Der Werwolf und Lukas Seidel haben davon gar nichts mitbekommen!

Rasende Sensationsreporter: Was für ein unfassbar aufregender Beruf …

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