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Die WahrheitDieser Rembrandt

Eine Begegnung mit einem Kritiker nach einer Lesung auf dem Klo löst Gedanken aus, die bildende Künstler sich vermutlich nie machen müssen.

N ach unserer Lesung stehe ich am Waschbecken des Kneipenklos, als ein Typ reinkommt, die Tür hinter sich schließt und fragt: „Du bist doch dieser Uli Hannemann?“

Gute Frage. Oder vielmehr einfache Frage, sollte man meinen. Im Grunde weiß ich es ja schon. Durchaus. Aber ob und wie ich ihm antworte, muss ich mir noch einmal genau überlegen.

Denn ich warte eigentlich schon die ganze Zeit darauf, dass es endlich mal passiert: Nachts vor meiner Haustür, auf dem U-Bahnsteig und vor allem im direkten Zusammenhang mit einer Lesung: Jemand fragt: „Bist du Uli Hannemann?“, und ich sage: „Ja“, und er zimmert mir volle Pulle eine in die Fresse. Das würde mich meine Ehrlichkeit dann doch im Nachhinein bereuen lassen.

„Aber warum sollte er das überhaupt tun?“, werden nun manche arglos fragen, die mit der Welt der Kunstkritik womöglich weniger vertraut sind; schließlich ginge ich hier doch nur meiner Kunst, meiner Arbeit, meinem Hobby nach.

Die Antwort: Weil es ihm nicht passt, was ich schreibe. Und die Reaktion darauf ist, wie mir auch einschlägige Netzkommentare zu meinem Schaffen zeigen, komischerweise oft von erstaunlich hochgradigen Erregungszuständen getrieben.

Das mag auch mit dem Medium „Schreiben“ zu tun haben. Ein Maler erlebt vermutlich eher selten, dass ihn nach der Ausstellung jemand auf dem Museumsklo abpasst, ihn fragt: „Bist du dieser Rembrandt?“, und dann: Bämmm! Und dieser Rembrandt rappelt sich vom vollgepissten Boden auf, hält sich die Backe und fragt weinerlich: „Ey, Mann, spinnst du, was sollte das denn jetze?“

Zwerge, die total triggern

Und der Angreifer so: „Da hinten in der einen Ecke von dem Bild mit der Trulla unter dem Kirschbaum ist viel zu viel Grün. Und der Himmel ist voll scheiße gemalt. Und die Zwerge da am unteren Bildrand gehen so was von gar nicht, die haben mich total getriggert …“

Und dieser Rembrandt dann so: „Das sind doch gar keine Zwerge, das sind Blumen, und der Himmel muss so, und der sah in dem Moment auch eins zu eins so aus, und sowieso ist das doch alles irgendwo auch künstlerische Freiheit.“

„Das sind Zwerge!!“, schreit der Schläger, „und meine nächste Backpfeife ist auch künstlerische Freiheit.“ Er hebt erneut die Faust, und die beiden sind ganz allein auf dem Museumsklo, und der Kunstkritiker ist auch viel stärker und offenbar komplett durchgeknallt dazu.

So was kommt viel seltener vor, als dass irgendwem ein veröffentlichter Text nicht gefällt, und deshalb ist die Antwort auf die Frage, ob ich ich bin, eben nicht klar, sondern wird von mir stets aufs Neue ausgehandelt.

So wie ich hier und jetzt noch zögere, Zeit schinde und gleichzeitig fieberhaft die Absichten meines Gegenübers auslote: „Schnulli Hannemann, Hanni Schnullemann, je nun…“ Was führt er im Schilde? Ist er Freund oder Feind? Bin ich’s, oder bin ich’s nicht?

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Uli Hannemann
Seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor zahlreicher Bücher.
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2 Kommentare

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  • Was Hannemann



    so alles kann



    taz.de/Die-Wahrheit/!6150800/



    "Der Lauf der Dinge ist für Agenten / Schreiberlinge ein anderer"



    (Untertitel beim Foto)



    taz.de/Die-Wahrhei...bb_message_5189146

    Er sorgte als erster für Verwirrung, indem er Mathilda-Regine ein 'e' verpasste.

    Aber deswegen muss man ihn doch nicht gleich kreuzigen oder Knüppel aus dem Sack mit ihm spielen, obwohl die Assoziation zu Rembrandt stark prätentiös ist...

  • Was für ein Satzspiel:-)))

    Eine Begegnung mit einem Kritiker, nach einer Lesung auf dem Klo, löst Gedanken aus, die bildende Künstler sich vermutlich nie machen müssen.



    oder



    Eine Begegnung mit einem Kritiker nach einer Lesung, auf dem Klo, löst Gedanken aus, die bildende Künstler sich vermutlich nie machen müssen.