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Debatte über SchuldenbremseWoher kriegt die neue Regierung ihre Kohle?

Selbst die Union ist nun bereit, mehr Geld auszugeben – wenn auch nur über ein neues Sondervermögen. Aber es gibt auch Alternativen.

Baustelle an der Rahmedetalbrücke in Lüdenscheid Foto: Dieter Menne/dpa

Berlin taz | Noch bevor der neue Bundestag zusammentritt, erwägt Friedrich Merz offenbar, ein neues Sondervermögen für die Bundeswehr zu verabschieden. Im alten, höchstens 30 Tage nach der Wahl noch bestehenden Bundestag bräuchte er dafür keine Stimmen von Linkspartei oder AfD, im neuen schon.

Nötig sind diese Verrenkungen wegen der Schuldenbremse, welche die Unionsfraktion nicht antasten will: Die Bundes­regierung darf ihr zufolge nur Schulden in Höhe von 0,35 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aufnehmen – eine weit­gehend willkürlich gesetzte Zahl. Das hemmt Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz.

Die Denkfabrik Dezernat Zukunft (DZ) hat nun einen Reformvorschlag vorgelegt. Die 0,35 Prozent sollen wegfallen, doch der Staat darf sich nicht unbegrenzt verschulden.

Ein Sondervermögen, sagt DZ-Ökonom Florian Schuster-Johnson, reiche einfach nicht. „Es gibt ja auch noch andere Investitionsbedarfe: Infrastruktur, Klima, Daseinsvorsorge zum Beispiel.“ Das neue Sondervermögen soll nur Rüstungsinvestitionen decken.

Die bisherige Schuldenregelung, schreiben die DZ-Autor*innen, „reguliert die Finanzpolitik im Blindflug“: Sie berücksichtigt weder die Zinsen, die der Staat zahlt, noch das Wachstum durch kreditfinanzierte Investitionen. „Unser Vorschlag schaut auf die realen wirtschaftlichen Bedingungen“, sagt Schuster-Johnson.

Orientierung an europäischer Schuldenregel

Denn wenn die Wirtschaft besser läuft, steigen die Steuer­einnahmen. Aus diesen Einnahmen lassen sich die Zinsen für staatliche Investitionen bezahlen.

Nimmt der Staat Schulden auf, um das „Produktionspotenzial der Wirtschaft“ zu steigern, kann er aus den Krediten herauswachsen: Investiert er in Schienen, fördert bessere Maschinen oder sorgt für gut ausgebildete Arbeitskräfte, kann die Wirtschaft mehr leisten.

Unter der aktuellen Schuldenbremse muss der Staat das nötige Geld anderswo einsparen, die Kosten werden sofort getragen. Sichtbar wird das in maroden Schulen und der kollabierenden Bahn. Nimmt der Staat Schulden auf, verteilt er die Kosten auf zukünftige Generationen, die von der verbesserten Infrastruktur profitieren.

„Grundsätzlich begrüßenswert“ findet das Tobias Hentze, Ökonom beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Eine flexiblere Schuldenregel, die auch Wachstum und Zinsen berücksichtigt, sei sinnvoll.

Die europäischen Schuldenregeln begrenzen zugleich die Kreditaufnahme für Deutschland auch ohne die 0,35-Prozent-Regel auf etwa 1,8 Prozent des BIP. „Das würde die Schleusen für übermäßige Verschuldung auch nach unseren Berechnungen nicht öffnen“, sagt Hentze.

Was sind gute Schulden?

Das Problem liegt woanders: Laut DZ-Vorschlag sollen nur „produktive“ Staatsausgaben erlaubt sein, also solche, die die Wirtschaft produktiver machen. Doch festzustellen, welche Ausgaben produktiv sind, „ist alles andere als einfach“. Öko­no­m*in­nen seien sich uneinig, wie produktiv Subventionen sind.

Das ist dem DZ bewusst. Die Stu­di­en­au­to­r*in­nen schlagen vor, dass jede Regierung per Gesetz festlegt, wie sie zwischen Wachstum und Zinskosten abwägt – der Bundestag bestimmt, was eine produktive Ausgabe ist. Damit hätte das Parlament mehr Freiheiten als unter der 0,35-Prozent-Grenze. Damit die Abgeordneten aber nicht willkürlich definieren, soll ein unabhängiger Rat aus Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­r*in­nen die Haushaltsregel kontrollieren.

„Es lässt sich gut nachvollziehen, dass man in der derzeitigen Lage dem Parlament weitreichende Möglichkeiten einräumen will“, sagt Achim Truger, Mitglied der sogenannten Wirtschaftsweisen. „Mit einer konkreten Zahl als Schuldenregel kann man sich ökonomisch ein Eigentor schießen.“

Truger ist aber skeptisch, ob die unabhängigen Kon­trol­leu­r*in­nen tatsächlich unabhängig sein können: „Diejenigen, die Staatsverschuldung extrem kritisch sehen, finden vielleicht alles unproduktiv und könnten das Parlament gängeln.“ Auch das Gegenteil sei möglich: „Je nach Messlatte kann man alles oder nichts als produktiv bezeichnen.“

DZ-Studienautor Schuster-Johnson widerspricht: Das Gremium habe nur beratende Funktion. Aus seiner Analyse und den Berechnungen der Bundesregierung könne sich die Öffentlichkeit ihr eigenes Bild machen. „Derzeit wird überhaupt nicht evidenzbasiert untersucht, wie ökonomisch sinnvoll einzelne Ausgaben sind.“

SPD-Chefin Esken will kein Schnellverfahren

In den kommenden Wochen wird wohl darüber gestritten, wie viel zusätzliches Geld eine mögliche Koalition aus Union und SPD in die Hand nehmen kann – und auf welchem Weg. SPD-Vorsitzende Saskia Esken sagte der taz: „Die Frage, wie wir mehr Geld für unsere Verteidigung sicherstellen, muss Hand in Hand mit der Frage gehen, wie wir mehr Investitionen in Bildung, Straße und Infrastruktur garantieren. Beides ist dringend notwendig, daher darf es kein Entweder-oder geben.“

Darüber müsse jetzt gesprochen werden, aber nicht im Schnellverfahren. „Was ich nicht akzeptiere, ist, dass so weitreichende Entscheidungen noch mit der Mehrheit des alten Bundestages beschlossen werden, wie Herr Merz und die Union es vorschlagen. Das zeigt keinen Respekt vor den Wählerinnen und Wählern“, so Esken zur taz.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Friedrich Merz wolle noch mit dem alten Bundestag ein Sondervermögen für die Bundeswehr verabschieden. Das hat er nicht ausdrücklich gefordert, es ist aber die einzig verbleibende Option für rasche Rüstungsinvestitionen, weil er eine Reform der Schuldenbremse zunächst ausgeschlossen hat. Wir haben den ersten Satz entsprechend korrigiert.

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14 Kommentare

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  • Die Kohle könnte die neue Regierung z.B. von denen bekommen, die die Union reichlich bespendet haben.



    Gerechtere Vermögensverteilung würde u.a. den Extremen das Wasser abgraben und mehr Menschen wieder Hoffnung auf Wirksamkeit und Chancen schenken.

  • Die rote Linie von Merz ist, nicht als schwarze Null zu enden. Von daher wird er wenig Interesse daran haben, auf die Stimmen einer neu erstarkten Linken im parlamentarischen Selbstfindungsprofilierungsprozess angewiesen zu sein. Zumal er auch sehr schnell von den rechtsextremaußen Appellativen getrieben werden dürfte. Das sollte auch die SkenPD bedenken.

  • Ja, es gibt viele gute Ideen, doch nicht bei der cdU.



    Konzeptlos ist wohl die wohlmeinenste Beschreibung von Meckermerzi.



    Es zeigte sich bereits in der letzten Legislaturperiode, dass viel kritisiert wurde, konkrete Gegenvorschläge aber ausblieben.



    Von einen "Kassensturz" war die Rede, so als ob die Zahlen nicht klar auf dem Tisch lägen.



    Es bleibt ein Mysterium, wer behauptet hat, die cdU habe Wirtschaftskompetenz. O.K. bei Söder, mit Mass in der Hand, ist die Verwechslung naheliegend.



    Doch Bierdeckelmerz ist eben nur ein Vertreter an der Theke.



    Wer "jetzt noch schnell" Zusammenarbeit will, sollte nicht parallel gegen DemokratInnen schießen, das haben die nicht so gern, kleiner Fritz!



    Die Idee, Unternehmen generell steuerlich zu entlasten, bringt keinerlei Bewegung.



    Die Konzepte der SPD und Grünen, Investitionen mit Steuererleichterungen zu belohnen, umso mehr.



    Aber am jüngsten Move des Möchtegernkanzlers ist abzusehen, dass er nicht lernfähig ist. Oh, Mann Deutschland, wen hast Du Dir da gewählt?

  • Sparen wäre ja auch eine gute Idee.

    • @CaoCao_de_taz:

      Umweltschädliche Subventionen auf Null. Lindner bekam die Liste an Tag 1 zugeschickt vom Umweltbundesamt. Ein Finanzminister muss dann den Elfer einfach nur reinhauen, da Rot und Grün nichts hätten einwenden können.

  • „Was ich nicht akzeptiere, ist, dass so weitreichende Entscheidungen noch mit der Mehrheit des alten Bundestages beschlossen werden, wie Herr Merz und die Union es vorschlagen. Das zeigt keinen Respekt vor den Wählerinnen und Wählern“, so Esken zur taz.

    Na toll. Nur braucht man dazu eine Mehrheit die es im neuen Bundestag für Schwarz/Rot nicht geben wird.

    Esken halt

    • @jeggert:

      Esken hat mehr Soziales und Kluges als so mancher Forist.

      Solche Manöver sollten echten Notfällen vorbehalten werden - ob das einer ist, daran zweifle ich, wenn es



      - anders lösbar ist



      - auch zeitlich nicht dringend



      - genau die Union das der vorigen Regierung blockierte und auch auf deutliche öffentliche Warnungen nicht reagierte, aus wahlkampfopportunistischen Gründen.

    • @jeggert:

      Laut Umfragen spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung für die Reform der Schuldenbremse aus.



      Was Frau Esken hier sagt, zeigt sehr deutlich, dass sie mehr Wert auf politisches Geklüngel legt, als auf sinnvolle Politik.

  • "Investiert er in Schienen, fördert bessere Maschinen oder sorgt für gut ausgebildete Arbeitskräfte, kann die Wirtschaft mehr leisten."



    Da fehlt aber noch fördert Energieeffizienz!

    • @Sonnenhaus:

      Und Energieeffizienz fördert Klimaschutz. Das kommt immer mehr unter die Räder.

  • Ich wäre für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Der durchschnittliche Satz in der EU liegt bei 21,6 %.

    • @Stoffel:

      Und? Das kurbelt wie genau die Wirtschaft an? Wahrscheinlicher ist doch, daß man damit den Konsum soweit abwürgen werde, daß das Steueraufkommen trotz höherem Steuersatz sinke.

    • @Stoffel:

      Klar, tolle Idee!



      Merz 100 Mrd. für Besserverdienende zahlen einfach die Armen!

    • @Stoffel:

      Gerechte Steuern auf Milliardenvermögen und Millioneneinkommen. Wieder alles auf die breite Masse umlegen ist ja wohl das Letzte.