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Der eigene Vater – eine RetrospektiveGeschlagen hat er mich nie

Mein Vater trotzte als Kapitän den Meeren. Ich bewunderte und fürchtete ihn zugleich. Als ich selbst Vater wurde, wollte ich vieles anders machen.

1960 mit 18 Jahren, noch ohne Muskeln: der Vater von taz-Redakteur Gunnar Hinck als Seemann Foto: privat

Als ich ein kleiner Junge war, dachte ich, männlich zu sein heißt: Sechs Autos am Stück auf einer Landstraße zu überholen und einzuscheren, kurz bevor der Lkw naht. Auf dem Klo Zigarette zu rauchen und Zeitung zu lesen. Auf die Straße zu spucken, in dieser gezielten, schussartigen Version. Oberarme wie Baumstämme und kräftige Hände zu haben, die durch körperliche Arbeit entstehen und nicht im Fitnessstudio. Mit Daumen und Zeigefinger im Mund laut zu pfeifen. Einen tollen Beruf zu haben, der einen an ferne Orte wie Klaipėda, Tasmanien, Kap Hoorn, Abidjan, Kuba und San Francisco führt, die ich nur aus dem Schulatlas kannte.

Mein kindliches Männlichkeitsbild hatte ich natürlich von meinem Vater. Der wurde von seinem Vater als kleiner Junge immer wieder verprügelt, also ging er mit 15 einfach fort und fuhr zur See, was er – mit kurzen Unterbrechungen – die nächsten 50 Jahre tun sollte. Erst Schiffsjunge, dann Matrose, schließlich Steuermann, später Kapitän.

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Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz

Die Seefahrt war früher – nach altem, überkommenem Männlichkeitsverständnis – einer der männlichsten Berufe. Straffe Hierarchien, seltsame Rituale, keine Frauen an Bord. Ein rauer Umgangston: „Gib das Scheißseil her“ statt „Könntest du mir mal bitte das Seil rüberreichen?“. Einmal gerieten sie im Ärmelkanal vor England in Seenot, weil mitten in einem Orkan im Maschinenraum ein Feuer ausbrach. Ein paar Tage später saß er zu Hause mit mir am Küchentisch und zeigte Fotos von verkohlten toten Rindern, die im Hamburger Hafen mit einem Kran aus dem Schiffsbauch geholt wurden. Es waren irische Rinder, die lebend nach Deutschland gebracht werden sollten. Darüber, ob er selbst Angst gehabt hatte, sprach er nicht.

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Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fo­to­gra­f:in­nen der taz finden Sie hier in der Bildergalerie zur männertaz.

Ich bewunderte ihn für seinen Beruf und seine Art, die ihn abhob von anderen Vätern. In einer Silvesternacht, ich war so sechs oder sieben Jahre alt, fummelten auf dem Gehweg viele Väter mit ihren Kindern mit Böllern herum. Da marschierte mein Vater mit einer großen Pistole aus der Garage und gab einen einzigen, infernalischen Schuss in den Himmel ab. Es war eine Signalrakete vom Schiff, die minutenlang die Siedlung taghell erleuchtete. Alle andere Kinder reckten ihren Kopf in Richtung Himmel und interessierten sich nicht mehr für ihre Böller von Edeka. Sogar meine Fußballkumpels hatten Respekt vor ihm, sie zuckten zusammen, wenn er laut wurde, weil es beim Beladen des Autos auf dem Weg zum Auswärts-Fußballspiel nicht schnell genug ging.

Das Damenrad und der Sperrmüll

Ich bewunderte ihn für seine Zähigkeit und seinen unwahrscheinlichen Aufstieg mit neun Jahren Volksschule (heute: Hauptschule) im Hintergrund. Mit über 30 Jahren drückte er noch die Seefahrtschulbank, um Kapitän zu werden, paukte Physik, Astronomie, Meteorologie und Nautik.

Zugleich fürchtete ich ihn. Er war ein körperlicher Typ mit einer rauen, tiefen Stimme, die sehr laut werden konnte, wenn er wütend war. Früher habe ich nicht verstanden, woher diese Wut kam. Später, als ich seine eigene Familiengeschichte kannte, verstand ich sie.

Geschlagen hat er mich nie, nur einmal gab es eine Ohrfeige, aber da war ich schon 18, das zählt nicht richtig. An der Universität lernte ich Professoren- und Lehrersöhne kennen, die von ihren Vätern regelmäßig geschlagen worden waren. Da lernte ich: Die bürgerliche Fassade ist eben nur Fassade.

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Als ich älter wurde, distanzierte ich mich von dieser speziellen Männerwelt. Mit 12 Jahren ging ich nicht mehr zum Fußballtraining und schob umfangreiche Verpflichtungen der Schule vor – das zog immer, weil meine Eltern Respekt vor dem Wort „Gymnasium“ hatten. Mit ihm im irgendwie immer eiskalten Volksparkstadion sitzen, um HSV zu gucken, Boxkämpfe, Formel 1 und natürlich Fußball sehen im TV, stundenlang am Auto herumschrauben, ständig am Reihenhaus herumwerkeln – die Freizeit-Vater-Welt nervte mich zunehmend. Ich vergrub mich in Bücher, hörte Blur und Nirvana, fuhr ein altes Damenfahrrad und ließ mir die Haare lang wachsen, als ich 16 war.

Das mit den Büchern nahm er mit Humor. Manchmal lugte er in mein Zimmer und rief: „Na, alles klar, Herr Professor?“ Das mit dem Damenfahrrad nahm er hingegen ernst. Eines Tages war es verschwunden – von ihm auf den Sperrmüll geworfen. Ich war verletzt und sehr wütend, aber wo soll die Wut hin, wenn man einen scheinbar übermächtigen Vater hat, der Stürme bezwang und vor dem alle Respekt hatten?

Über seine eigene Kindheit redete er nie

Vieles war für ihn „weibisch“ – das Damenfahrrad, meine Bundeswehr-Verweigerung nach der Schule. Erst später begriff ich, wie frauenfeindlich und bescheuert dieses „weibisch“ ist. Dinge und Entscheidungen waren für ihn nicht einfach nur „weiblich“ – was an sich schon absurd ist –, sondern für einen Mann vollkommen inakzeptabel, und damit es auch jeder merkt, wird ein Begriff benutzt, der Frauen abwertet.

Foto: privat

Was eine Verbindung zwischen uns war, die ich erst viel später verstand: Söhne autoritärer Väter lehnen sich nun mal gegen ihre Väter auf, auch wenn die Gründe bei uns unterschiedlich waren. Über seine eigene Kindheit redete er nie, auf Nachfragen reagierte er barsch. Dabei weiß ich von meiner Mutter und einem seiner drei Brüder: Er war der Unangepasste. Der, wie man früher sagte, „Freche“, der „nicht auf den Vater hören“ wollte. Vor dem Hintergrund hätte ich es mir gewünscht, dass er mein Damenfahrrad akzeptiert hätte.

Einmal, ich war 14 Jahre alt, war meine Mutter nach einem Ehestreit für ein paar Tage verschwunden, Handys gab es noch nicht. Aber mein Vater, meine große Schwester und ich wussten, wo sie war und ließen sie in Ruhe. Nachmittags fuhr mein Vater mit mir ziellos durch die Gegend, so, als ob er mit mir nichts anzufangen wusste, aber gleichzeitig mit mir Zeit verbringen wollte. Quality Time war bei uns größtenteils Muttersache.

Wir hielten an einem Gasthof an, um zu essen, ich bestellte Camembert mit Toast und Preiselbeermarmelade. Er war an diesen wenigen Tagen ganz anders als sonst, irgendwie weicher. Bis heute mag ich Camembert mit Toast und Preiselbeermarmelade.

Als das Zeltaufbauen nicht klappt, läuft der Schweiß

Als ich selbst Vater eines Sohns wurde, wollte ich natürlich vieles anders machen als mein Vater. Mehr Zeit miteinander verbringen, spielen, für ihn kochen, sich kümmern. Ich verbrachte Urlaube allein mit meinem Sohn. Seine Mutter, meine Partnerin, fand das gut. Der Klassiker: Was man selbst nicht gehabt hat als Kind, will man bei seinen eigenen Kindern nachholen.

Bei einem gemeinsamen Campingurlaub bekam ich einmal das Zelt nicht aufgebaut. Ich bekam Schweißausbrüche und fühlte mich wie ein Versager, irgendwie unmännlich, dass ich das Problem nicht gelöst bekam. Was denkt mein Sohn über mich? Imaginär spürte ich auch meinen Vater im Nacken, der sich über meine Situation lustig macht. Irgendwann stand das Zelt dann doch.

Und auch das ist der Klassiker: Natürlich steckt mehr im eigenen Vater, als man glaubt. Heute ist mein eigener Sohn 19 Jahre alt. Zeit für eine Selbstbefragung. Habe ich mich manchmal unnötig aufgeregt, wenn irgendetwas kaputtging (wie mein Vater es auch tat)? War ich manchmal zu streng, gerade beim Thema Schule? Ich erinnere mich, wie gestresst ich war, wenn es nicht so klappte, wie ich es mir vorstellte. Heute wäre ich gelassener; es ist doch später im Leben völlig egal, ob irgendwelche Hausaufgaben in der sechsten Klasse gemacht wurden oder nicht. Manchmal frage ich mich, ob ich ein besserer Vater als mein eigener Vater war. Das alte Konkurrenzdenken.

Einmal, ich war schon Ende zwanzig, tauchte mein Vater bei meinem ersten festen Job in einer Zeitungsredaktion auf. Ich hatte ihn gebeten, irgendwann mal nach meinem kaputten Auto zu schauen, das auf dem Verlagsparkplatz stand. Da stand er plötzlich im Großraum mit ölverschmierten Händen und rief durch das Geklackere der Computertastaturen hindurch halb empört, halb triumphierend, weil er den Fehler gefunden hatte: „Deine Lichtmaschine ist kaputt!“ Die anderen Redakteure reckten neugierig die Hälse. Mir war es peinlich. Heute bin ich mir sicher: Das war seine Art, seine Zuneigung auszudrücken. Er starb im vorigen Jahr mit 84 Jahren. Man muss verstehen, woher die eigenen Eltern kommen.

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