Die IM-Liste von Halle: Geheimnis nach über 30 Jahren gelüftet
Im Sommer 1992 gelangte eine Liste mit 4.500 inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi an die Öffentlichkeit. In einer MDR-Doku treten die Whistleblower ans Licht.
Foto: Thomas Victor/mdr
Das war ein einzigartiger Skandal. 1992 veröffentlichten Unbekannte 4.500 Namen von inoffiziellen Mitarbeiter:innen (IM) der Stasi. Die Liste benannte geheime Spitzel, die von 1986 bis 1989 im damaligen Bezirk Halle erfasst wurden. Noch heute erinnern sich viele Menschen, nicht nur in Sachsen-Anhalt, an diesen Eklat.
Anonyme hatten über 100 Seiten mit Name, Deckname, Wohnort und Einsatzbereich an 30 Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung und Medien verschickt. Im Juli 1992 veröffentlichten erst das Neue Forum, dann die Bild-Zeitung in Halle (Saale) die geleakten Daten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Dem Boulevardblatt brachte das die dreifache Auflage. Schnell zeigte sich: Die Informationen waren echt, aber nicht vollständig. Bis jetzt blieb die Urheberschaft im Dunkeln.
Mit der investigativen Doku „Der große Stasi-Leak – Helden oder Verräter“ treten über 30 Jahre später fünf der sieben Whistleblower ans Licht. Dazu gehören der ehemalige Leiter der Hallenser Stasi-Unterlagen-Außenstelle Ulrich Schlademann, der Leopoldina-Archivar Wieland Berg, der lange von der Stasi verfolgte Umweltaktivist Matthias Waschitschka, die evangelische Pfarrerin Thea Ilse und der Druckereibetreiber Henning Schaarschmidt.
Was wurde aus Betroffenen?
Sie hatten entscheidenden Posten inne, um die Aktion durchzuführen. So stolperte Schlademann eines Tages über sogenannte „Krebse“, wasserdichte Behälter, die Mikrofilme mit zahlreichen Akten enthielten. Nur hier waren Klarname und Deckname von IM zusammengeführt. Aus Angst, die brisanten Informationen könnten in den turbulenten Wendejahren verloren gehen, sicherte die Gruppe die Daten in einer heimlichen Aktion.
Die MDR-Dokumentation, die schon jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen ist, geht dieser ungeklärten Geschichte endlich auf den Grund. Im True-Crime-Stil wird der Fall dramatisch aufgerollt. Schade nur, dass die einstündige Doku, trotz gründlicher Recherche, viele Fragen offen lässt.
die doku
„Der große Stasi-Leak – Helden oder Verräter“
64 Minuten, in der ARD-Mediathek
Sicher wäre ein ausführlicher Mehrteiler angebracht gewesen. So fallen einige Hintergrundinformationen dem Schnitt zum Opfer. Beispielsweise kommen zwar ehemalige IM, sowie Bild und das Neue Forum zu Wort, aber keine Person, die gegen die Veröffentlichung Klage einreichte, denn die erwiesen sich letztlich alle als erfasste Spitzel. Was wurde aus Gegner:innen und Betroffenen dieser Aktion?
Bereits wenige Tage vor Öffnung der Mauer begann die Staatssicherheit selbst, Akten zu zerstören. Für die Bürgerbewegung war klar: Hier muss gehandelt werden. Im Januar 1990 stürmten Aktivist:innen die Zentrale des MfS in Berlin. Zuvor war es an vielen Orten – so auch in Halle – zu Besetzungen gekommen, um die Vernichtung der wichtigen Unterlagen aufzuhalten.
Zu kurz geraten
Schließlich entstand unter Pastor Joachim Gauck die sogenannte Gauck-Behörde. Der spätere Bundespräsident sprach sich gegen die Veröffentlichung der 4.500 IM-Namen aus: „Meine Art der Vergangenheitsbearbeitung ist eine andere.“
Die sieben Aktivist:innen beschlossen, Namen ohne Kontext zu veröffentlichen, um eine Aufarbeitung der Vergangenheit zu starten. Sie erlebten hautnah, wie neue Posten in der Stadt mit alten Kadern besetzt werden sollten. Nur traf das mitunter auch Namensdoppelgänger:innen oder Menschen, die zur Mitarbeit gezwungen wurden.
Was wiegt schwerer: das öffentliche Interesse oder die Persönlichkeitsrechte? Das ist bei Leaks immer die Frage. Erst 2000 entschied das Bundesverfassungsgericht in letzter Instanz, dass die Auslegung der Listen rechtmäßig war – höchste Zeit, dass auch die Urheber:innen Stellung beziehen. Eine überfällige Doku, die leider viel zu kurz geraten ist.
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