piwik no script img

DFB-Trainer Nagelsmann will weitermachenFlucht vor der Verantwortung

DFB-Trainer Julian Nagelsmann hat nach dem WM-Aus seine Absicht erklärt, im Amt zu bleiben – und verklärt dies als seine Verpflichtung. Das ist schon etwas dreist.

Es ist nach zwei Uhr deutscher Zeit. Das WM-Aus der DFB-Elf ist längst besiegelt, das Stadion in Boston hat sich bereits geleert, als Bundestrainer Julian Nagelsmann sich den Fragen von ZDF-Reporterin Lili Engels stellt. Die wichtigste liegt auf der Hand: Wie geht es jetzt mit ihm weiter? Räumt Nagelsmann nach dem blamablen Aus im Sechzehntelfinale seinen Posten? Seine Antwort ist klar: Er wird nicht von sich aus gehen. „Ich bin keiner, der wegläuft.“ Wenn der DFB ihn nicht mehr wolle, müsse der Verband ihm das sagen.

Über seine Zukunft hat er sich schon Gedanken gemacht. Nur wann? In der kurzen Zeit zwischen Paraguays letztem Elfmeter und dem Interview? Eher nicht. Vielleicht schon vor dem Spiel? Auch unwahrscheinlich. Entscheidungen dieser Tragweite trifft man nicht nebenbei. Doch genau diesen Eindruck hinterlässt Nagelsmann: Er möchte wirken wie jemand, der nicht wegläuft – während er gleichzeitig vor der Verantwortung, sich ernsthaft mit seiner Zukunft auseinanderzusetzen, flieht.

Der Grund für seine Impulsentscheidung – anders ist sie kaum zu bewerten – wirkt ebenso schwammig. „Es ist immer so, dass du als Trainer mit im Boot sitzt, so wie alle Spieler auch.“ Das ist die Idee des Teamsports und die gelte für ihn genauso wie für jeden einzelnen Spieler, sagt Nagelsmann. Salopp übersetzt: Florian Wirtz tritt schließlich auch nicht zurück, warum sollte er es also tun? Doch mit dieser Argumentation entzieht sich der Bundestrainer erneut der Verantwortung. Um bei seinem Bild vom Boot zu bleiben: Als Cheftrainer bist du der Kapitän.

Und wenn das Schiff sinkt, trägt der Kapitän die Hauptverantwortung – unabhängig davon, wer an Bord noch Fehler gemacht hat. Stattdessen wirkt es, als habe sich Nagelsmann den erstbesten Rettungsring geschnappt, indem er die Verantwortung nun auf alle gleichermaßen verteilt. Wie unverfroren das ist, wird mit Blick auf einzelne Spieler deutlich. Nick Woltemade etwa bekam in der Gruppenphase keine Minute Einsatzzeit und sollte gegen Paraguay in der Verlängerung die Kohlen aus dem Feuer holen.

Im Nachhinein wäre es für Nagelsmann besser gewesen, er hätte seine Antworten kurz nach dem Spiel auf das Wesentliche beschränkt und die Frage nach seiner Zukunft offengelassen. Denn was als selbstbewusstes Statement wirken sollte, bleibt in der Nachbetrachtung ein Armutszeugnis.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Ich halte wenig von dem spießigen Automatismus, dass, wenn etwas schiefgeht, "Verantwortung" quasi nur in der Form von honorigen Rücktritten vorstellbar ist. Der Fehler liegt im Spiel, im Funktionieren der Mannschaft. Dass der Trainer da mehr Hinderungsgrund sein kann als meinetwegen der Physio - geschenkt. Aber liegt es so zwangsläufig an ihm, und hilft vor allen der einseitig bedeutungsgeladene Schrei nach "Konsequenzen" bei der echten Fehlersuche??

    Aus meiner Sicht das letztlich Lynchmob-Gebahren: Die Volksseele fühlt sich düpiert, und irgendwer muss dafür baumeln. Nur dass man das jetzt - wie auch gern bei Politikern - in hehre Worte wie "Verantwortung" und "Konsequenz" kleidet. Beides könnte genau so gut heißen, dass man eben nächstens Mal Smartfones und Spielerfamilien bis zum Viertelfinale daheimlässt oder eine andere Vorbereitung fährt. Nur wäre das keine "persönliche" Konsequenz, die der "Verantwortliche" zieht. Kimmich hat es gesagt: Verbockt wurde es auf dem Platz. Da stand der Trainer nicht einmal. Wieso muss er da DER Grund für's Verbocken sein?

    Und: Wenn der DFB lieber jetzt für das Dreifache den Kloppo engagieren möchte, ist das Sache des DFB, nicht Nagelsmanns.

    • @Normalo:

      "Ich halte wenig von dem spießigen Automatismus, dass, wenn etwas schiefgeht, "Verantwortung" quasi nur in der Form von honorigen Rücktritten vorstellbar ist."



      Minister Seiters war der letzte seiner Art, Kollegen haben das auch belächelt.

  • Wenn Spieler beim Elfern sichtlich nicht wissen, in welche Ecke sie gleich schießen werden und übernachdenklich sind, dann wurden Standards nicht ausreichend trainiert. Überheblichkeit?



    Wenn immer die anderen schuld sind: Führungsschwäche?



    Nagelsmann will womöglich auf jeden Fall die Abfindung: neoliberale Gier?



    Er ist keiner, wo es läuft, womöglich.