Deutschland bei Leichtathletik-EM: Goldene Woche
Nach der tristen WM 2023 ist die Medaillenbilanz der deutschen Leichtathletik bei der EM in Birmingham prächtig. Die Reformen scheinen zu fruchten.
Foto: Matthias Schrader/AP Photo
Noch vor zwei Jahren wäre eine enttäuschte und weinende Malaika Mihambo eine Katastrophe für die deutsche Leichtathletik gewesen. Denn wer sonst als die Erfolgsgarantin schlechthin sollte für deutsche Medaillen bei großen internationalen Meisterschaften sorgen? In Birmingham aber lasteten die ganze Verantwortung und der Druck nicht auf den Schultern der Weitspringerin. Und so musste Mihambo nach ihrem fünften Platz nur mit den Tränen ihrer eigenen Enttäuschung kämpfen.
Denn dieses Mal war auf ihre Mitstreiter*innen Verlass. 21 Medaillen gewann das deutsche Team in Birmingham; das sind zehn mehr als noch vor zwei Jahren in Rom. Und während Mihambo damals in der italienischen Hauptstadt noch den einzigen Titel holte, durften sich dieses Mal direkt sechs deutsche Leichtathlet*innen über Gold freuen. Die sieben Tage von Birmingham können sich durchaus sehen lassen für den Deutschen Leichtathletik-Verband.
„Wir haben hier in Birmingham ein Team erlebt, das großartig aufgetreten ist“, so Jörg Bügner, DLV-Vorstand Leistungssport, zum Abschluss der Titelkämpfe am ARD-Mikrofon. „Wir sind auf einem sehr guten Weg, sehen eine größere Breite, junge Athletinnen und Athleten rücken nach, etablierte Leistungsträger entwickeln sich weiter und auch das Selbstverständnis unseres Teams verändert sich. Wir treten mit größerem Selbstvertrauen auf.“
Die Freude über das gute Abschneiden in Birmingham ist nachvollziehbar. Zu präsent sind noch die Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 2023 in Budapest, als das deutsche Team zum ersten Mal in seiner Geschichte ohne eine einzige Medaille die Rückreise antrat. Die Weltspitze? Meilenweit entfernt. Das erkannte auch der DLV und stieß Reformen an.
Verbesserte Strukturen
Jörg Bügner, DLV-Vorstand Leistungssport
Dies betraf zuvorderst das Personal, allen voran Jörg Bügner selbst. Seit Anfang 2023 ist der promovierte Trainingswissenschaftler als Sportdirektor beim DLV angestellt. Nach der WM in Budapest wurde sein Kompetenzbereich nochmals ausgebaut. Soll heißen, alle leitenden Bundestrainer berichten von nun an direkt an Bügner. Damit ersetzt er die bisherige Cheftrainerin Annett Stein, die daraufhin ihren Hut nahm.
Überhaupt sollten die Strukturen gestrafft und Verantwortungsbereiche geschärft werden. Das gilt auch für den Nachwuchs – sowohl, was Athlet*innen als auch Trainer’innen angeht. Dieser soll schneller an den Leistungssport herangeführt werden. Zudem wurden die Kaderrichtlinien angepasst. Athletinnen wie Julia Ulbricht, die im Speerwerfen überraschend Silber gewann und vorher keinerlei Förderung erhielt, schaffte dank ihres Medaillengewinns nun direkt den Sprung in den Olympia-Kader.
Trotz aller Euphorie über den Medaillensegen von Birmingham warnt Bügner vor zu hohen Erwartungen. „Wir dürfen jetzt nicht überheblich werden. In bestimmten Disziplinen war hier die absolute Weltklasse am Start, in anderen nicht. Es gibt noch einiges zu tun“, gibt er gegenüber der ARD zu Bedenken. „Wir wissen sehr genau, dass der Weg in einigen Disziplinen bis zur internationalen Spitze noch weit ist.“
Das Ziel des DLV ist es, bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles wieder zu den fünf besten Nationen in der Leichtathletik zu gehören, in Paris 2024 war man noch Elfter. Doch dann sind die deutschen Stars um Gesa Krause, Malaika Mihambo, Julian Weber oder Amanal Petros schon weit über 30 Jahre alt. Ob Owen Ansah, deutscher Rekordhalter und Europameister über 200 Meter, dann starten darf, ist ebenfalls aufgrund seines laufenden Dopingverfahrens ungewiss. Und ist man ehrlich, so ist die Weltspitze vor allem in den Laufdisziplinen doch noch sehr weit weg.
Dennoch macht die EM in Birmingham Hoffnung. Was auch an jungen Athleten wie Owe Fischer-Breiholz liegt. Der 22-Jährige wurde bei seiner ersten internationalen Teilnahme überhaupt guter Fünfter über die 400-Meter-Hürden, konnte aber seinen Ärger nicht verbergen. Er sei noch nie so enttäuscht gewesen und richtig von sich selbst genervt, sagte er nach dem Rennen. So auch Lea Meyer, die nach einem Sturz nur Vierte im Hindernislauf wurde und im Interview kurz darauf betonte, dass sie eine Medaille verdient hätte. Was das eigene Anspruchsdenken angeht, sind die deutschen Leichtathlet*innen auf jeden Fall schon einmal Weltspitze.
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