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Die WahrheitSexy wie ein Truthahn

Wenn das so weitergeht mit dem Klimawandel, dann werden in Irland bald Spitzenweine angebaut und gekeltert – mit einem wunderbar hohen Alkoholgehalt.

W ir haben gern Besuch. Vor allem, wenn er in einem Volvo Kombi aus Deutschland anreist und in der Pfalz den Kofferraum mit Kartons voller Wein gefüllt hat. Gundula und Anton hatten hervorragende Tropfen ausgesucht, was erstaunlich ist, denn sie reagiert allergisch auf Wein, und er hatte sich ein Sechserpack alkoholfreies Guinness mitgebracht, das er verschämt ins Haus schmuggeln wollte.

Während sich Anton an kastriertem Bier und Gundula an magenfreundlichem Kräuterlikör labten, veranstaltete ich eine Weinprobe ganz für mich allein: sieben Sorten – eine besser als die andere. Solche Gäste sind stets willkommen, selbst wenn sie seltsame Süffler sind.

Bald aber haben wir ausländische Weinalmosen nicht mehr nötig, prophezeien Klimaforscher. „Was den Weinanbau betrifft“, schrieb ein Experte, „werden wir wahrscheinlich eine Verlagerung in kühlere Re­gio­nen und Länder erleben, da­run­ter Skandinavien, Großbritannien und, ja, sogar Irland.“ Sogar Irland!

In den vergangenen 20 Jahren sind die Temperaturen in den meisten Weinbergen angestiegen, wodurch der höhere Zuckergehalt zu Alkoholbomben geführt hat. Vor 30 Jahren hatten die Bordeauxweine zum Beispiel einen Alkoholgehalt von 13 Prozent. Heute sind es 14 bis 15. Manche haben ihre Weinberge in höher gelegene Gebiete verlegt, wo die Temperaturen niedriger sind. Bald gibt es einen Alpenwein Domaine de la Zugspitze. Oder eben einen Chardonnay Talamh Móinéir – „Wiesenland“ – aus Irland.

Der seit dem 1. 1. 1993 existierende Europäische Binnenmarkt basiert auf freiem Waren-, Personen-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr. Vor allem auf den Warenverkehr hatten sich die Iren gefreut. Wein würde künftig genauso billig wie in Frankreich oder Deutschland sein, frohlockten sie. Dann kam die Ernüchterung, Irland hatte sich eine Sonderregelung gesichert: Für Alkohol, Zigaretten und Autos gilt der freie Warenverkehr nicht. Für einen Liter Wein werden 4,25 Euro Steuern fällig, wenn man ihn sich aus einem EU-Land schicken lässt.

Dabei steht in der Bibel: „Du sollst nicht nur Wasser zu dir nehmen, sondern auch ein wenig Wein, sprach Paul zu Ti­mo­theus, zum Wohle deiner Verdauung und gegen deine häufigen Erkrankungen.“ Mit dem Katholizismus ist offenbar nicht mehr viel los in Irland.

Ich hingegen beherzige das. Inzwischen war ich im Zuge meiner Ein-Mann-Weinprobe beim Riesling angelangt und zitierte das alte pfälzische Sprichwort: „Riesling in der Blutbahn ist sexy wie ein Truthahn.“

Gundula, die Pfälzerin, kannte das nicht. Woher auch? Eine entsprechende Lobpreisung von Kräuterlikör gibt es nicht. Von alkoholfreiem Guinness ganz zu schweigen. Ich habe die leeren Dosen heimlich bei Nacht und Nebel entsorgt, um nicht von den Nachbarn gemieden zu werden.

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Ralf Sotscheck

Ralf Sotscheck Korrespondent Irland/GB

Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht", "Zocken mit Jesus" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc. www.sotscheck.net
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2 Kommentare

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  • Wenn es der katholischen Kirche billigeren Messwein beschert, sind die Folgen wohl noch mal abzuwägen.

    Wie ist das dann mit Tabak, eigentlich, fragt der geneigte TOM-Leser sich.