Deutscher Sachbuchpreis: Ausgezeichnetes Auslaufmodell
Der Deutsche Sachbuchpreis geht an Konstantin Richter und seine „Dreihundert Männer“. Er schreibt über Kapitänstypen, die westdeutschen Wohlstand begründeten.
Hier zu sitzen, fühlt sich an wie der Aufenthalt in der Gebärmutter oder im Magen eines sehr großen Aliens. Das liegt an der organischen Form der Wände und ihrer rötlichen Tönung. Im Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie wurde am Montagabend vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels der Deutsche Sachbuchpreis vergeben. Konstantin Richter war der Glückliche, der nach einer knappen Stunde den Preis zugesprochen bekam für sein Buch „Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG“.
In einer Fülle von Vignetten beschreibt Richter darin jenes Netzwerk aus Unternehmern, Bankiers, Managern und Lobbyisten, das mit der frühen Industrialisierung entstand. Walther Rathenau hatte an Sparta gedacht, als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb, dass dreihundert deutsche Männer die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents bestimmten.
Die Deutschland AG bestimme bis heute unser Selbstverständnis als erfolgreiche Wirtschaftsnation, so begründete nun die Jury ihre Wahl. Konstantin Richter zeige in seiner Geschichte der deutschen Wirtschaft seit der frühen Industrialisierung, wie wenig die damit verbundenen Vorstellungen und Konzepte noch auf die Gegenwart passten. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Die sieben übrigen Nominierten erhalten jeweils 2.500 Euro.
Starke Konkurrenz
Die Konkurrenz war groß, manche vermuteten, Irina Scherbakowa könne den Preis für ihr Buch „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“ und damit zugleich für ihr Lebenswerk bekommen, die Aufarbeitung der stalinistischen und sowjetischen Verbrechen und ihre unermüdliche Arbeit für den Aufbau einer kritischen und selbstbewussten Zivilgesellschaft in Russland. Als „Gewinnerin der Herzen“ wurde sie nachher beim Empfang bezeichnet.
Nominiert waren außerdem Heike Behrends „Gespräche mit einem Toten“ über den Propheten vom Arendsee, und Florence Gaubs „Szenario“, ein Buch, das Szenarien über die nähere Zukunft wie ein interaktives Spiel entwickelt. Tilmann Lahme zeichnet in seiner Biografie „Thomas Mann“ auf Grundlage lange nicht bekannter und beachteter Briefe, wie stark sich Mann zeitlebens an seiner Homosexualität abarbeitete. Bettina Schöne-Seifert bringt ihrer Leserschaft aktuelle Kontroversen der Medizinethik um „Leben, Körper, Tod“ nahe.
Ebenfalls im Rennen: Roberto Simanowski will mit seinen philosophischen Betrachtungen der sogenannten künstlichen Intelligenz unter dem Titel „Sprachmaschinen“ die Freude am Denken im Gang setzen. Ronen Steinke schließlich zeigt in „Meinungsfreiheit“ anhand vieler Beispiele, „wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken“, und plädiert dafür, den Trend umzukehren, immer mehr Äußerungen unter staatlichen Vorbehalt zu stellen.
Der Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz, hatte anfangs eine gut gelaunte und gewitzte Rede gehalten. Darin sinnierte er über die Gegenstände der Betrachtung durch Sachbücher, Non-Fiction. Und hielt sich selbst davon ab vom Verfassen zum Verfassungsschutz zu kommen, was mit Beifall quittiert wurde.
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