Theater in Georgien: Die Kunst des Widerstandes
Die prorussische Regierung Georgiens will das Theater auf Linie bringen. Schon wer einen nackten Po zeigt, wird der LGBTQ-Propaganda beschuldigt. Eine kleine Bühne wehrt sich.
A lles ist rot, gold und pompös. Das Bühnenbild des Theaters Haraki soll an diesem Abend an die dunkle sowjetische Vergangenheit Georgiens erinnern. Schauspielerin Sopiko Gvimradze steht in Karohemd und Lederjacke vor dem leeren Saal und geht ein letztes Mal ihren Monolog durch. Das Stück, das sie zusammen mit ihrer Crew in dem kleinen, unabhängigen Theater in Tbilissi aufführt, soll eine Abrechnung werden mit der georgischen Regierung und wie sie Kultur für sich instrumentalisiert. Die Regierungspartei Georgischer Traum hat sich vor etwas mehr als einem Jahr auch offiziell von dem Weg in die EU verabschiedet. Das Ziel: näher an Russland rücken. Das bekommt auch die Kulturszene durch repressive Gesetze immer härter zu spüren. Deshalb liegt Anspannung in der Luft. Gvimradze zeigt auf das leere Totenbett hinter sich: „Es ist eine Beerdigung“, sagt sie, „du wirst dich totlachen.“
Das Stück heißt „Pathethic Monologue“. Bevor es losgeht, läuft Temo Rekhviashvili nervös die Bühne ab und tackert alles fest, was die Illusion vom perfekten autoritären System zunichte machen könnte: Vorhänge, einen Teppich, selbst die roten Bezüge auf den Stühlen sind vor seinem Tacker nicht sicher. Das Bühnenbild soll an die Propagandainszenierungen der Sowjetunion erinnern. Ein Hinweis, den in Georgien jede:r sofort versteht. Die Handlung: Ein alter, prominenter Theaterschauspieler wird zu Grabe getragen, Weggefährten treten nacheinander ans Rednerpult und reden viel, ohne etwas zu sagen. „Der Gestorbene, das soll Georgien sein“, sagt Rekhviashvili, der sich das Stück ausgedacht hat. Der Subtext im Stück ist, dass das Theater Teil des Problems ist und dass die Machthabenden versuchen, es für prorussische Propaganda einzusetzen.
Das Theater Haraki ist noch relativ jung. Es befindet sich in einem alten, umgebauten Weinkeller. 2019 gegründet, musste es während der Pandemie direkt wieder schließen und konnte erst 2021 wieder öffnen. Es ist eine der wenigen unabhängigen Bühnen Georgiens. Unabhängig heißt, dass es keine staatlichen Subventionen bekommt und sich über die Ticketeinnahmen finanziert. Regisseur Sandro Kalandadze und Autorin Mariam Megvinyte haben es gegründet, um mit den Traditionen des georgischen Theaters zu brechen, das normalerweise von Vorgaben durch den Staat und klaren Hierarchien geprägt ist. Sie wollen frei sein vom Einfluss des Kulturministeriums und selbst entscheiden, was hier auf der Bühne gespielt wird.
Ein wichtiges Instrument der Regierung ist das Kulturministerium. Mit repressiven Gesetzen geht es gegen die Kunstfreiheit vor. Seit 2021 will das Ministerium die Kultur- und Bildungsinstitutionen des Landes auf Parteilinie bringen. Kino, Literatur, Musik, Universitäten. Nicht selten unter dem Vorwand, Tradition und christliche Werte schützen zu wollen. Und häufig ähneln die Gesetze russischen Pendants – so wurde auch das „Ausländische-Agenten-Gesetz“ gegen NGOs nach dem Vorbild des Putin-Regimes eingeführt.
Im März 2025 wurde die Vergabe der Leitungen staatlicher Theater neu geregelt. Zuvor war die Verantwortung auf zwei Personen aufgeteilt, eine für den künstlerischen Bereich, eine für die Administration. Beide konnten unabhängig voneinander Entscheidungen treffen. Die Regierung ließ verlautbaren, dieses System sei veraltet und heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Wer die staatlichen Theaterhäuser in Zukunft leitet, das entscheidet aktuell allein Tinatin Rukhadze, Kulturministerin des Landes seit Anfang 2025.
Ins Haraki sind heute hundert Menschen gekommen, es ist ausverkauft. Bevor die Gäste reingelassen werden, bringen sich die Schauspieler:innen in Position. Sogar sie tragen alle Rot. Ein rotes Kleid, einen roten Trainingsanzug, rote Blumen, alles rot. Es soll wohl kein Zweifel daran bestehen, dass man sich beim Agieren der neuen Regierung an die sowjetische Herrschaft in Georgien erinnert fühlt.
Schauspielerin Sopiko Gvimradze in ihrer Rolle als moderne Antigone
Den ersten Akt eröffnet Sopiko Gvimradze in ihrer Rolle als moderne Antigone. „Nicht einmal die Götter haben das über meine ganze Familie gebracht, sondern die Institutionen, die im Namen der Götter zu uns sprechen.“ Ein Satz aus einer griechischen Tragödie, der sich heute in Georgien topaktuell anfühlt.
Denn wie schnell man in den Fokus der Regierungspartei geraten kann, mussten die Schauspieler:innen und Mitarbeiter:innen des Royal District Theatres erleben. Anfang 2025 führten sie das Stück „LIBERTÉ“ des Regisseurs Data Tavadze auf. Dort inszenierten die Theatermacher:innen eine freizügige Szene. Ein Mann in Ritterrüstung mit entblößtem Po, der von verschiedenen sexuellen Praktiken erzählt. Nichts, was heute auf einer Berliner Bühne noch für Aufsehen sorgen würde.
Ein kurzer Clip dieser Szene, der heimlich aus dem Publikum gefilmt wurde, ging darauf tagelang durch die sozialen Medien und wurde stundenlang in Dauerschleife von den staatlichen Fernsehsendern ausgestrahlt. Die orthodoxe Kirche und die Regierungspartei sahen darin LGBTQ-Propaganda, mit der man gegen georgische Gesetze verstoßen und vor allem religiöse Gefühle verletzt habe. Das Theater machte deutlich, dass der Eintritt erst ab 18 war, auch deshalb ist die Verbreitung des Clips untersagt. In den Tagen darauf mobilisierten russlandnahe Rechtsextreme und versammelten sich vor dem Theater. Man forderte die sofortige Streichung aller Geldmittel durch das Kultusministerium. Ein Patriarch der georgischen orthodoxen Kirche drohte Direktor Tavadze mit der Forderung, er möge den „blasphemischen“ Aufführungen sofort Einhalt gebieten.
Vor den Folgen des Anti-LGBTQ-Gesetzes macht man sich auch im Haraki Sorgen. Offiziell ist es, genau wie in Russland, ein Gesetz zum „Schutz der Kinder und familiärer Werte“. In der Realität heißt es, dass jede öffentliche Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe kriminalisiert wird – auch ein Kuss auf der Theaterbühne. Es wäre also ein Hebel, mit dem man auch die unabhängigen Theater drankriegen könnte.
Eine Frage der Zeit?
„Wir warten immer noch, was passieren wird, wenn wir die rote Linie überschreiten“, sagt Gvimradze vor der Aufführung über das Gesetz. Sie denkt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie Geldstrafen zahlen müssen oder im schlimmsten Fall sogar verhaftet werden. „Kommt es darauf an, wer im Publikum sitzt? Oder wer nicht im Publikum sitzt?“
Auf der Bühne liegt im Totenbett der berühmte Schauspieler. Um ihn herum sind leere Stühle, auf die sich ein Gast nach dem anderen setzt und eine kurze Trauerrede hält. Alles ist sehr komisch, fast albern. Der offensichtlich noch lebende Gestorbene blinzelt immer wieder auf und reagiert auf die Reden der Gäste seiner Beerdigung. Der Tote ist nicht totzukriegen.
In der Pause erzählt eine ältere Frau, dass sie zum ersten Mal ins Haraki kommt. Sie ist aufgeregt. Sie findet es ganz anders als die anderen Theater in Georgien. Ein anderer Stil, viel freier würde man hier spielen, flüsternd ergänzt sie: „Viel Talent.“ Vor allem eins hat so richtig Eindruck hinterlassen: „Die roten Vorhänge, das assoziiere ich sofort mit Kommunismus – und das in der heutigen Zeit“, sie schaut dabei etwas besorgt. Sie selbst hat die Sowjetherrschaft erlebt. Sie kennt es, wenn alle um einen herum Angst davor haben, Kritik zu üben und lieber still bleiben. Bevor sie weiter ausholen kann, kommt das Zeichen, dass das Stück weitergeht.
Es nehmen immer mehr Trauergäste Platz neben dem toten Theaterschauspieler. Besonders gut kommt die Figur des Kulturministers an. In seinem Monolog haut er eine Chiffre autoritärer Kulturpolitik nach der anderen raus. „Diejenigen, die sich mir und meiner Regierung widersetzen, sind die echten Konformisten!“ Seine Performance besteht darin, sich selbst zum echten und wahren Widerstand gegen das Establishment zu verklären – eine Karikatur der Reden georgischer Politiker:innen im Staatsfernsehen.
Er schießt weiter gegen die westlichen Werte: „Es ist trendy geworden, uns zu kritisieren, attraktiv zu kleiden und sich zu pro-europäischen Werten zu bekennen.“ Gefolgt von dem ultimativen Machtinstrument aller Kulturpolitiker:innen: „Wir sollten die Mittel nur denen geben, die Talent haben, finden Sie nicht auch?“ Die anderen Figuren rollen gelangweilt die Augen. Diese Parolen kennt man in Georgien. Aus dem Publikum folgen Buh-Rufe und Gelächter.
Nicht überall gehen die Stücke so glatt über die Bühne. Das zeigt etwa die kurzfristige Absage des Theaterstücks „DARK WEB“ am staatlichen Batumi Drama Theatre. Der neue Leiter des Hauses, Kote Mzhavia, der regelmäßig in regierungsnahen Medien auftritt, stoppte die Premiere kurz vor der Aufführung im Februar. Offiziell begründete er die Entscheidung damit, dass das Stück neben der geplanten Auseinandersetzung mit Gewalt und Grausamkeit in der digitalen Welt auch eine politische Botschaft enthalte. Politik, so Mzhavia, gehöre nicht auf die Bühne des Batumi Drama Theatre. Man wolle ein Ort für Kultur sein und sich aus politischen Fragen heraushalten. Im Netz und von wenigen Stimmen aus der Kulturszene gab es Kritik an der Entscheidung. Unter dem Statement des Theaters auf Facebook kommentierte der georgische Autor Irakli Kakabadze: „Erschießt den Direktor! Schickt die Schauspieler nach Sibirien! Ehre dem Führer! Lang lebe die Partei!“ Eine sarkastische Abrechnung und ein deutlicher Vergleich mit der Sowjetzeit.
In Georgien zählte man 2024 insgesamt 54 Theater, von denen 46 vom Staat finanziert werden. Wer bei jenen arbeitet und eine andere Meinung als die Regierungspartei hat, muss Angst um seinen Job haben. Eine Schauspielerin aus dem Rustaveli-Theater berichtet, niemand wage mehr, sich irgendwie kritisch zu äußern. Sie will aus diesem Grund auch anonym bleiben und sagt: „Es ist echt wie Nordkorea. Niemand vertraut noch irgendwem.“ Sie war die Einzige, die auf die Anfrage nach der Situation am Rustaveli-Theater geantwortet hat. Es herrscht ein Klima der Angst. Was auf den staatlich finanzierten Bühnen aufgeführt wird, sind vor allem Stücke, die niemandem wehtun. Das so wichtige Rustaveli-Theater ist zur politischen Schaubühne der Regierungspartei geworden.
Dabei war genau das der Ort, von dem Gvimradze, als sie noch jung war, immer geträumt hat – die Bühne des altehrwürdigen Rustaveli-Theaters. „Als kleines Kind nahmen mich meine Eltern immer mit ins Rustaveli. Mit großen Augen habe ich den Schauspieler:innen zugesehen und wollte immer Teil dieser Welt sein“, sagt Gvimradze.
Kaum eine Kunstform ist so eng verbunden mit der georgischen Identität wie das Theater. Angeblich soll es schon im 3. Jahrhundert öffentliche Aufführungen gegeben haben. Der Einfluss griechischer Siedler:innen und die Urbanisierung georgischer Städte schafften neue Strukturen in Georgien. Dazu gehörten auch öffentliche Plätze, auf denen gesungen und getanzt wurde – alles in georgischer Sprache. Gerade in Zeiten von Besatzung und Fremdherrschaft waren die georgischen Theaterstücke Zufluchtsort für die Gesellschaft. Hier konnte man sich austauschen und die Machthaber:innen kritisieren – ohne dass man so einfach verstanden wurde.
Das galt auch einmal für das Rustaveli-Theater in Tbilissi. Es wurde 1887 eröffnet, als Georgien Teil des Russischen Zarenreichs war. Selbst in dieser Zeit war es ein Ort, um die georgische Sprache und Kultur zu bewahren. In der kurzen Zeit der unabhängigen Demokratischen Republik Georgien von 1918 bis 1921 blühte die Bühne auf, wurde zu einem wichtigen Zentrum der georgischen Identität. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung entdeckten viele Georgier:innen hier ihre Kultur wieder und träumten von einer sozialen Demokratie für alle.
Diese Entwicklung wurde 1921 mit dem Überfall der Roten Armee brutal beendet. Georgien wurde von der Sowjetunion annektiert, und die Rolle des Rustaveli-Theaters veränderte sich. Es ist die Zeit von Stalin, selbst gebürtiger Georgier. Seine Idee war es, die Kulturinstitutionen der eroberten Gebiete einzubinden, um die sowjetische Herrschaft zu legitimieren. Die Losung hieß: „National in der Form, sozialistisch im Inhalt.“ Sprachen, Kultur und Traditionen durften existieren – solange sie die Herrschaft Stalins nicht infrage stellten.
Für das Theater hieß das, dass man zwar eigene Stücke in georgischer Sprache aufführen durfte, aber gleichzeitig sehr vorsichtig sein musste. Jede künstlerische Eigenständigkeit war verdächtig. Kulturelle Vielfalt war nur als Fassade erlaubt. Wer nicht mitmachte, wurde erschossen. In der Zeit des Großen Terrors sind in Georgien ab 1937 Tausende Menschen hingerichtet worden. Jüngere Quellen sprechen von mehr als 14.000 Menschen, die exekutiert wurden. Viele weitere verschwanden in den Lagern des Gulag-Systems. Mahnendes Beispiel für diese Zeit ist der Tod von Sandro Akhmeteli. 1937 wurde der georgische Theatermacher wegen des Verdachts der Kritik an der Sowjetunion hingerichtet.
Als Direktor des Rustaveli-Theaters geriet Sandro Akhmeteli immer wieder mit den Vorgaben des Sozialistischen Realismus in Konflikt. Er galt als einer der innovativsten Regisseure der Sowjetunion – und wurde genau dafür angegriffen: zu national, zu experimentell, schließlich „konterrevolutionär“. Besonders sein Stück „In Tyrannos“ – also: „Gegen die Tyrannei“ – gilt bis heute als Meisterwerk des Widerstands. Es ist eine doppeldeutige Inszenierung über den Sturz eines anonymen Tyrannen.
In dieser Tradition sehen sich heute viele Theatermacher:innen Georgiens. Als am 28. November 2024 die georgische Regierung den Weg in die EU aussetzte, gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße, unter ihnen viele Theaterleute. Den Dezember über kam es immer wieder zu Straßenschlachten. Barrikaden brannten, Wasserwerfer und Gummikugeln schossen in die Menschenmengen. Die Polizei ging brutal gegen die Protestierenden vor. Eine Recherche der BBC legt nahe, dass es dabei zum Einsatz eines chemischen Kampfstoffes kam, den man aus dem Ersten Weltkrieg kennt. Auch Gvimradze war bei den Protesten, sie hatte wochenlang Atembeschwerden, die sie sich nicht erklären konnte.
Als die Polizei in den Club stürmte
Über 300 Menschen wurden während dieser Tage festgenommen. Aus Solidarität rief die Theaterszene einen Streik aus. Insgesamt zehn Bühnen der Stadt blieben leer. Die Theater wollten ein Zeichen setzen. Fast ein halbes Jahr lang pausierte auch das Haraki. So lange hielten es die Schauspieler:innen aus, auf Applaus und die Einnahmen zu verzichten. „Es war wirklich sehr schwer, in dieser Zeit nicht zu spielen“, erinnert sich Gvimradze. Vieles ging in ihnen vor, das eigentlich raus musste. Nach dieser Zeit wieder auf die Bühne zu gehen, sei auch nicht so einfach gewesen. „Wir haben deshalb eine ‚Unstoppable Performance’ gemacht.“ Vierzehn Stunden lang auf der kleinen Bühne des Haraki. Alles, was sich aufgestaut hatte, brach hier raus. „Die ganze Zeit haben wir die Kostüme gewechselt, ständig kamen neue Figuren auf die Bühne.“ Für Gvimradze war es die Aufführung ihres Lebens.
Sie erzählt, wie sie Jahre zuvor erstmals das Vertrauen in den Staat verlor. „Ich war 2018 im Club Bassiani und trank einen Cocktail, als die Polizei reingestürmt ist und mir eine Waffe an den Kopf gehalten hat.“ Der Club Bassiani spielt bis heute eine wichtige Rolle in der Protestbewegung. Hier kam eine junge Generation von Georgier:innen zusammen, die pro-europäisch waren und sich schon früh für eine liberale Drogenpolitik einsetzten. Einen Spruch dieser Zeit findet man noch heute überall in Tbilissi an den Häuserwänden gesprüht: „We dance together, we fight togeher“ – „Wir tanzen zusammen, wir kämpfen zusammen“. Der Polizeieinsatz war damals mit dem Drogenhandel im Club begründet worden – ein Vorwand, sagen viele, die den Club gut kennen.
Nach dem Vorfall folgten Proteste, die das kleine Land am Schwarzen Meer selten so gesehen hatte. Im Mai 2018 gingen Tausende junge Menschen auf die Straße, um für mehr Freiheit zu demonstrieren. Mittendrin Gvimradze. Ihr Blick auf die Politik und die Regierung in Georgien hat sich dadurch verändert: „Da habe ich verstanden, dass sie eine eigene Vision davon haben, wie meine Generation zu leben hat – christlich-orthodox, traditionell und ohne dass wir selbst mitreden dürfen.“
„Während der Bassiani-Proteste musste ich viel an die Geschichten meiner Großmutter denken“, sagt Gvimradze. Immer vor dem Einschlafen erzählte ihre Großmutter ihr von einem kleinen, geheimnisvollen Café, das im Keller des großen Rustaveli-Theaters war – das „Khimeroni“. In den 70ern, während der Sowjetherrschaft, war Gvimradzes Oma dort Dauergast. Oben auf der Bühne, vor Hunderten Gästen, wurden Stücke aufgeführt, die die Macht der sowjetischen Herrscher sicherten – unten im Keller konnte man frei sein.
Das „Khimeroni“ wurde 1919 noch in der unabhängigen demokratischen Republik Georgien gegründet. Hier überstanden Ideen der jungen demokratischen Republik Georgien die Eroberung und Unterwerfung durch die Rote Armee. In dem Café trafen sich gleichgesinnte Georgier:innen, um offen über Politik zu reden und sich frei zu fühlen. Man trank, tanzte und sang zusammen – und es gab eine kleine Bühne, auf der Theaterstücke aufgeführt wurden. Die Wände und Decken waren bemalt mit Theaterfiguren, Masken, Porträts von lebenden und toten Dichter:innen und Künstler:innen. Europäische Moderne traf auf uralte georgische Kultur. „Es ist wahrscheinlich ein ähnlicher Vibe wie heute die Clubs“, sagt Gvimradze. „Es war Club und Theater gleichzeitig und dort muss es sehr, sehr wild zugegangen sein.“ Mit diesen Geschichten im Kopf ist sie damals eingeschlafen und auch heute träumt sie noch davon.
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Die Razzia im Bassiani, das brutale Auftreten der georgischen Polizei und die Proteste haben in Gvimradzes Generation etwas Tiefgehendes verändert – das bis heute anhält. Vom Staat enttäuscht, lernte hier eine ganze Generation, dass man sich wehren kann und Protest etwas bringt. Denn in den Jahren darauf wurde die Drogenpolitik deutlich gelockert, Marihuana-Konsum wurde nicht mehr verfolgt, und auch die Polizei ging nicht mehr gegen Raver:innen in den Clubs vor. Die Zivilgesellschaft Georgiens wurde sichtbarer und fordernder – auch wenn die Veränderungen in der politischen Realität eher gering waren. Bis es wieder völlig kippte und die junge Generation erneut auf den Straßen bekämpft wurde.
Während der Proteste 2024/2025 zogen Gvimradze und das Ensemble vor das Rustaveli-Theater, sie hissten ein riesiges Banner mit dem Schriftzug „In Tyrannos“, dem Namen des Stücks des ermordeten Theaterdirektors Sandro Akhmeteli. Und nach einer Aufführung von „Hamlet“ bat das Haraki-Theater das Publikum, sie zu den Protesten zu begleiten. Das Ensemble – noch komplett in Kostüm – wurde von der Polizei mit Tränengas empfangen. Gvimradze sagt: „Für uns sind Theater und Protest keine Dinge, die man voneinander trennen kann.“
Die Angst ist bis heute groß, dass sich Georgien in ein Land wie Russland oder Belarus verwandeln könnte. Die ersten Monate ging Gvimradze noch jeden Tag protestieren, um für eine Zukunft in Freiheit und in der EU zu kämpfen – ohne Oligarchen, ohne Korruption. Mehr als 500 Tage, also fast eineinhalb Jahre, dauern die Proteste nun an. Und blieben bislang folgenlos.
„Ein sehr enger Freund von mir, auch Schauspieler, ist jetzt wegen der Proteste im Gefängnis“, sagt Gvimradze. „Wir haben immer zusammen protestiert. Wir waren sehr laut, aber immer friedlich.“ Es geht um Andro Chichinadze, einen bekannten und beliebten Theaterschauspieler aus Tbilissi. Im September 2025 wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Vorgeworfen wird ihm „Organisation, Anführung, Teilnahme an und öffentlicher Aufruf zu gewalttätigen Handlungen“. Gvimradze hat daran erhebliche Zweifel: „Sie sagen, sie hätten Videobeweise“, erklärt sie und meint mit „sie“ die Regierung, doch diese würden nichts von den Vorwürfen belegen.
Die vergangenen Monate waren kräftezehrend für die gesamte Protestbewegung. Und doch gehen einige Menschen weiter täglich auf die Straße. Gvimradze inzwischen nicht mehr. „Alles ist irgendwie instabil geworden, inklusive mir“, sagt sie über die aktuelle politische Lage in Georgien. „Es gibt Tage, da will ich nicht mal mehr Schauspielerin sein.“ Es fällt ihr immer schwerer zu erkennen, ob es noch Hoffnung gibt für Georgien. Gleichzeitig ist diese Verzweiflung auch ihr Antrieb weiterzumachen. Es war immer ihr großer Traum, auf der Bühne zu stehen und zu spielen.
Nach vier Stunden maximalem Körpereinsatz auf der Bühne und im Zuschauerraum ist das Stück vorbei. Sogar die Zuschauer:innen haben mitgespielt. Sie haben den fiktiven Kulturminister ausgebuht, über lustige Szenen gelacht und sich flüsternd ausgetauscht.
Ob sie eigentlich Angst vor dem Kulturministerium hat? Darauf hat Gvimradze eine klare Antwort: „Nein!“ Sie hat aufgehört, sich selbst infrage zu stellen. Sie will Freiheit für ihr Land, für ihre Mitmenschen und das georgische Theater.
Während das Publikum den Saal verlässt, singt aus den Lautsprechern Nick Cave „Death Is not the End“. Auf der Bühne bleibt das leere Totenbett. Mit den roten Vorhängen und dem vergoldeten Protz erinnert es an das Mausoleum von Lenin in Moskau. Aber dieses hier ist leer.
Sopiko Gvimradze zieht ihre Jacke an und geht raus in die kalte Nacht. Morgen geht es weiter mit der nächsten Aufführung. Gleiche Zeit, gleicher Ort, gleiche Wut.
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