Die These: Gebetsrufe demonstrieren Macht

Aus laizistischer Perspektive sind Muezzin-Rufe so wenig ein Fortschritt wie andauerndes Kirchengebimmel. Und laut ist es in Köln sowieso schon.

Eine Person hält sich mit Kissen die Ohren zu.

Wer das Leben der Menschen rhythmisiert, der hat es unter Kontrolle Foto: Bernd Jürgens/imago

Religion ist bekanntlich wie ein Penis. Es ist okay, einen zu haben. Und es ist völlig in Ordnung, stolz darauf zu sein. Nur sollte man ihn – bitte, bitte – nicht in der Öffentlichkeit herausholen und damit herumwedeln.

Mit diesem zugegeben leicht agnostischen Gleichnis ist der Gedanke des Laizismus im Grunde auf den Punkt gebracht. Auf Köln, wo alles „kütt, wie et kütt“, lässt er sich leider nur begrenzt anwenden. Dort wird demnächst ein Muezzin zum Gebet rufen, diese Woche hat die Stadt Köln ihr Okay gegeben. Jodeln darf der zum Gebet Rufende nun freitags zwischen 12 und 15 Uhr, für maximal fünf Minuten.

Und in diesem speziellen Fall wird’s schnell politisch. Und knifflig. Denn mit dem Popanz islamistischer Überfremdung lassen sich allzu leicht Ängste schüren. In Frankreich, dem Mutterland des Laizismus, funktioniert das sehr gut. Die Identitäre Bewegung hat sich einen reaktionären Jux daraus gemacht, überraschte Bevölkerungen mit einem Gebetsruf am frühen Morgen aus dem Schlaf zu reißen. Per Lautsprecher und als Weckruf sozusagen. Damit auch der letzte christlich geprägte Alteuropäer erwacht und erkennt, was ihm noch blühen wird.

Doch was Reisende aus Marrakesch, Amman oder Srinagar kennen und lieben, werden sie auch am Rhein weiterhin schmerzlich vermissen. Mit fünf Rufen am Tag, dem ersten bereits zum Sonnenaufgang, legt sich dort ein als exotisch empfundenes Gewebe aus Schallwellen über die Städte. Der Muezzinruf ist für die Phonetik, was das Minarett für die Architektur ist – eine Setzung.

Die Moschee selbst ist politisch

In Deutschland setzen behördliche Verfügungen den Traditionen dieser jüngsten aller abrahamitischen Religionen enge Grenzen – nicht aus Xenophobie, ach was. Einfach, weil es Deutschland ist: Die Nachbarschaft muss „mittels Flyer“ darüber informiert werden, dass es diesen Muezzin gibt und was der macht. Es gibt eine Lautstärkeobergrenze.

Politisch ist auch die Moschee selbst, weil sie der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (Ditib) – und damit Erdoğan – als Zentraltempel dient; mithin als kulturell-demografischer Fuß in der Tür einer allzu liberalen deutschen Mehrheitsgesellschaft. Schlimm. Andererseits sind rund 120.000 aller Kölnerinnen und Kölner muslimischen Glaubens. Schön, wenn die sich in ihrer Stadt zu Hause fühlen und ihre spirituellen Bedürfnisse befriedigen können.

Das alte Moscheegebäude hatte den Charme einer Kfz-Zulassungsstelle. Wer für Integration eintritt, kann sich über den Neubau von Paul Böhm nur freuen. Es ist ein soziokultureller Fortschritt, eine Bewegung in Richtung einer progressiveren Gesellschaft.

Ein zivilisatorischer Fortschritt aber ist es nicht. Zumindest nicht aus laizistischer Sicht, die dem Glauben und seiner Ausübung eher gleichgültig gegenübersteht und auf einer Trennung zwischen Staat und Kirche, Öffentlichem und Privatem, Vernunft und Hokuspokus beharrt.

Das Übergreifen von Religion in den öffentlichen Raum hat eine lange Tradition. Wer das Leben der Menschen rhythmisiert, der hat es unter Kontrolle. Beobachten lässt sich das etwa an St. Peter in Zürich. Schon den Vorgängerbau zierten seit der Reformation gewaltige Zifferblätter von absurder Größe. Sie zeigten in alle vier Himmelsrichtungen an, was die Stunde geschlagen hat.

Max Weber hatte erkannt, dass „zwischen gewissen Formen des religiösen Glaubens und der Berufsethik“ gewisse „Wahlverwandtschaften“ erkennbar seien. Die protestantische Prädestination lehrt, dass geschäftlicher Erfolg von Gott gewollt ist. Die Pleite übrigens auch, Pech gehabt. Wer sich aber bemüht und pünktlich (!) sein Tagwerk verrichtet, zeigt Gottesfurcht und Geschäftstalent gleichermaßen. Daher die großen Uhren von St. Peter, daher überhaupt auch die Uhrmacherkunst helvetisch-calvinistischer Provenienz.

Zwischen Religion und Kuhglocken

Glauben strahlt ab, auch wenn die christlichen Kirchen an Strahlkraft verloren haben. Wenn es neben Kuhglocken und dem Rauschen der Umgehungsstraße so etwas wie eine akustische Signatur der Provinz gibt, dann ist es das Gebimmel der Glocken. Vergessen ist der Sinn, dass das Morgenläuten an die Auferstehung, das Mittagsläuten an das Leiden und das Abendläuten an die Menschwerdung eines jüdischen Wanderpredigers aus Palästina erinnern soll.

Mag sein, dass die Kirche einst dem Landmann an seinem Pflug signalisierte, dass es Zeit für den Heimweg war. Selbst dieser im Kern schlicht telekommunikative Zweck ist mit der Zeit flöten gegangen.

Landauf, landab läutet es also in den Türmen weitgehend leerer Kirchen weniger aus christlicher, vielmehr aus folkloristischer Motivation. Es läutet, weil es immer läutete und weiterläuten wird bis zum Jüngsten Tag. Diese aus zugegeben agnostischer Sicht recht sinnlose Lärmentwicklung bleibt hierzulande weitgehend unproblematisiert.

In säkularen Ohren ist das kirchliche Geklingel kaum vom Röhren zu unterscheiden, mit dem ein Sven oder Mohammed auf seinen tiefer gelegten Subaru mit Rennauspuff aufmerksam zu machen versucht. Beides sind akustische Machtdemonstrationen mit dem Ziel, aus dem Dauerrauschen von Landmaschinen (Land) oder Verkehr (Stadt) hervorzutreten und „Ich bin da! Mich gibt es!“ zu sagen. Es gibt bereits ein Bundes-Immissionsschutzgesetz, es müsste nur zur Anwendung gebracht werden.

Wie wäre es mit einem gleichen Lärmrecht für alle?

So betrachtet spricht also nichts dagegen, den Muezzin vom Minarett seiner nicht ganz so leeren Moschee singen zu lassen – gleiches Lärmrecht für alle. Die Auflage, dies nur innerhalb eines eng begrenzten Zeitfensters zu tun, sollte fairerweise auch auf christliche Kirchen erweitert werden – mit Ausnahmen vielleicht an hohen Feiertagen. Gerne kann es, etwa an einem Bundesbimmeltag, immer mal wieder laut werden – gerne analog, besser noch parallel zum bundesweiten Test der Alarmsirenen zur Warnung der Zivilbevölkerung.

Wünschenswert in spirituellem wie sportlichem Sinne wäre es natürlich, die Automatisierung der Glocke wie des Muezzins zu untersagen. Es gibt keinen Grund, leierndem Geplärre vom Tonband zu lauschen. Ebenso wenig ist einsehbar, weshalb der Pfarrer für die wenigen Schäfchen seiner Gemeinde das abendliche Angelusläuten auf seinem Touchscreen programmiert.

Eine Religion, die nicht mit Lungen- oder Muskelkraft auf ihr liturgisches Brimborium aufmerksam machen möchte, hat den Respekt vor sich selbst verloren – und folglich auch keinen verdient. Es sollte selbstverständlich sein, dass der Pfaffe persönlich die Glocke und der Mohammedaner selbst die Stimmbänder in Schwingung versetzt. Im Contest erwiese sich auch gleich, welches die vitalere Religion ist. Und etwas leiser wäre es wohl auch.

***

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hatten wir geschrieben, der Neubau der Ditib Zentralmoschee in Köln stamme von Gottfried Böhm. Das ist falsch, er stammt von Paul Böhm. Wir bitten um Entschuldigung für diesen Fehler.

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