Die Linkspartei sucht neue Vorsitzende: Wer folgt Kipping und Riexinger?

Eine weibliche Doppelspitze – oder doch lieber ein gemischtes Doppel? In der Linken bringen sich mögliche Kandidat:innen für den Vorsitz in Stellung.

Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow

Auch bei der Linken möglich: zwei Frauen als Chefinnen – Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow Foto: dpa

BERLIN taz | Es war einer der letzten gemeinsamen Auftritte der beiden Linkspartei-Vorsitzenden Bernd Riexinger und Katja Kipping. Beide hatten am Wochenende ihren Rückzug bekannt gegeben. Am Montag traten sie in der Parteizentrale noch einmal zu zweit vor die Kameras. Zur spannendsten Frage, wer ihnen nachfolgt, mochten sie sich nicht äußern. Nur so viel wünschte sich Riexinger: Die Nachfolger bräuchten eine hohe Fähigkeit zum Integrieren.

Abseits der Scheinwerfer wird längst fleißig sondiert und taktiert. Die neue Doppelspitze – dass es ein Duo wird steht zumindest fest –, die auf dem geplanten Parteitag Ende Oktober gewählt wird, muss nicht nur die Partei einen, sie wird auch das Erscheinungsbild nach außen prägen und den Ton zur Bundestagswahl setzen. Wie stellt sich die Linke auf: Als moderat radikale Mitregierungspartei oder als radikale Kritikerin der Regierenden?

Es ist kein Geheimnis, dass sich Kipping, die in den letzten Monaten immer energischer die historische Möglichkeit eines Mitte-links-Bündnisses betonte, eine Nachlassverwalter:in wünscht, die das rot-rot-grüne Projekt zum Erfolg führt.

Eine solche Kandidatin wäre die Thüringer Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow. Die linke Pragmatikerin hat ein solches Dreierbündnis in Erfurt bereits zweimal eingefädelt und managt es zurzeit sogar mit Duldung der CDU. Ein weiteres Plus: Als einzige der potenziellen Kandidat:innen haben sie und ihr Landesverband Regierungserfahrung.

Viele Gespräche – wenig Konkretes

Wie alle anderen Bewerber:innen in spe hält sich Hennig-Wellsow aber noch bedeckt. Sie gibt lediglich preis, sie führe Gespräche. Im Übrigen habe sie in Thüringen genug zu tun – diese Woche stehen wieder Haushaltsberatungen an. Tja, der Regierungsstress.

Zwischendurch macht Hennig-Wellsow aber auch mal Abstecher zu ihren Kolleg:innen. Die Runde der ostdeutschen Landesvorsitzenden traf sich am vergangenen Montag und wird auch Ende dieser Woche noch einmal zusammenkommen. Der Eindruck aus Teilnehmerkreisen: „Sie will es.“

Als aussichtsreiche Co-Vorsitzende wird Janine Wissler aus Hessen genannt. Die beiden Frauen könnten die erste weibliche Doppelspitze in der Geschichte der Linkspartei bilden und dabei alle Anforderungen der schwer auf Proporz bedachten Partei erfüllen: Ost und West, linker Flügel und Reformer. Wissler und Hennig-Wellsow verbindet nicht nur ihre derzeitige Stellung als Fraktionsvorsitzende in einem Landtag. Sie haben auch an einem Strang gezogen, als die Linke sich parteiintern in der Migrationsdebatte aufrieb.

Sie setzen jedoch ganz unterschiedliche Akzente: So betonte Hennig-Wellsow auf der Strategiekonferenz im März, die Linke müsse Verantwortung übernehmen. Wissler hingegen erntete auf der gleichen Veranstaltung Beifallsstürme als sie rief: „Es rettet uns kein höheres Wesen und auch kein linker Minister.“

Der Realo und die Trotzkistin

Auch Wissler gibt bislang keinen Mucks von sich, soll aber viele Gespräche führen. Unter anderem mit Jan Korte. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion hatte bislang kein Interesse an dem nervenaufreibenden Posten des Parteichefs, obwohl er in den Augen vieler das Zeug dazu hätte. Er ist redegewandt mit Hau-drauf-Qualitäten und denkt strategisch. Der Realo Korte und die Trotzkistin Wissler hatten Anfang 2019 auch schon mal ein gemeinsames Strategiepapier verfasst. Titel: „Die Kämpfe verbinden.“

Auf Nachfrage der taz äußert sich Korte nicht. Genauso wenig wie Matthias Höhn. Der Ostbeauftragte der Bundestagsfraktion wird ebenfalls als potenzieller Parteivorsitzender genannt, wenn auch unter Vorbehalt. Sollte Höhn nämlich Parteichef werden, könnte Korte im schlimmsten Fall sein Bundestagsmandat verlieren. Denn beide kommen aus dem Landesverband Sachsen-Anhalt und ob von dort wieder sechs Leute über die Liste in den Bundestag einziehen, ist fraglich.

Ein möglicher Anwärter auf einen Spitzenposten ist auch Ali Al Dailami. Der Mitarbeiter der Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali genießt nicht nur deren Rückhalt, sondern auch das Vertrauen des Kreises um Sahra Wagenknecht. Als weiterer Kandidat aus dem linken Lager fällt auch immer wieder der Name von Fabio De Masi. Der Finanzexperte der Fraktion treibt derzeit die Bundesregierung im Fall Wirecard vor sich her und ist regelmäßig in den Medien. Ob er sich auch das Amt des Parteivorsitzenden zutraut? „Ich habe ein gesundes Selbstvertrauen. Aber Lust wäre etwas übertrieben“, antwortet De Masi.

Die Fraktion der Linken trifft sich in dieser Woche zur Klausur, eine gute Gelegenheit für Gespräche aller Art. Sie rechne damit, dass es bald ganz offizielle Kandidaturen gebe, sagte Kipping am Montag. Sie wird es ja wissen.

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