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Die WahrheitLyrische Rettung vor dem Ziel

Selbst auf einer Bahnfahrt in den Norden sind die aktuellen Schrecken unserer Zeit omnipräsent, dagegen hilft nur dichten, dichten, dichten …

A uf einer langen Zugfahrt, sie führte mich von Frankfurt am Main nach Kiel an der Förde, las ich zunächst alles über den Wal. Ich las von einer Tierkommunikatorin, die irgendwie spirituell mit dem Wal kommunizierte und meinte, er sei gekommen, um der Menschheit „etwas Wichtiges“ mitzuteilen. In der Kommentarspalte meldete sich eine andere Tierkommunikatorin und meinte, ihr habe der Wal aber etwas ganz anderes gesagt. Dann stritten sie sich. Da spürte ich so ein Pochen unter meiner Schädeldecke.

Gegen dieses Pochen hilft bei mir die Dichtung. Thema? Kiel, ganz klar. Und Bahnfahren. Bestenfalls beides. Zunächst orientierte ich mich an den daktylischen Hexametern von Homer: „Sing, o Muse, vom Mann aus dem Norden, vom Kieler der Wege, der weit übers Meer zog, hinaus von der Förde in Stürme, nachdem er die Heimat verließ, wo die Möwen laut kreisen. Viele Städte sah er und lernte die Sitten der Menschen, doch stets schlug sein Herz für den Hafen, die salzige Brise, für die Werften am Kai und das Rufen der Schiffe bei Nacht. Doch die Götter erschwerten den Weg ihm mit tückischen Mächten, ließen Nebel sich senken und Strömungen gegen ihn wenden, führten fern ihn vom Kurs, den er kannte seit Jugendtagen.“

Gemurmelte Verse

Auf der Höhe von Kassel war ich fertig und murmelte die Verse mehrmals vor mich hin. Klang gar nicht schlecht, war aber ein wenig zu verspielt, zu episch. Das musste noch entschlackt werden, vielleicht in schicker Kleinschreibung, ein paar Jahrhunderte moderner, mit einer krass individualistischen Schreibweise. Also Walther von der Vogelweide, das dauerte bis Hannover: „Ich saz ûf vrīem plaze, dâ saz ich vil gerne, dô die züge fuoren hin ûf die weite ferne. Dâ wart ich lange stille, mit billett unde gedult, diu zît sich zôch so trâge, doch was ez nieman schuld.“

Auch nicht schlecht, aber zu altertümelnd. Also versuchte ich’s mit einer Anverwandlung von Klopstock, von Goethe, von Trakl und Benn, mich immer weiter gegenwartswärts bewegend. Zunächst versetzten mich diese Versuche in jenen Zustand zarter Überheblichkeit, mit dem das öffentliche Schreiben den Sohn der Muse belohnt – vor allem dann, wenn er sich mit mönchischem Eifer um einen „lakonischen“ Stil bemüht, „knapp“ und „trocken“ schreibt, „ohne ein Wort zu viel“, bestenfalls „brandaktuell“ sowie „welthaltig“. In Hamburg hatte ich zwar ein Haiku fertig. Aber selbst das las sich zu weitschweifig, regelrecht verplappert, nachgerade adipös.

Erst ganz am Ende, der Zug rollte bereits in den Bahnhof ein, glückte mir mit letzter Tinte doch noch der ganz große Wurf. Ich konnte es nicht fassen und hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Wieder und wieder las ich die Zeilen, kostete von der süßen Frucht meiner stundenlangen Bemühungen, schmeckte ihr reines Destillat, ihre aufs Allerwesentliche reduzierte Essenz: „Ziel: Kiel“.

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