Debakel um Theaterintendanz in München : Sprungbrett frei!
München sucht eine neue Intendanz für das erfolgreichste Theater des Jahres. Wo Kunstverstand und Interesse fehlen, braucht es keine rechte Kulturagenda.
Foto: Johannes Simon/sz photo/picture alliance
V ielleicht wird das Haus gerade ‚Theater des Jahres‘ … meine Güte, wäre das peinlich!“, schreibt ein Kollege auf Facebook zur Neuausschreibung der Intendanz der Münchner Kammerspiele. Dass das seit 2020 von Barbara Mundel geleitete Haus die kommende Kritikerumfrage des Fachblatts Theater heute gewinnen wird, ist fast zwingend. Denn es hat gerade einen Mordslauf. Doppeleinladungen zum Berliner Theatertreffen und zur Stücke-Champions-League nach Mülheim, ein Preisregen für Schauspieler wie Thomas Schmauser, Katharina Bach und Lucy Wilke und drei frische Nominierungen für den Branchenpreis Der Faust sprechen für sich. Dazu kommt eine Rekordauslastung in der aktuellen Spielzeit.
So viel messbarer Erfolg müsste eine Kulturverwaltung doch alle Hebel in Bewegung setzen lassen, um die Intendantin ihres Stadttheaters zu halten. Selbst wenn die klamme Finanzlage der Städte und Kommunen keine monetären Angebote erlauben: Auch aktive (statt nur behauptete) Wertschätzung ist eine Währung in der Kunst.
Aber was macht der Münchner Kulturreferent Marek Wiechers? Erst mal lange nichts. Seine Besuche an den Kammerspielen kann man an einer Hand abzählen. Und als Mundel vor wenigen Wochen anlässlich der Vorstellung des neuen Spielplans auf Nachfrage der Presse sagte, sie stünde für Gespräche über eine Verlängerung über das Jahr 2028 hinaus zur Verfügung, regierte er spät und fast beleidigt: Das habe man wirklich nicht gewusst, und jetzt sei das Kind längst im Brunnen. Ist das peinlich? Gar kein Ausdruck. Das ist, wie wenn der FC Bayern nach einem Triple den Trainer vom Hof jagte.
Wer jetzt warum nicht gewusst hat, dass Mundel gerne bleiben würde oder dass die Ausschreibung für ihre Nachfolge schon seit Juni auf wenig einschlägigen Kanälen kursiert, ist müßig zu diskutieren. Offenbar – und auch das ist keine neue Erkenntnis – versteht die Verwaltungslogik unter Gesprächen etwas anderes als ein Kulturmensch. Auch die Verwunderung einiger Stadträte über Wiechers’ Anmerkung, es habe bereits Anfang des Jahres keine Mehrheit für Mundel gegeben, lässt sich noch mit personellen Umbrüchen im Kommunalwahljahr 2026 erklären.
Warum ist Expertise in der Kulturpolitik ein Nice-to-have?
Aber wann hat eigentlich wer beschlossen, dass Expertise in Sachen Kunst für Kulturverwaltungen allenfalls ein Nice-to-have ist? Das ist ja nicht nur in München so. Wiechers ist parteiloser, SPD-naher Jurist, in der Kurzbio der Kulturbürgermeisterin Mona Fuchs ist keinerlei Kunstaffinität auffindbar. Beide haben ebenso wenig eine rechte Kulturkampfagenda wie der neue grüne Münchner OB, der einen Brief von kammerspielnahen Regiepersonen schlicht ignorierte. Sie haben einfach gar keine Haltung, und das genügt, wenn die einzige Agenda das Sparen ist.
Nun wird mithilfe der mit viel Marketing- und Betriebswirtschaftssprech operierenden Agentur Kulturexperten eine neue Intendanz gesucht, die das umsetzt. Die Vorgabe, 30 Prozent Mehreinnahmen bis 2030 zu generieren, findet sich in der Ausschreibung jedoch nicht, die Kunst rangiert darin weit hinter der Berichtspflicht gegenüber den Organen der Stadt. Und die AfD kann sich freuen. Hier droht ein einzigartiges Ensemble zerschlagen zu werden, das Jahre gebraucht hat, um Schauspieler mit körperlichen und geistigen Behinderungen zu integrieren; und die auf Experiment und die Verbindung mit der diversen, jungen Stadtgesellschaft setzende Kultur des Hauses gleich mit.
Das versteht weder die durchaus kritische Presse, noch verstehen es die Abonnenten, die Mundel dieser Tage mit Extraapplaus begrüßten. Auch die Publikumsorganisation Thea, in der sich 15.000 Kunstfreunde versammeln, sieht der zweiten künstlerischen „Vollbremsung“ nach der Causa Matthias Lilienthal besorgt entgegen. Die größten Erfolge von Mundels Vorgänger haben sich allerdings erst nach der schon entschiedenen Trennung eingestellt. Diesmal zieht man die Bremse im vollen Lauf. Und so sehr man es sich als Münchnerin anders wünscht: Auch potenzielle Interessenten für den Job dürfte das abschrecken.
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