Coronamaßnahmen in Frankreich: Macrons selbstherrlicher Kurs

Der Lockdown in Frankreich ist überfällig. Mehr Opfer und längere Einschränkungen sind die Folge eines zaudernden Präsidenten.

Zwei Leute mit Maske verfolgen am großen Bildschirm die Rede Macrons

Frankreichs Präsident Macron verkündet einen erneuten scharfen Lockdown für drei Wochen Foto: Jean-Francois Badias/ap

Seit Wochen rieten die wissenschaftlichen Ex­per­t:in­nen dem französischen Staatschef zum Handeln. Fast alle renommierten Epi­de­mio­lo­g:in­nen forderten wegen der Ausbreitung der neuen Varianten des Coronavirus einen dritten Lockdown, um zu verhindern, dass die Pandemie außer Kontrolle geraten und vor allem das bereits übermäßig belastete Krankenhauspersonal überfordert sein würde. Doch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wollte Zeit gewinnen.

Er glaubte weiterhin, dass seine optimistische Einschätzung richtig und die Kassandrarufe der ergrauten Häupter seines Wissenschaftlichen Rats übertrieben seien. Die Zeitungen kritisierten, Macron habe gepokert und geblufft, jetzt aber seine „Wette“ verloren. Nun blieb ihm keine andere Wahl, als genau zu jenen Restriktionen zu greifen, die er mit Rechthaberei und Sturheit so lange abgelehnt hatte.

Er war zu stolz darauf, dass Frankreich anders als Deutschland und die Nachbarländer die Schulen nicht schließen musste. Doch allein in der Hauptstadt sind bereits 850 Schulen mit rund 20.000 Schulkindern wegen Covid-19-Fällen geschlossen. Resigniert kündigte Macron in einer feierlichen Ansprache am Mittwochabend an, die Krippen, Kindergärten und die Schulen auf allen Altersstufen ab Samstag zu schließen.

Die bisher nur in einem Teil des Landes verhängten Restriktionen – das nächtliche Ausgehverbot ab 19 Uhr, eine auf einen Umkreis von zehn Kilometern vom Wohnort limitierte Bewegungsfreiheit, Versammlungsverbot für mehr als sechs Personen – gelten ab dem Osterwochenende in ganz Frankreich. Macron wurde vom Virus desavouiert. Und dieses Mal kann er sich nicht mehr darauf berufen, er habe den Rat der besten Wissenschaftler befolgt.

Die Unterlassungen wegen seiner Rechthaberei haben einen hohen Preis: Sie erhöhen die Zahl der Opfer und verzögern die Aussicht auf eine Rückkehr zu einem „normalen“ Leben. Der Staatschef will nicht explizit von einem dritten Lockdown reden, auch wenn er genau das nun seinen Landsleuten verkünden musste.

Selbst wenn Macron zum ersten Mal fast selbstkritisch anmerkt, vielleicht seien Fehler gemacht worden, und manches hätte wohl anders angepackt werden können, bleibt es bei einer selbstherrlichen Kursbestimmung im Präsidentenpalast. Die neue Politik wird rückwirkend vom Premierminister am Donnerstag dem Parlament vorgestellt, das gnädigerweise darüber debattieren und abstimmen darf. Ganz unverbindlich, versteht sich.

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Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft. Gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien) und die „Neue Zürcher Zeitung“.

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