Dekolonisierung in Mexiko: Ein Mangel an Differenzierung
Ein mexikanischer Gebirgspass soll statt des Kolonisators Cortés künftig pauschal „die indigenen Völker“ ehren. Eine zweifelhafte Homogenisierung.
Foto: El Universal/ZUMA Press/imago
S ollte man einen Mann ehren, der auf seinem Weg Tausende unbewaffnete Zivilisten hinrichten ließ? Der 3.000 Frauen und Kinder mit einem Eisen als Sklavinnen und Sklaven brandmarken ließ? Ganz zu schweigen von den unzähligen Toten, die seine Kämpfe zur Eroberung Tenochtitláns, der Hauptstadt des Aztekenreichs, verursacht haben. Sollte man natürlich nicht, findet Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum und informierte Anfang August darüber, dass der Paso de Cortés nun in den „Paso de los Pueblos Indígenas“ umbenannt werden soll.
Der Gebirgspass vor den Toren von Mexiko-Stadt, zwischen den Vulkanen Popocatépetl und Iztaccíhuatl, soll also künftig nicht mehr an den Kolonisator Hernán Cortés, sondern an die indigenen Völker erinnern. Schließlich hätten die Ureinwohner Mexikos den Weg schon viel früher genutzt – lange bevor der spanische Eroberer 1519 mit seinen Truppen über den Pass in die Aztekenstadt einmarschiert ist. Mit der Änderung wolle man die historische Bedeutung der indigenen Völker hervorheben, erklärte die Staatschefin von der linken Partei Morena.
Natürlich gibt es keinen Grund, Cortés zu ehren. Sogar die spanische Krone kritisierte ihn damals für seine mörderischen Taten. Und die historische Rolle der Indigenen, die je nach Zählweise zwischen 10 und 19 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wird zweifellos zu wenig wahrgenommen. In der mexikanischen Geschichtsschreibung dominieren immer noch im Wesentlichen die Nachfolgerinnen und Nachfolger der Kolonisatoren, und an den Universitäten, anthropologischen Instituten oder Museen haben weiterhin vor allem sie das Sagen. Wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gilt auch hier: Je weißer, desto privilegierter.
ist Autor der taz.
Dennoch stellt sich die Frage: Wer genau sind denn nun die „indigenen Völker“, die künftig Cortés als Namensgeber des Gebirgspasses ersetzen sollen? Moctezumas und Cuauhtémocs „Mexicas“, besser bekannt als Azteken, die ziemlich brutal von Tenochtitlan aus gegen andere Stadtstaaten vorgingen und deshalb mit vielen im Krieg waren? Oder die Menschen aus Tlaxcala, die mit Cortés den Übergang zwischen den Vulkanen passierten, um die Hauptstadt ihrer Rivalen zu erobern?
Ohne die Tausenden von Kriegern und, ja, auch Kriegerinnen, aus Tlaxcala und anderswo, ohne deren Ortskenntnisse sowie logistische Hilfe hätten die 400 Männer aus Europa gegen Cuauhtémocs Kämpfer ziemlich alt ausgesehen. Sowohl die Indigenen als auch die europäischen Eroberer hatten ihre Interessen, gegen die Mexicas vorzugehen. Dass die Spanier später auch Tlaxcala und ihre anderen indigenen Alliierten unterjochten, nun ja, das steht auf einem anderen Blatt.
Aber das alles zu berücksichtigen, würde einen differenzierten Blick auf die koloniale Geschichte voraussetzen. Und das ist ja nicht Sheinbaums Anliegen in Sachen Dekolonialisierung. Man wolle deutlich machen, dass ihre Regierung einen anderen Blick auf die Indigenen habe, sagte sie. Dieser „andere Blick“ braucht Helden und Bösewichter. Die damit einhergehende Homogenisierung indigener Völker bringt zwar wenig für die Analyse kolonialer Zeiten, bestätigt aber das Bild der Morena als Vertreterin der Gedemütigten und Entrechteten. Und darum geht es.
Gegensätzliche Interessen führen zu Konflikten
Man kann der linken Regierung nicht vorwerfen, sie kümmere sich gar nicht um die Belange der ursprünglichen Bevölkerung. So wurden zum Beispiel indigene Völker 2024 in der Verfassung als kollektive Rechtssubjekte festgeschrieben. Dennoch führen gerade gegensätzliche Interessen in den Gemeinden auch heute zu schwierigen Konflikten.
Die einen erhoffen sich von einer Düngemittelanlage eine Zukunft für ihre Kinder, die anderen fürchten ein Ende ihrer Fischbestände. Manche glauben, ein Bahnprojekt bringe Touristen und damit Geld ins Dorf, während andere die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage beklagen. Nicht selten führen solche Konflikte zu tödlichen Angriffen etwa auf Umweltschützerinnen oder Menschenrechtsaktivisten. Am Ende verlieren beide Seiten – so wie die Bewohnerinnen und Bewohner von Tenochtitlán und Tlaxcala.
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