Demo gegen die Öffentlich-Rechtlichen: Der Spritpreis ist nicht alles
Dutzende demonstrieren vor den NDR-Studios mit „Lüge“-Rufen gegen die Iran-Berichterstattung. Das ist falsch, doch die Wut ist verständlich.
E ine tiefe Stimme, offenbar KI-generiert, hallt am Freitagnachmittag über das NDR-Gelände in Hamburg-Lokstedt: „Ajatollah Khamenei is dead, wir tanzen auf seinem Grab“. Begleitet durch elektronische Beats dröhnt sie aus einer Bluetooth-Box. Sechzig Menschen unterstützen die Stimme mit ihren Rufen, sie tragen Schilder, Banner und Flaggen, darunter die israelische, die deutsche und die des iranischen Königreichs, aus der Zeit vor der Islamischen Revolution. Die Demonstrant:innen hoffen wohl, dass man sie bis in die Studios der Tagesschau hört. Sie sind, gelinde gesagt, unzufrieden mit der Iran-Berichterstattung. „NDR, mit euren Lügen seid ihr kurz davor, die Mullahs zu toppen!“, steht auf dem Schild einer Demonstrantin, „Wir zahlen Gebühren für Qualität, nicht für Propaganda des Regimes!“, auf der Rückseite.
Glaubt man Masoud Morani, der die Demonstration mitorganisiert hat, dann verbreite der NDR, nein eigentlich der ganze öffentlich-rechtliche Rundfunk, wenn nicht die gesamte deutsche Medienlandschaft, die Propaganda der iranischen Führung. Was dort gezeigt werde, sei nicht die Realität, sagt der Vollzeit-Aktivist gegenüber der taz. In seiner Realität eröffnen die Angriffe der USA und Israels eine historische Chance, das islamische Regime im Iran zu stürzen und wieder einen Schah einzusetzen. Wer Kritik an den Militärschlägen äußert oder sich für Verhandlungen ausspricht, ist in seinen Augen ein Sprachrohr des Regimes. Für ihn zähle der deutsch-iranische Grünen-Politiker Omid Nouripour genauso dazu wie die Iran-Forscherin Diba Mirzaei. Beide äußern sich regelmäßig kritisch über die iranische Führung.
Es ist leicht, Morani und seine Mitstreiter:innen als Spinner abzutun. Als eine weitere Gruppe, die „Lügen“ schreit, weil die Medien nicht genau das berichten, was in ihre politische Agenda passt. Es ist nicht die erste Demonstration dieser Art. In den vergangenen Monaten gab es ähnliche Protestaktionen prokurdischer und propalästinensischer Aktivist:innen vor dem Spiegel in Hamburg und dem ZDF Hauptstadtstudio in Berlin. Man liegt damit nicht falsch, sie als Spinner abzutun. Morani, der dem Rundfunk Lügen vorwirft, nimmt es mit den Fakten nicht sehr genau.
Dennoch sollten sich die Medien der Kritik nicht völlig verschließen. Denn bei all den Falschinformationen und teils kruden politischen Forderungen, die auf der Demo zu hören sind, schwingt auch ein nachvollziehbares Gefühl mit. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen, auch von der Regierung, aber vor allem von den Medien. Man spürt es, wenn Morani mit den Tränen kämpft, während er vom Leid der Menschen im Iran erzählt. Und von seiner Familie dort, die er seit Monaten kaum erreicht. Man spürt es auch, als zwei Frauen das Mikrofon ergreifen, deren Söhne das Regime im Iran umgebracht haben soll. „Das Benzin riecht für uns schon sehr lange nach unserem eigenen Blut“, übersetzt ein Aktivist ihre Worte. „Wir werden uns merken, wer an der Seite der Iraner stand.“
Nüchterne Berichte, emotionale Reaktionen
Die Demonstrierenden hören täglich von neuen Gräueltaten der Revolutionsgarden, sehen Videos davon in den sozialen Netzwerken. Die nüchterne Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien mag auf sie geradezu verharmlosend wirken. Zum Teil liegt das in der Natur der Sache. Journalist:innen können nur berichten, was belegbar ist, müssen Informationen verifizieren und Quellen überprüfen. All das ist schwierig in einem Land, in dem die Herrschenden seit Monaten das Internet blockieren und Menschen, die mit Medien sprechen, Repressionen fürchten.
Das entbindet die Medienhäuser allerdings nicht von der Verantwortung, in ihrer Berichterstattung die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Trotz der Internetblockade dringen vereinzelte Informationen aus dem Iran nach außen, Menschen in der Diaspora halten brüchigen Kontakt mit ihren Angehörigen. Deren Geschichten sollten an prominenter Stelle erzählt werden. Denn im Schatten des Krieges verschärft das Regime derzeit die Repressionen gegen die eigene Bevölkerung. Amnesty International warnt vor einer neuen Welle an Hinrichtungen. Gleichzeitig treffen die Militärschläge der USA und Israels immer wieder zivile Einrichtungen. Doch während Menschen im Iran durch Bomben sterben und Angst haben, in die Fänge der Revolutionsgarden zu geraten, diskutiert man in Deutschland über den Spritpreis. Als wäre der deutsche Autofahrer der größte Leidtragende dieses Kriegs. Die Geschichten der Iraner:innen gehen dabei häufig unter.
Ist der Benzinpreis an der Zapfsäule tatsächlich die relevanteste Entwicklung? Die sechzig Menschen, die sich an diesem Freitag vor dem NDR versammelt haben, sehen das anders. Viele der mehr als 300.000 mit iranischer Migrationsgeschichte in Deutschland vermutlich auch.
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