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Debatte über atomare AufrüstungPolen will Atommacht werden 

Präsident Nawrocki will Polen unabhängiger von den USA machen. Unter dem Atomschirm Frankreichs oder Großbritanniens könnte noch Platz sein.

Will Polen von den USA unabhänginger machen: Polens Präsident Karol Nawrocki Foto: Ints Kalnins/reuters

Aus Warschau

Gabriele Lesser

Polen will die Atombombe. „Der Weg zu einem polnischen Atompotenzial ist der Weg, den wir – unter Beachtung aller internationalen Verträge – gehen sollten“, sagte Polens rechtspopulistischer Präsident Karol Nawrocki vor einigen Tagen im Fernsehsender PolsatNews. Dass dies ein Affront gegenüber den USA sein könnte, die auch Polen seinen atomaren Schutzschirm garantiert, scheint er nicht bemerkt zu haben.

Der aktuelle amerikanisch-israelische Angriff auf Iran, der von seinem umstrittenen Atomprogramm nicht abrücken wollte, verschärft nun die Debatte in Polen zusätzlich. „Wir wissen, welche imperiale und aggressive Haltung die Russische Föderation gegenüber Polen hat“, betont Nawrocki.

Gefragt, ob er nicht befürchte, dass Russland Polen angreifen könnte, bevor es seine Atombombe fertig habe, zuckt Nawrocki nur mit den Schultern: „Russland kann auf alles aggressiv reagieren.“ Polens liberal-konservative Regierung hielt sich zunächst mit Kommentaren zu Nawrockis Vorstoß zurück, auch weil sie heimlich längst eine eigene Atombomben-Agenda verfolgt.

Da die Nato einer Teilhabe Polens am amerikanischen Atom-Schutzschirm eine klare Absage erteilt hatte, unterzeichnete Polen 2025 ein Abkommen mit der Atommacht Frankreich, das eine Teilhabe Polens am französischen Atom-Schutzschirm ermöglichen soll. Allerdings bliebe der „rote Knopf“ in Paris.

Verteidigungsminister unterstützt Forschung

Polen hätte keinerlei Mitspracherecht beim Einsatz der Bombe. Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz erklärte, dass er ein polnisches Atombomben-Forschungsprogramm unterstützen würde. Zugleich warnte er: „Es ist besser, in dieser Angelegenheit mehr zu tun, als über seine Ziele zu reden.“

Piotr Buras, der Direktor des Warschauer Thinktanks ‚Europäischer Rat für Außenbeziehungen‘, analysiert den Atombomben-Vorstoß Nawrockis in der Gazeta Wyborcza, Polens führender Tageszeitung.

Das Thema der atomaren Abschreckung werde zurzeit in vielen Nato-Staaten diskutiert, da die Glaubwürdigkeit des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seiner Schutzzusagen an die Nato-Verbündeten in Europa schwinde. Als Impuls für eine gesellschaftlich breite Debatte sei das Statement von Präsident Nawrocki durchaus willkommen, so Buras, nicht aber seine Festlegung auf die polnische Bombe.

Gegen ein nationales Atombomben-Programm spräche, dass es die radikalste, schwierigste und teuerste Variante einer Verteidigungsstrategie sei. Außerdem müsse der amerikanische Schutzschirm aufgehört haben zu existieren und Polen bereit sein, seinen Atombomben-Weg auch gegen den Willen der USA zu gehen. Auch sei unklar, worauf der Präsident seine Annahme gründe, dass ausgerechnet eine „polnische Atombombe“ die beste Sicherheitsgarantie für Polen sei.

Frage nach Atombombe spaltet

Anders als Piotr Buras warnt Artur Kacprzyk vom Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM) ganz ausdrücklich vor dem Risiko einer polnischen Atombombe.

„Wir müssten entweder aus dem Atomwaffensperrvertrag aussteigen, den wir 1968 unterzeichnet haben, oder ihn brechen. Das aber würde wohl schnell von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) entdeckt werden, die die zivile Atomnutzung weltweit kontrolliert“, erklärt Kacprzyk im Interview mit dem Portal defence24.pl.

Die Gefahr eines Angriffs durch Russland würde steigen, da Moskau den Bau einer Atombombe im Nachbarland kaum dulden werde. Statt nach der Atombombe zu greifen, solle Polen daher besser konventionell aufrüsten, so Kacprzyk.

Wie wird der Verstoß in der Bevölkerung diskutiert? Polens Gesellschaft ist tief gespalten: Knapp die Hälfte spricht sich für eine polnische Atombombe aus, während die zweite Hälfte dagegen ist. Dies fand das Meinungsforschungsinstitut SW Research für das Nachrichtenportal Onet heraus. Dabei sind die Befürworter der polnischen Atombombe vor allem unter Anhängern der rechtspopulistischen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und den Wählern der rechtsradikalen Konfederacja zu finden.

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