Das Drama der Schulen : Die deutsche Bildungsmauer steht!
Mit 50 der 500 Milliarden Euro Infrastruktur-Schulden könnten Union und SPD eine sozial gerechte und durchlässige Bildungslandschaft aufbauen. Stattdessen wird das Gymnasium abgeschottet.

„Durch das Schulsystem werden schon zehnjährige Kinder in Leistungsgruppen eingewiesen, die durch das Berechtigungswesen einer entsprechenden Gruppierung den sozialen Positionen zugeordnet sind. Die Schule ist deshalb ein sozialpolitischer Direktionsmechanismus, der die soziale Struktur stärker bestimmt als die gesamte Sozialgesetzgebung der letzten 15 Jahre.“
Georg Picht, 1964
taz FUTURZWEI | Im Reformklima der 1960er Jahre haben SPD und Bildungsgewerkschaft GEW eine beispielhafte Ausweitung des Bildungsangebotes ausgelöst. Ziel war es, seine Verengung auf die Kinder der bürgerlichen Eliten aufzubrechen und den Kindern aus den bildungsfernen Arbeiterfamilien den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen. Das Versprechen der Sozialdemokratie vom staatlich flankierten Aufstieg für alle Kinder sollte endlich eingelöst werden. Durchlässigkeit im ganzen Bildungssystem war das Ziel.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°32: Wozu Kinder?
Kinder und Jugendliche sind die politisch ignorierteste Randgruppe der Gesellschaft. Dabei muss diese Minigruppe demnächst die vielen Renten bezahlen und den ganzen Laden am Laufen halten. Was muss sich ändern?
Mit Aladin El-Mafaalani, Marlene Engelhorn, Arno Frank, Ruth Fuentes, Maja Göpel, Robert Habeck, Celine Keller, Wolf Lotter, Lily Mauch, Luisa Neubauer, Henrike von Scheliha, Stephan Wackwitz und Harald Welzer.
Dafür wurden die Bildungsausgaben in den Ländern und im Bund verdoppelt, neue Universitäten und Schulen gegründet. In nur zehn Jahren stieg die Zahl der Lehrer, Abiturienten und Studenten stark an. Seit 1967 wurde der zweite Bildungsweg massiv ausgebaut, 1971 das staatliche Unterstützungsgeld BAFÖG eingeführt. Langfristige Bildungsplanung sollte zur Grundlage einer vereinheitlichten Kultusbürokratie werden.
Progressive Bildungspolitik gehört der Vergangenheit an
Das dreigliedrige Schulsystem aus Grundschule, Realschule und Gymnasium sollte aufgebrochen und durch eine Gesamtschule für alle Abschlüsse und alle Kinder entsprechend ihrer umfassend geförderten Fähigkeiten ersetzt werden.
Auch wenn in einer internationalen Vergleichsstudie 1972 und 1974 festgestellt wurde, dass das deutsche Bildungssystem immer noch von nur durchschnittlicher Leistungsfähigkeit und hoher sozialer Selektivität geprägt sei - ein Anfang war gemacht. Vor allem Arbeiterkinder und Mädchen haben davon profitiert.
Aber statt gemeinsam den Wandel zu mehr Bildungsgerechtigkeit voranzubringen, wurde in der Folge von den Konservativen ein Kulturkampf gegen die Gesamtschule losgetreten. Das Aufbrechen der Dreigliederung des Schulsystems sollte verhindert, das Gymnasium als die Eliteschmiede der Gesellschaft sollte nicht angetastet werden. Mit Erfolg: Grundsätzliche, strukturelle Veränderungen im Schulsystem wurden ausgebremst.
Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellte im September 2024 fest, dass der Anteil der jungen Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren ohne jeden Schulabschluss in Deutschland bei 39 Prozent lag.
Unter den 39 untersuchten OECD-Ländern lagen Deutschland und Tschechien ganz hinten. Zehntausende junge Erwachsene ohne jeden Schulabschluss fehlen nicht nur auf dem, vom Fachkräftemangel geplagten Arbeitsmarkt, sie bilden einen Sockel der Bezieher von Transferleistungen aus den öffentlichen Sozialsystemen.
Sicher, die Frauen haben bei den Schulabschlüssen seit damals bis zu fast Prozent aufgeholt, sicher gibt es etwa mit dem Startchancen-Programm den Versuch, das Bildungsdrama an den Grund- und Mittelschulen einzugrenzen und es gibt auch noch anderes Bemühtes. Aber genau hingesehen, zeichnet sich die Bildungspolitik vor allem dadurch aus, dass sie die Mauern zwischen den Schultypen weiter befestigt.
In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und jetzt auch in Berlin ist das der Kern der Bildungspolitik, alles andere ist Kosmetik. Das Gymnasium soll wie anno dazumal als Elite-Schmiede vor zu breitem Zugang aus anderen gesellschaftlichen Schichten abgeschottet werden.
Verschärfung der Übergangsregeln
Jüngstes Beispiel dafür ist die Verschärfung der Übergangsregeln aus den Grundschulen ins Gymnasium in Berlin. Schüler in den fünften und sechsten Klassen brauchen für den Übergang ins Gymnasium einen Notendurchschnitt von 2,2.
Wer das nicht schafft, muss sich einem Probeunterricht stellen. Fast 2.000 Schüler haben daran teilgenommen, nur 56 von ihnen haben die Tests bestanden. Die Mehrheit der Gescheiterten kommen aus Mitte, Neukölln, Lichtenberg und Marzahn, aus den Arbeiterbezirken.
Jetzt gibt es Berichte von Gymnasien, die ihre Zugangsklassen nicht auffüllen können, weil es nicht genügend Anträge gibt, die diesen 2,2-Numerus clausus erfüllen.
Betroffene Eltern haben - ohne Erfolg - gegen das Verfahren geklagt, weil es keine einheitlichen Vorgaben für die Vorbereitung des Probeunterrichtes in allen Berliner Grundschulen gibt, die einen echten Vergleich zwischen den Leistungen der Kinder ermöglichen würden. Die zuständige CDU-Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch ist indes mit dem Ergebnis der Probeklausuren zufrieden.
In Berlin gibt es 26 Gemeinschaftsschulen und 126 Sekundarschulen, in denen die Schüler alle Schulabschlüsse erreichen können, in denen alle gemeinsam unterrichtet werden. Aber auch der Zugang zu diesen Schulen ist schwierig, sie sind überlaufen. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten sie als Gymnasien zweiter Klasse.
Ein gelingendes Bildungssystem? – kein Interesse
An der Feststellung des Philosophen und Pädagogen Georg Picht aus dem Jahr 1964 hat sich also wenig geändert, dass Zehn- bis Zwölfjährige in der fünften und sechsten Klasse aussortiert und sozialen Karrieren zugewiesen werden, aus denen sie sich nur mit hohem Aufwand oder gar nicht mehr herausarbeiten können.
Zur eigenverantwortlichen Anstrengung der Eltern, ihren Kindern, entweder mit Leistungsdruck oder gleich über die Privatschule einen Weg in ihre Zukunft zu weisen, gibt es immer noch keine öffentliche Alternative.
Ein politisches Interesse daran, ein Bildungssystem aufzulegen, das für alle die bestmöglichen Voraussetzungen für gelingende Bildungsprozesse bieten würde, gibt es nicht. Das gut aussortierte Oben und Unten soll so bleiben, wie es schon immer war. Dafür wird das Gymnasium mit strengen Zugangsregeln gebraucht.
Dabei wäre es so einfach gewesen, 50 der 500 Milliarden Euro Infrastruktur-Schulden, die jetzt rausgehauen werden, sinnvoll für den Aufbau einer sozial gerechten, durchlässigen und Demokratie stärkenden Bildungslandschaft zu reservieren, wie es sie, zum Beispiel, in Finnland oder Schweden gibt.
Will aber keiner.
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