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Die Dronning-Louises-Brücke liegt auf Robert Habecks Weg ins Büro Foto: Mathias Eis

Demokratie in DänemarkZum Glück geht’s nach Norden

Die Zufriedenheit mit der Demokratie in Dänemark ist hoch. Das erlebt auch Robert Habeck, der in Kopenhagen wohnt. Was kann Deutschland sich abgucken?

Antje Lang-Lendorff

Aus Kopenhagen

Antje Lang-Lendorff

E s wirkt wie eine lang eingeübte Performance. Die Rad­fah­re­r*in­nen rollen über die historische Dronning Louises Bro, eine Brücke, die ins Kopenhagener Zentrum führt, und sammeln sich an der Kreuzung vor der roten Ampel. Erst 10, dann 20, 50, 80. Immer mehr kommen dazu, auf der Radspur staut es sich zurück bis auf die steinerne Brücke. Viele tragen wollene Mäntel und dicke Jacken. Die Sonne glitzert an diesem Morgen Mitte März auf dem Wasser des Sees, doch noch ist es kalt. Die Menschen warten ruhig. Kaum jemand redet, viele haben Kopfhörer auf.

Als die Ampel auf Grün springt, setzt sich der Pulk in Bewegung. Auch das erstaunlich leise, man hört nur das Sirren der Räder, mal quietscht etwas, mal rumpelt ein holzverkleidetes Lastenrad. Die Reihen lichten sich. Keine Minute später schaltet die Ampel wieder auf Rot. Das Schauspiel beginnt von vorne.

Auch Robert Habeck kommt über die Brücke gefahren, auf einem dunkelgrauen Rennrad mit Helm. Die Kreuzung liegt auf dem Weg zu seinem Büro. Der ehemalige Grünen-Chef und Wirtschaftsminister lebt gerade in Kopenhagen, wobei ihm das Wort „gerade“ wichtig ist. Aber dazu später mehr.

Habeck kennt das Land sehr gut und spricht auch Dänisch. Er hat schon als Student in Kopenhagen gewohnt, mit der Familie dann eine Weile in Svendborg in dem Haus, in das Bertolt Brecht vor den Nazis geflohen ist. Zurzeit arbeitet er am Dänischen Institut für Internationale Studien. Er beschäftigt sich mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Klimawandel, hält Vorträge, nimmt an Diskussionsrunden teil. Im Januar war er Gastprofessor in Jerusalem, er unterrichtet auch an der Universität Berkeley in Kalifornien. Aber in Kopenhagen haben er und seine Frau, die Schriftstellerin Andrea Paluch, ihren Lebensmittelpunkt. Jedenfalls gerade.

Habeck, in dunkler Jacke und Turnschuhen, hat sein Rad angeschlossen und steht auf dem Bürgersteig. Er deutet auf die Karawane, die auf der Straße vorbeigleitet. „Keiner drängelt oder wird aggressiv. Wer abbiegen will, macht ein Handzeichen. Alle sind rücksichtsvoll und entspannt.“ Für ihn ist das, was hier morgens an der Kreuzung abläuft, eine „Metapher für das Zusammenleben in Dänemark“.

Am Dienstag wählen die Menschen im kleinen Nachbarland im Norden ein neues Parlament, das Folketing. Eigentlich wäre dafür noch bis zum Herbst Zeit gewesen. Wahlen müssen in Dänemark mindestens alle vier Jahre stattfinden, aber die Ministerpräsidentin kann jederzeit Neuwahlen ausrufen. Und weil die Sozialdemokraten von Regierungschefin Mette Frederiksen seit der Grönlandkrise in den Umfragen ganz gut dastehen, lässt sie schon jetzt abstimmen. Überall in Kopenhagen hängen an Strommasten oder Geländern Plakate der Kandidat*innen, auch auf der Dronning Louises Bro. Von den Laternen sieht man teils nur die Spitze, so viele Gesichter sind den Mast hinauf aufgereiht.

Das Gesetz von Jante stellt eine Art Verhaltenskodex dar: Glaube nicht, dass du besser, klüger oder wertvoller bist als andere

In Deutschland hält sich das Interesse an den dänischen Wahlen in Grenzen. In den Umfragen sind die Sozialdemokraten stärkste Kraft, Mette Frederiksen kann vermutlich weiterregieren. Ansonsten ist die Gemengelage mit zwölf zur Wahl zugelassenen Parteien unübersichtlich. Und doch lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Nirgendwo sonst in der EU sind so viele Menschen zufrieden mit der Demokratie wie in Dänemark, 88 Prozent. In Deutschland sagen das nur 58 Prozent. Das Vertrauen der Dänen in die Institutionen ist groß – und das, obwohl das Land fast durchgängig Minderheitsregierungen hat. Was in Deutschland zunehmend zum Problem wird – das Misstrauen gegenüber dem Staat, die Entfremdung vom politischen System –, gibt es in Dänemark so nicht.

Und dann sind die Dänen auch noch ausgesprochen glücklich. Sie landen im World Happiness Report immer auf den ersten drei Plätzen, Deutschland steht aktuell auf Platz 17.

Kann sich Deutschland nicht ein bisschen was von Dänemark abgucken?

wochentaz

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Wollte man beschreiben, was das dänische Miteinander ausmacht, dann vielleicht am ehesten mit „Janteloven“, dem Gesetz von Jante. Es geht auf einen Roman aus den 1930er Jahren zurück und stellt in den skandinavischen Ländern eine Art Verhaltenskodex dar: Glaube nicht, dass du besser, klüger oder wertvoller bist als andere. Janteloven ist eine Aufforderung zu Bescheidenheit, zu Gleichheit, zu Konformität. „Man möchte nicht herausstechen. Das Gemeinsame wird als Weg zum Glück angesehen“, sagt eine Mitarbeiterin des Happiness Research Institute nahe des Kopenhagener Hafens. Sie heißt Catarina Lachmund, wie passend.

Den dänischen Gemeinsinn kann man im Kleinen im morgendlichen Radverkehr beobachten, aber auch im Großen. Etwa im starken dänischen Wohlfahrtsstaat, den schon Bernie Sanders im US-Wahlkampf 2016 zu seinem Vorbild erklärte. Dänemark zählt zu den Ländern mit den höchsten Steuern in Europa. Die Dänen stecken viel Geld in die Unterstützung von Familien, in frühkindliche Betreuung, in die gesundheitliche Versorgung, auch in Bildung. Die soziale Mobilität ist größer als in Deutschland. Man kann in Dänemark zwar leichter seinen Job verlieren, der Kündigungsschutz ist seit der Sozialstaatsreform in den 90ern und der Einführung des sogenannten Flexicurity-Modells aufgeweicht. Dafür sind die Ersatzleistungen sehr hoch, man bekommt Weiterbildungen finanziert und wird auf der Jobsuche unterstützt, sodass viele schnell einen neuen Arbeitsplatz finden.

Die soziale Absicherung fördere das Grundvertrauen, sagt Catarina Lachmund. „Die Menschen wissen: Wenn ich falle, werde ich aufgefangen, von Freunden, aber auch von der Gesellschaft.“ Sie sitzt auf einem Baumstumpf im Happiness-Museum, das von ihrem Institut bespielt wird, und erzählt vom Glück. Dass nicht nur man selbst, sondern alle, die man kennt und liebt, in der Not Hilfe bekämen, sei wichtiger als individueller Reichtum, sagt sie. So steht es auch an einer der Wände des Museums. Und weiter: „Vielleicht ist das der Grund, warum 88 Prozent der in Dänemark lebenden Menschen sagen, sie zahlten gerne ihre Steuern.“

Der Politologe Alexander Horn hat ein Buch verfasst, „Das politische System Dänemarks“. Er beschreibt den Effekt im Videogespräch so: „Wir sprechen von einem Feedbackloop. Der Wohlfahrtsstaat stützt und verstärkt sich selbst.“ In Dänemark gebe es eine breite Mittelschicht, die wisse, was sie bekomme für ihre Steuergelder. Das Modell werde nur von der libertären Partei Liberale Allianz infrage gestellt, sagt Horn. Die übrigen trügen den Wohlfahrtsstaat mit, selbst rechtspopulistische Parteien wie die Dänische Volkspartei oder die Dänemarkdemokraten.

Weil Mette Frederiksen es so will, wird am Dienstag gewählt Foto: Mathias Eis

Auch in der politischen Kultur macht sich der Gemeinsinn bemerkbar. Dänemark gilt als Konsensdemokratie. Das heißt, die Dinge werden stärker verhandelt, man sucht den Ausgleich mit verschiedenen Gruppen und Parteien. Das Wort Kompromiss hat in Dänemark, anders als in Deutschland, ein gutes Standing.

Insofern passt es, dass Robert Habeck sich in Dänemark wohlfühlt. Er hat als pragmatischer Grünen-Politiker und schließlich als Vizekanzler in der Ampel oft versucht, Kompromisse als wertvoll zu verteidigen. Der Weg von der Dronning Louises Bro zu Habecks Büro führt am Ufer entlang und durch ein Viertel mit hübschen Backsteinhäusern. Passanten erkennen Robert Habeck nicht. Falls doch, dann machen sie kein Aufheben darum. In Deutschland trage er draußen eine Cap, erzählt er. „Das wirkt wie eine Tarnkappe.“ Hier ist das nicht nötig.

Vor dem Gespräch will Habeck in der Küche des Instituts Kaffee holen. Die Maschine pustet Milchschaum in die Tasse, dann stoppt sie. „Pause“, steht auf dem Display. Habeck wird ungeduldig. Als Minister habe er immer drängeln müssen, dass alles schnell geht, sagt er. Das habe er noch nicht ganz wieder raus. Er lacht. Irgendwann läuft der Espresso in die Tasse.

Ich gehe komplett ins Offene und lasse die Leinen los

Robert Habeck

Das Institut ist kürzlich umgezogen. In Habecks Büro stehen zwei Schreibtische – demnächst kommt noch ein Kollege von der schwedischen Verteidigungsakademie – und leere Bücherregale vor einer kahlen weißen Wand. Personal beschäftigt er nicht. Die Kollegen hätten es sich schön gemacht mit Pflanzen, „typisch dänisch“. Er lässt den Raum lieber, wie er ist. „Ohne Ballast, frei.“

Im taz-Interview vom August hatte Habeck anlässlich seines Abschieds vom Bundestag gesagt, er wolle Abstand bekommen „zu dem engen Korsett des Berliner Politikbetriebs“, um „erst mal wieder zu empfangen und nicht gleich weiter zu senden wie die letzten Jahre“. Er wolle eine neue Geschichte. „Ich gehe jetzt komplett ins Offene und lasse die Leinen los.“ Wohin ihn dieser Weg führe, wisse er nicht.

Deswegen lebt er „gerade“ in Kopenhagen. Zu Themen jenseits der Bundespolitik, die ihn interessieren, äußert er sich weiterhin auch öffentlich. Beispielsweise zur politischen Kultur in Dänemark.

Die sei historisch gewachsen, sagt Habeck. 1864 verloren die Dänen gegen Preußen unter Bismarck, die Grenze wurde nach Norden verschoben. Mit den Provinzen Schleswig und Holstein fiel ein Drittel des dänischen Staatsgebiets an Preußen. „Für das kleine Land war das ein Trauma. Danach sagten sie: Jetzt setzen wir nicht mehr auf äußere, sondern auf innere Größe“, sagt Habeck. Die Dänen verabschiedeten sich von Expansionsbestrebungen und einem starken Militär. „Sie wollten einen guten Zusammenhalt haben und förderten Bildung und Kultur.“

Teile der Bildungsreformen aus dem 19. Jahrhundert gelten bis heute, etwa die Efterskole. Dänische Jugendliche verbringen dabei in der Regel ein Schuljahr im Internat, es gibt Themenschwerpunkte wie Sport, Musik oder Film. Vor allem aber geht es um die Gemeinschaft. „Du kommst als me, und du gehst als we“, sagt Habeck.

Mit den deutschen Gebieten verlor Dänemark 1864 auch den größten Teil seiner deutschsprachigen Minderheit, die Bevölkerung wurde homogener – was die Ausbildung der Konsensdemokratie und des Wohlfahrtsstaats begünstigte, wie Alexander Horn in seinem Buch schreibt. Arbeitsschutzgesetze und Sozialversicherungen wurden nach deutschem Vorbild eingeführt, da war das Land kaum industrialisiert. Eine erste demokratische Verfassung gab es 1849, seitdem ist Dänemark eine konstitutionelle Monarchie. Die demokratischen Spielregeln wurden mehrfach reformiert, 1915 führte Dänemark relativ früh das aktive Wahlrecht für Frauen ein.

Einschneidend für das politische System war die sogenannte Erdrutschwahl 1973. Bis dahin gab es vor allem vier große Parteien. Von links nach rechts: die Sozialdemokraten, die Sozialliberalen, die Liberalen und die Konservativen. Auch weil Sozialliberale und Sozialdemokraten nicht fähig schienen, der steigenden Steuerlast zu begegnen, verdoppelte sich die Zahl der Parteien im Folketing auf einen Schlag, schreibt Alexander Horn. In Dänemark gilt eine Zweiprozenthürde, kleine Parteien können relativ leicht ins Parlament einziehen.

Robert Habeck hat seinen Lebensmittelpunkt zurzeit in Kopenhagen Foto: Mathias Eis

Die Zersplitterung des Parteiensystems ist ein Grund, warum Minderheitsregierungen in Dänemark der Normalfall sind. Nur 2 von 23 Regierungen seit 1973 hatten eine eigene Mehrheit, dazu zählt auch die aktuelle von Mette Frederiksen. Nach der Wiederwahl 2022 gingen die Sozialdemokraten nicht nur mit den Moderaten zusammen, sondern auch mit der liberal-konservativen Venstre-Partei, die zum sogenannten blauen Block gehört, also zu den rechten Parteien.

Habeck erzählt, dass ihn damals ein dänischer Freund angerufen habe. „Er sagte: ‚Robert, du kannst dir nicht vorstellen, was bei uns los ist. Jetzt haben die eine Mehrheit. Jetzt können die machen, was sie wollen!‘ Ich meinte: ‚Das ist doch super. Ich habe die FDP an der Backe, ich hätte gerne eine stabile Mehrheit.‘ Aber der Freund war richtig empört. ‚Das ist gar nicht super. So läuft das bei uns nicht. Wo bleibt denn das Verhandeln, die Konsenskultur, der Ausgleich?‘ “

In Deutschland gelten Minderheitsregierungen als instabil, als Notlösung, wenn es gar nicht anders geht. In Dänemark ist das Verständnis ein völlig anderes. Man sieht dort, dass es durchaus funktionieren kann.

Eine Minderheitsregierung muss zwangsläufig mit der anderen Seite Kompromisse finden, um toleriert zu werden und den Haushalt durchzubringen. Der Einfluss der Opposition ist entsprechend groß. Je nach inhaltlicher Schnittmenge sucht die Regierung unterschiedliche Mehrheiten für ihre Gesetze. Das klingt für deutsche Ohren abenteuerlicher, als es ist. Flexible Mehrheiten „lassen sich als normale Variante demokratischen Regierens regelhaft und langfristig organisieren“, schreibt der Politikwissenschaftler Christian Stecker aus Darmstadt in seinem neuen Buch „Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern“. Man muss Steckers Thesen zur Abschaffung der Brandmauer nicht teilen, um seinen Überlegungen zu Minderheitsregierungen etwas abgewinnen zu können. Als Beispiele, wo das gut funktioniert, führt Stecker Neuseeland an – und Skandinavien.

Im Jahr 2040 werden die Menschen in Dänemark erst mit 70 in Rente gehen

Zu wichtigen Themenfeldern wie zur Verteidigungspolitik oder zur Energiewende werden in Dänemark Vereinbarungen getroffen, sogenannte forligs. Die sind langfristig bindend. Ein Hin und Her wie in Deutschland, wo die Regierung Entscheidungen der Vorgänger gerne mal zurückdreht – wie beim Bürgergeld oder dem Heizungsgesetz –, wird vermieden.

Die Rente ist so ein Beispiel für einen breit getragenen Konsens. 2006 beschloss das dänische Parlament mit großer Mehrheit, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu knüpfen. Seitdem wurde es mehrfach erhöht, zuletzt im vergangenen Mai. Im Jahr 2040 werden die Menschen in Dänemark demnach erst mit 70 in Rente gehen. Gewerkschaften sehen das kritisch, das Rentenalter wurde auch zum Thema im Wahlkampf. Frederiksens Sozialdemokraten kündigten an, die Absprache zum steigenden Rentenalter neu verhandeln zu wollen. Aber bis heute fühlen sich alle Seiten daran gebunden.

Weil man aufeinander angewiesen ist, spricht man auch anders miteinander. Es könnte ja sein, dass man selbst nach der nächsten Wahl wieder auf der anderen Seite sitzt und auf Unterstützung angewiesen ist. Es gibt also durchaus Möglichkeiten für Minderheitsregierungen, eine Politik zu machen, die langfristig trägt. „Die Kultur von Minderheitsregierungen bedeutet nicht permanente Krise, sondern permanente Vermittlungsarbeit. Hier klappt’s“, sagt Habeck.

Wobei die Stabilität der Regierungen selbst in Dänemark tatsächlich geringer ist. Eine Legislaturperiode dauert bis zu vier Jahre. Im Schnitt wählen die Dänen aber etwa alle zweieinhalb Jahre neu, sagt Alexander Horn. Auch das gilt als normal.

Robert Habecks Freund hätte sich übrigens gar nicht so aufregen müssen. Weil einzelne Abgeordnete aus ihren Parteien austraten, verlor Mette Frederiksen die Mehrheit im Parlament wieder, ab März 2024 regierte sie erneut mit einer Minderheit.

Die Work-Life-Balance ist wichtig. Nach 17 Uhr arbeitet kaum jemand, viele Dänen treiben Sport Foto: Mathias Eis

Wer sich durch Kopenhagen treiben lässt, bekommt den Eindruck: Es geht den Dänen ganz gut mit ihrem Modell. Die Altstadt ist saniert, ehemalige industrielle Hafengegenden wurden zu Wohngebieten mit moderner Architektur direkt am Wasser. Überall gibt es Orte der Begegnung, Cafés, kleine Läden. Parks und Sitzbänke. Öffentliche Bibliotheken, in denen Eltern mit Kindern in Socken rumlaufen, als wären sie zu Hause. Vielerorts kann man mitten in der Stadt baden. Dänemark ist teuer. Für eine unspektakuläre Hauptspeise zahlt man im Restaurant schnell 200 Kronen, also 26 Euro. Die Metro ist vollautomatisiert, sie fährt ohne Fahrer und rund um die Uhr. Wer ganz vorne sitzt, sieht durch die Scheibe, wie der Zug durch den Tunnel rast. Das fühlt sich ein bisschen wie Science-Fiction an.

Was im Vergleich zu Deutschland auch auffällt: Man sieht im Zentrum Kopenhagens viele weiße, viele gut gekleidete Menschen auf den Straßen. Es gibt weniger Diversität. Auch das gehört zur Realität in Dänemark: Einwanderer, vor allem muslimische, sind nicht erwünscht.

Das hängt mit der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei zusammen. Sie galt nach ihrer Gründung zunächst als Paria unter den Parteien. 1999 rief der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen ihren Vertretern im Parlament zu: „Egal, wie sehr ihr euch anstrengt, in meinen Augen werdet ihr niemals stubenrein sein!“ Doch schon ab 2001 war die Dänische Volkspartei eine wichtige Stütze der Minderheitsregierung des blauen Blocks und hatte danach großen Einfluss auf die Politik. Bei der Europawahl 2014 wurde sie mit knapp 27 Prozent stärkste Kraft.

Sowohl die rechten Parteien der Mitte als auch die Sozialdemokraten machten sich Forderungen der Rechtspopulisten zu eigen. Mette Frederiksen hat als Ziel „null Asylbewerber“ ausgegeben. Dänemark praktiziert heute eine harte Abschiebepraxis, schlechte Bedingungen sollen Geflüchtete abschrecken. Die Dänische Volkspartei lag 2022 nur noch bei knapp 3 Prozent. Doch es sitzen neue rechtspopulistische Parteien im Parlament. Zusammen kommen sie auf gut 14 Prozent.

Auch die sehr restriktive Migrationspolitik ist inzwischen Teil der dänischen Konsenskultur. Das Gesetz von Jante, andere so ernst zu nehmen wie sich selbst, gilt unter Einheimischen. Der Gemeinsinn kennt Grenzen.

Wenn du aus irgendwelchen Gründen nicht Teil der Konsenskultur bist, dann gehörst du nicht dazu

Robert Habeck

Und was kann und will man nun aus alledem für Deutschland ableiten?

Erst mal nicht so viel, würde man meinen, besonders angesichts der Migrationspolitik. Abgesehen davon lässt sich ein ausgeprägterer Gemeinsinn schlecht verordnen, höchstens langfristig fördern. Einen stärkeren Wohlfahrtsstaat könnte man wiederum nur mit linker Mehrheit durchsetzen, die ist derzeit nicht in Sicht. Und eine Konsenskultur, wie sie in Dänemark historisch verwurzelt ist, lässt sich auch nicht einfach auf Deutschland übertragen.

Er habe sein politisches Leben lang darüber nachgedacht, sagt Robert Habeck. „Aber mit dem derzeitigen Mindset funktioniert das dänische Modell in Deutschland nicht.“ Auch er würde seiner eigenen Partei immer raten, selbst in die Regierung zu gehen, statt eine andere zu tolerieren. Habeck war Teil der letzten bundesweiten Minderheitsregierung. Nach dem Ende der Ampel regierten SPD und Grüne von November 2024 bis zu den Neuwahlen im Februar 2025 ohne eigene Mehrheit. Viel ging da nicht.

Und doch kann der Blick nach Dänemark mittelfristig auch Hoffnung machen. In deutschen Parlamenten wird es angesichts von Volksparteien, die keine mehr sind, und einer starken AfD immer schwieriger, Mehrheiten zu bilden. Ein Teufelskreis: Je mehr Parteien sich in einer Koalition zusammenfinden, umso stärker müssen sie von eigenen inhaltlichen Positionen abweichen, umso verwaschener wird ihr Profil, umso mehr Streit gibt es innerhalb der Koalition, umso mehr Stimmen verlieren die Parteien an die AfD, umso mehr Parteien braucht es für eine Koalition.

Dänemark zeigt: Kommt es in Zukunft auch in Deutschland vermehrt zu Minderheitsregierungen, weil eine breitere Koalitionsbildung zu schwierig wäre, dann muss das nicht nur eine Bedrohung sein. Es kann auch Chancen bieten: für Vereinbarungen jenseits der eingeübten Rollenspiele von Koalition und Opposition; für Mehrheiten, die sich entlang inhaltlicher Schnittmengen bilden, sodass sich Parteien weniger verbiegen müssen; für eine politische Kultur, die den Konsens sucht.

Möglich wäre das. Christian Stecker hat in seinem Buch untersucht, inwiefern die institutionelle Ordnung in Deutschland – mit 83 Millionen Ein­woh­ne­r*in­nen deutlich größer als das 6-Millionen-Land Dänemark – Minderheitsregierungen zulässt. Weder die Regeln zur Kanzlerwahl noch die zum Misstrauensvotum stellen demnach eine echte Hürde dar. Schon eher der Bundesrat, also die Vertretung der Länder. Die gibt es in Dänemark so nicht.

Einige kleine Regeländerungen, etwa eine Abschwächung des Bundesratsvetos, könnten helfen, schreibt Stecker. Alles in allem kommt er aber zu dem Schluss: „Flexible Mehrheiten sind im bestehenden institutionellen Gefüge der Bundesrepublik möglich.“ Die deutschen Parteien hätten im gegebenen Verfassungsrahmen schon seit 1949 flexibler miteinander kooperieren können. Das war und ist nur nicht üblich und erlernt.

In Kopenhagen hängen an Geländern, Strommasten und Laternen die Plakate der Kan­di­da­t*in­nen Foto: Mathias Eis

Nun werden manche einwenden, das seien theoretische Überlegungen, die mit der deutschen Wirklichkeit nichts zu tun hätten.

Dann sollten sie nach Thüringen und Sachsen schauen, wo Minderheitsregierungen relativ geräuschlos zugange sind. In Sachsen kooperiert die schwarz-rote Minderheitsregierung mit der Linkspartei, den Grünen oder dem BSW. Dort wurde ein Konsultationsmechanismus entwickelt, der regelt, wie Gesetze in Zusammenarbeit mit der Opposition entstehen. Das sei mühsam und brauche viel Geduld von allen Beteiligten, heißt es. Aber bislang funktioniert es. Es wurden auch bereits Initiativen von Linken und Grünen beschlossen, was vorher undenkbar schien.

Eine Sache will Habeck am Ende des Gesprächs in seinem Büro noch loswerden, ohne die das Bild der dänischen Gesellschaft nicht vollständig wäre. „Wenn du aus irgendwelchen Gründen nicht Teil der Konsenskultur bist, dann gehörst du nicht dazu“, sagt er. Dänemark habe ein höheres Wohlstandsniveau als Deutschland. Die Menschen achteten sehr auf ihre Work-Life-Balance, nach 17 Uhr arbeite keiner mehr. Sie seien liberal und zufrieden. Im Sommer machten alle Sport, in den neuesten Klamotten.

Wenn man zu den wenigen gehöre, die nicht erfolgreich und zufrieden sind, wenn man vielleicht den Job verloren habe und keinen neuen finde, dann sei es schwer.

Das geballte Glück, es kann auch nerven.

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1 Kommentar

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  • Ich lese und lese und denke bri der ganzen Lobhudelei : Kommt noch was zur Migrationspolitik? Schließlich kam noch was. Seit 2015 hat Dänemark eine der härtesten Migrationspolitiken Europas, mitgetragen von den Sozialdemokraten. 2015, als Angela Merkel sagte:Wir schaffen das, 2015, als das Nachbarland Schweden im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die größte Zahl von Flüchteten aufnahm, 2015 verschloss das reiche Dänemark seine Herzen und machte die Grenzen dicht. Der Gemeinsinn ist etwas begrenzt. Und Jantes Gesetz, das kommt ursprünglich als Ideologie aus dem Nachbarland, aus Schweden.