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Debatte über FaschismusWenn die Theorie irritiert

Müssen wir den Faschismus nur gut genug verstehen, um ihn zu besiegen? In Berlin wurde über den Zusammenhang zwischen Theorie und Antifa diskutiert.

Es gibt Begriffe, die funktionieren besser als Zweiklänge. „Leib und Seele“ ist so ein Zweiklang, „Angebot und Nachfrage“ und vielleicht auch „Theorie und Praxis“. Dass Letzterer einer weiteren Betrachtung lohnt, davon können so einige Dichter und Denker von Bushido bis Habermas ein Lied singen. In welcher Beziehung Denken und Handeln stehen, stehen sollten, gehört zu den großen Fragen, die sich insbesondere der politisch denkende und agierende Mensch stellen muss, und war am Montag Gegenstand einer Diskussionsrunde im Berliner Projektraum diffrakt.

Auch Moderator Patrick Eiden-Offe beginnt mit Dichotomien. Interessanterweise seien der Faschismus und der Antifaschismus gleich alt, sagt er. Ja, sagt Morten Paul, der Faschismus sei ein Phänomen, „das das Nachdenken über ihn erzwingt“. Paul ist Literatur- und Kulturwissenschaftler und hat in den letzten Jahren verschiedene Publikationen zu Faschismustheorie vorgelegt. Theorie will er dabei nicht als Anleitung zur Praxis, als Scharnier verstanden wissen, sondern selbst als Praxis – als Denkpraxis.

Neben Paul auf dem Podium sitzt Enis Maci, die die Frage nach Nutzen und Wahrheit aufwirft. Maci ist Essayistin, Theater- und Romanautorin und meint mit Wahrheiten auch jene poetischer Natur. Beispielhaft führt sie Alexander Kluges Konzept des „Cross-Mappings“ ins Feld, wonach man, etwa mit einer Karte des Vorkriegs-Paris durch Singapur wandelnd, nicht unbedingt an ein Ziel, aber doch irgendwohin kommt. Bezüge tun sich auf, zwischen dem, was man sieht, und dem, was man sehen könnte, woanders.

Es geht nicht darum, klare Antworten auf klar formulierte Fragen zu finden an diesem Abend, das wird schnell offenbar. Stattdessen wird live repliziert, was Paul als das Attraktive an der Denkarbeit herausstellt, die kleinen Funken, die sprühen, wenn sich gute Gedanken formen und konkretisieren. Mithilfe von Roland Barthes („Jedes Sprechen ist faschistisch“) nähert er sich den Unterschieden. Während der Faschismus Kurzschlüsse erzeuge, einfache, emotionale Wahrheiten kreiere, verursache die Theorie Irritationen, sagt er; produktive, denen sich zu widmen auch noch Spaß bereite.

Wie Faschismus bekämpfen?

Nun deutet die langfristige Beschäftigung mit einem Gegenstand auf ein gewisses Interesse an ihm hin, mitunter auf eine persönlich motivierte Dringlichkeit, das Feld zu bearbeiten. Marxistische bis liberale Vordenker:innen, von Gramsci über Adorno bis Arendt, eint im Kontext von Faschismustheorie ihre Abneigung gegen selbigen. Die Frage, die sich Paul auf dem Podium stellt, darf dabei als allgemeingültige verstanden werden: „Was muss eigentlich gegeben sein, damit das, was ich mache, wirkt?“ Und daran anschließend, die unbequemere: Stimmt es überhaupt, dass sich Faschismus besser bekämpfen lässt, wenn man mehr über ihn weiß?

Was Faschismus ist, ob er wieder da ist oder nie weg war, das sind Fragen, die zentral im öffentlichen Diskurs verhandelt werden. Aus dem Publikum danach gefragt, ob man heutige rechte Regierungen mit der Zuschreibung „faschistisch“ ummanteln solle, gibt Paul eine Antwort, die dem Kluge’schen „Cross-Mapping“ anverwandt scheint. Es gehe weniger um Namen an sich, sondern eher um Netze, sagt er, die man mithilfe von Begriffen auswerfe, um Dinge einzufangen, die helfen, Sachlagen und Geschehnisse besser zu verstehen.

Historisch (und räumlich!) wurde der Suche nach einer universal anwendbaren Definition von Faschismus unterschiedlich begegnet. Jüngst lieferte die Philosophin Eva von Redecker die Erklärung, Faschismus sei „liquidierende Phantombesitzverteidigung“. Wobei auch hier die Frage nach Besitz je nach Zeit und Kontext unterschiedlich beantwortet wird. Gaben früher etwa die Jobs, die den Deutschen angeblich von Mi­gran­t:in­nen gestohlen wurden, Rechten Aufwind, wird heute vermeintlich eher um Nicht-Sächliches gekämpft: um Deutungshoheit etwa, um Sprache, um Meinungen, die man nicht mehr haben (oder eben besitzen) dürfe. Ein Spiel, das funktioniert: Über reale Macht- wie Eigentumsverhältnisse muss man so gar nicht mehr reden.

Dazu passt, wie Enis Maci im diffrakt zu bedenken gibt, dass unser Leben sich heute maßgeblich in Räumen abspielt, die uns nicht gehören: auf Plattformen von Tech-Riesen. Dann kreisen Maci wie Paul um die Frage, inwieweit sich der Technofaschismus, jene dem Silicon Valley entsprungene Spielart also, in der auf unappetitliche Weise KI, Überwachung, extremer Reichtum und Rechtsextremismus aufeinander treffen, von dem Faschismus unterscheide, den Nationalisten wie Björn Höcke im Sinn hätten. Wobei, so Maci, ohnehin außer Frage stehe, welcher von beiden sich letztlich durchsetzen würde.

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