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Das neue SPD-Grundsatzprogramm Kein bisschen Vergangenheitsbewältigung

Cem-Odos Güler

Kommentar von

Cem-Odos Güler

Die SPD diskutiert über ihr neues Grundsatzprogramm. Die Parteichefs klammern die zentrale Frage allerdings aus: die historische Wahlniederlage 2025.

E s ist schon eigenartig. Die SPD hat sich die Arbeit für ein neues Grundsatzprogramm auch als Reaktion auf die Wahlniederlage von 2025 auferlegt. Doch für die beiden Parteichefs Lars Klingbeil und Bärbel Bas ist das historisch schlechte Bundestagswahlergebnis inzwischen keine Erwähnung mehr wert. In ihren Reden, mit denen sie am Wochenende den Kurs für die kommenden Auseinandersetzungen der SPD vorgeben wollen, spielt das Abschneiden des vergangenen Jahres keine Rolle mehr.

Mit welcher Erwartung will die Parteispitze da überhaupt ein neues Grundsatzprogramm aufsetzen? Geht es darum, den Prozess pflichtschuldig hinter sich zu bringen? Oder sind von der SPD tatsächlich politische Visionen zu erwarten, mit denen sie durch das Zeitalter von Mensch-KI-Beziehungen, Hyperkapitalismus und geopolitischen Machtverschiebungen navigieren will?

Entscheidend wird am Ende sein, ob es der Partei gelingt, hier die richtigen Fragen zu stellen. Doch ohne eine Analyse des Weges, der die SPD zur drittstärksten politischen Kraft in Deutschland hinter der AfD degradierte, führt auch kein Pfad in die Zukunft.

Die Parteiführung muss Thesen präsentieren

Leider vermittelt die Parteispitze derzeit nicht den Eindruck, als wüsste sie, in welche Richtung diese Reise gehen soll. Zwar machen die permanenten Angriffe der Union auf den Sozialstaat es Bas und Klingbeil leicht, sich als große Bewahrer von Arbeiterrechten und Wohlfahrtsstaat zu inszenieren. Doch darauf sollte sich niemand ausruhen. Zumal die SPD mit der Abschaffung des Bürgergelds zeitgleich anschaulich demonstriert, wie sie sich in der Sozialpolitik selbst immer wieder von dumpfem Populismus treiben lässt.

Klingbeil kündigte an, die Partei werde sich für die Arbeit am neuen Grundsatzprogramm radikal öffnen und auch Diskussionen führen, die unbequem seien. Das wäre wünschenswert. Doch um überhaupt in diese Diskussion einzusteigen, muss auch die Parteispitze zunächst Thesen vorlegen: darüber, was zur aktuellen Misere geführt hat – und welchen Anteil sie selbst daran hatte. Erst dann kann die Debatte beginnen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Cem-Odos Güler

Cem-Odos Güler Redakteur

Berichtet seit 2023 als Korrespondent im Parlamentsbüro der taz über Verteidigungsthemen und die SPD. Studium der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Köln, Moskau und London.
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8 Kommentare

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  • Kaboom

    Die SPD muss für sich selbst klären, welche Rolle sie spielen will. Aktuelle Themen aufgreifen. Und Themen gibts wie Sand am Meer. Was, wenn die KI wirklich so wirkt, wie aktuell angenommen, und hunderttausende Jobs vernichtet? Was tun im Kontext Zeit- und Leiharbeit? Was tun im Kontext Scheinselbstständigkeit?



    Was tun im Kontext Bedrohung durch Russland? Entwicklung eines nicht-neoliberalen Konzepts zur Belebung der Wirtschaft. Man könnte den ganzen Tag weiterschreiben. Aber am Ende des Tages: Its the economy, stupid!

  • Axel Schäfer

    Ich erwarte jetzt nicht unbedingt, dass sich die Sozis Fragen stellen, die sollen mal dahin zurückfinden wo sie programmatisch hergekommen sind und entsprechende Antworten liefern. Angesichts dessen, dass die Rechten jetzt mit Märchen aus uralten Zeiten zurück in die Vergangenheit wollen, könnten es vielleicht mal rustikalere Antworten sein.

    • Matt Olie

      @Axel Schäfer:

      Wo sie programmatisch hergekommen sind? Noske, Ebert und Zustimmung zur Ermordung von Liebknecht und Luxemburg?

  • So,so

    Die spd versagt weiter und wird so phänomenal scheitern.



    Dabei liegen die wichtigen Themen, mit denen man Mehrheiten gewinnen kann, offen auf der Strasse.



    Allein das Rückgrat fehlt vollständig.



    So eine mut- und hoffnungslose Generation gab es noch nie in der spd.



    Wahrscheinlich wird sie erst in der Opposition zu schwarz-blau aufwachen.



    Dann ist es zu spät.

  • Rudi Lipp

    28 Jahre sind eine lange Zeit. Davon war die SPD 24 Jahre in der Regierung -- zusammen mit der CDU/CSU. Denkbar schlechte Voraussetzungen, sich als "echte" Alternative für Deutschland zu präsentieren.

  • Stavros

    Ich bin so müde von der SPD; sie gibt mir keinerlei Hoffnung auf eine Besserung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

    Dieses Gefühl sagt eigentlich alles über den Zustand der einst mächtigen und stolzen sozialdemokratischen Bewegung aus.

    Eine glaubwürdige und wertegeleitete Sozialdemokratie kann immer noch Berge versetzen, das zeigt ein Blick nach Spanien.

    • Matt Olie

      @Stavros:

      Über 100 Jahre bürgerlicher Verrat an echter Sozialdemokratie - wie konnte man da jemals ernsthaft irgendwas hoffen?

      • Stavros

        @Matt Olie:

        Die Stagnation muss überwunden werden. Es muss endlich wieder Hoffnung und gesellschaftliche Visionen geben.