Diskussion mit queeren, linken Autoren: Weiterkämpfen gegen Verachtung und Ausgrenzung
Wie lässt sich der Faschismus bekämpfen? In Berlin suchen die Autoren Éribon, Louis und von Redecker nach linken Antworten.
Foto: Marina Hoppmann
Eine Philosophin, ein Soziologe und ein Schriftsteller diskutieren darüber, wie sich der Faschismus bekämpfen lässt. Die nächste weltrettende Theorie von Eva von Redecker, Didier Eribon oder Édouard Louis wird es an diesem Abend nicht geben. Vielmehr eine umfassende ideologische Ausführung ihrer bisherigen Werke.
„Queer und Klasse: Über Armut, Ausgrenzung und Solidarität“ lautete das Thema der Diskussion am vergangenen Donnerstag in Berliner Haus der Kulturen der Welt. Und weil die drei Autor:innen komplizierte Theorien einfach ausdrücken und ein brillanter linker Diskurs immer willkommen ist, bleibt man bis zum Ende gefesselt.
Als der Franzose Eribon seinen Bestseller „Rückkehr nach Reims“ 2009 veröffentlichte, lag der Rassemblement National (RN) in den Umfragen bei rund 20 Prozent. Über 15 Jahre später hat der RN sein Ergebnis verdoppelt, die AfD liegt inzwischen bei rund 20 Prozent. Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Und Eribon fragt in Berlin: „Wie ist es dazu gekommen?“
Er selbst sieht darin ein bitteres Versagen der Sozialdemokratie. Der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz soll „Rückkehr nach Reims“ zu seiner Lieblingslektüre gezählt haben – und bleibt von einer Spitze des Autors nicht verschont. „Wenn Scholz meine Bücher so sehr mochte, hätte er sich etwa mehr davon inspirieren lassen können …“, sagt er.
Und erinnert auch an die französischen Proteste gegen neoliberale Reformen, die in Polizeigewalt endeten – zunächst gegen die Arbeitsmarktreform 2016, später bei der Gelbwestenbewegung ab 2018. „Wenn alle anderen Möglichkeiten des Protests gewaltsam unterdrückt werden, wählt man Marine Le Pen.“
Männlich als der Reichtum der Armen
Aus seiner Kindheit in einer Arbeiterfamilie im Norden Frankreichs erinnert sich Édouard Louis daran, dass man Le Pen wählt, weil sie „Eier“ hat. „Männlichkeit ist der Reichtum der Armen“, sagt er. Der Reichtum der Armen aus den unteren Schichten, aber auch der „psychologisch Armen“ aus der Bourgeoisie – à la Trump, Milei oder Le Pen.
Männlichkeit sei jener „erbärmliche Phantombesitz“, wie Eva von Redecker es nennt, an den man sich klammere, wenn man sonst nichts habe. In ihrem jüngsten Buch „Dieser Drang nach Härte“ beschreibt sie, wie der Neoliberalismus Ersatzbesitz schafft: Vaterland oder Patriarchat werden jenen überlassen, denen er sonst alles nimmt.
Louis kämpft trotzdem auch für seinen homophoben Bruder und seine rassistische Familie. „Links zu sein bedeutet, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu kämpfen. Egal, wer davon betroffen ist“, sagt er.
Mit selbstbewusster moralischer Erpressung und Geschichten will er der Rechten und ihren politischen Lügen entgegentreten. So erzählt er in „Wer hat meinen Vater getötet“ von seinem Vater, dessen Körper vom System zugrunde gerichtet wurde, sowie in „Im Herzen der Gewalt“ von der Stigmatisierung und Zerstörung arabischer Körper durch die Polizei.
Weil er mit 18 noch nichts von antiimperialistischen, antirassistischen oder antikapitalistischen Kämpfen wusste, bezeichne Louis sich selbst nicht als queer, sondern als LSBT. Für diese Kämpfe engagiert er sich – allerdings nicht alle zugleich. Wie aktuell die Frage ist, zeigte sich am Wochenende des Besuchs der beiden Franzosen in Berlin: Drei verschiedene Prides stritten darüber, welche Fahnen und Botschaften auf die Straße gehören.
Mehr Fragen als Antworten
„Allianzen lassen sich nicht verordnen“, sagt Eribon. Aber könnte sich eine Allianz zwischen antirassistischen Kämpfen und der neuen Arbeiterklasse mit Migrationshintergrund bilden? Vielleicht durch gemeinsame Forderungen, etwa nach einer besseren Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen und des Sozialstaats sowie nach dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.
Eva von Redecker plädiert für eine Bleibefreiheit – die Freiheit, dort leben zu können, wo man möchte – und für ein queeres Leben ohne den Zwang zum Umzug in die Großstadt, wie ihn Louis und Eribon erfahren mussten. Sie verweist dabei auf den Dyke*March in Magdeburg am 8. August. Linke Politiker:innen hätten eines vergessen, folgert Louis: wie man eine neue Welt entwirft und neue Möglichkeiten eröffnet.
Eine Philosophin, ein Soziologe und ein Schriftsteller diskutieren darüber, wie sich der Faschismus bekämpfen lässt. Am Ende nimmt man mehr Fragen als Antworten mit – wie so oft nach linkspolitischen Debatten. Diesmal aber bleibt auch Hoffnung.
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert