Janine Wissler im Porträt: Die Frontfrau aus Hessen

Janine Wissler will Parteivorsitzende der Linkspartei werden. Kann sie den bunten Haufen einen? In Hessen hat sie lange Erfahrung gesammelt.

Portrait von Janine Wissler

Janine Wissler hat in Hessen unter Beweis gestellt, dass sie Erfolge erringen und ausbauen kann Foto: Andreas Arnold/dpa/picture alliance

WIESBADEN taz | „Gekommen um zu bleiben“, unter diesem Motto hat die Linken-Landtagsfraktion mit Janine Wissler 2018 ihr zehnjähriges Jubiläaum gefeiert. Jetzt geht ihre Chefin womöglich nach Berlin. Wissler hat am Freitag als erste der möglichen Anwärter:innen für den Vorsitz der Linkspartei ihre Kandidatur verkündet.

Die beiden amtierenden Vorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger hatten am vergangen Freitag und Samstag angekündigt, dass sie nicht mehr für ihre Ämter kandidieren. Damit ist der Weg frei für eine neue Doppelspitze.

Janine Wissler hat in Hessen unter Beweis gestellt, dass sie Erfolge erringen und ausbauen kann. 2008 waren sie und die Linkspartei erstmals in den hessischen Landtag eingezogen. Die studierte Politologin Wissler war damals die jüngste Abgeordnete im Parlament. Sie hatte sich zuvor bei Attac, in der WASG und im Kampf gegen die Studiengebühren in Hessen profiliert. Von Anfang an boten ihr im Landtag die „hessischen Verhältnisse“ eine Bühne, auf der sie ihr rhetorisches Talent unter Beweis stellen konnte.

Die schwarz-gelbe Regierungskoalition unter Ministerpräsident Roland Koch hatte ihre Mehrheit verloren und blieb lediglich geschäftsführend im Amt. Die Opposition trotzte der Minderheitsregierung neben anderen Zugeständnissen schließlich die Abschaffung der Studiengebühren ab. Als die damalige SPD-Chefin Andrea Ypsilanti im Herbst 2008 den Machtwechsel wagen wollte, scheiterte sie nicht an den Linken, sondern an wortbrüchigen SozialdemokratInnen.

Gefürchtet für bissige Zwischenrufe

Bei den „Duldungsverhandlungen“ hatte Wissler Geduld und Beharrlichkeit bewiesen. Die junge Partei, zu der sich unabhängige Linke, Mitglieder aus WASG, DKP und PDS zusammengerauft hatten, überstand die Zerreißprobe. Dass sie ihren Platz im Landesparlament seitdem bei drei weiteren Wahlen behaupten konnte, verdankt sie zu einem beachtlichen Teil ihrer Frontfrau, die seit 2009 als Fraktionschefin amtiert.

Im Landtag sind nicht nur ihre bissigen Zwischenrufe gefürchtet, sie formuliert prägnant und kommt schnell auf den Punkt. Im NSU-Untersuchungsausschuss, wo Wissler stellvertretendes Mitglied war, nervte sie die CDU mit ihren präzisen Fragen derart, dass sie ihr Fragerecht mit einem Geschäftsordnungstrick zu beschränken versuchte. Es blieb beim Versuch.

Auch dem neuen Untersuchungsausschuss, der unter anderem das Behördenversagen vor dem Mord an Walter Lübcke aufklären soll, gehört sie stellvertretend an. Als „infam“ empfindet sie den Vorwurf aus dem Regierungslager, die Linken instrumentalisierten die rechte Gewalt. „Seit wir dem hessischen Landtag angehören, warnen wir vor den rechten Strukturen und Netzwerken, doch niemand hat uns Ernst genommen“, sagt sie.

Kein Lagerwahlkampf Rot-Rot-Grün

Sie selbst ist schließlich Opfer als Adressatin rechter Morddrohungen unter dem Label NSU2.0; auch persönliche Daten von ihr wurden aus Polizeicomputern abgerufen. Die Landespolitik mache ihr gleichwohl nach wie vor Spaß, versichert sie noch vor wenigen Wochen.

Doch sollte sie zur Parteivorsitzenden gewählt werden, wird Wissler nach der Logik der Parteistrategie zur Bundestagswahl 2021 nach Berlin wechseln. Sie hat 2008 und 2013 in Hessen über ein rot-rot-grünes Bündnis verhandelt, das jeweils rechnerisch möglich gewesen wäre. Rot-Rot-Grün auf Bundesebene wird an ihr persönlich nicht scheitern. Doch von einem Lagerwahlkampf rät sie ab: „Es kommt darauf an, mit einem guten, linken und ökologischen Programm ein gutes Ergebnis zu erzielen“, sagt sie und fügt hinzu. „Wir werden die Tür nicht zumachen, es kommt dann auf die Inhalte an.“

Die Kandidatin für den Linken-Bundesvorsitz gilt zu Recht als unprätentiös. Eigentlich wurde ihre Geburt im hessischen Langen unter dem Familienname Wißler eingetragen. Doch schon die Passstelle des Ordnungsamtes scheiterte an dem „scharfen s“. Im Namensfeld war „Wißler“ dokumentiert, weiter unten in der computerlesbaren Zeile dagegen „Wissler“. Sie entschied die Sache pragmatisch: „In Zeiten von Internet und E-Mail ist ein ß im Namen schwierig und ich nutze die Doppel-S-Schreibweise, damit es einheitlich mit Website und E-Mail ist“, twitterte sie.

Dass es in Hessen ohne sie bei der Landtagswahl 2023 knapp werden könnte, glaubt sie nicht. „Wir haben viele gute Leute in der Fraktion und im Landesverband und ich wäre doch auch nicht weg aus dem Landesverband,“ sagt sie. Ihre künftige Präsenz auf Bundesebene könnte schließlich auch ihren hessischen GenosseInnen zu Gute kommen.

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