Dritte Coronawelle in Europa: Welche Beschränkungen wo wirken

Strenge Maßnahmen oder zaghafte Lockerungen: Wie Frankreich, Portugal und Irland mit der Pandemie umgehen.

Viele Menschen sitzen bei schönem, Frühlingswetter am Ufer der Seine in Paris - zwei PolizistInnen patroullieren

Gefährliches Frühlingstreiben an der Seine in Paris – trotz hoher Infektionszahlen Foto: Christian Hartmann/reuters

PARIS/DUBLIN/MADRID taz | Seit Wochen sagt Präsident Emmanuel Macron, er wolle einen harten Lockdown vermeiden, den seine wissenschaftlichen Berater und die Mediziner öffentlicher Krankenhäuser gefordert hatten. Jetzt sind die Intensivstationen in mehreren Landesteilen, darunter der Hauptstadtregion, bis an die Kapazitätsgrenzen oder sogar darüber hinaus belegt.

Seit Beginn der „dritten Welle“ versuchen die Behörden, Zeit zu gewinnen, bis die Impfkampagne voll im Gang ist. Wie in den Nachbarländern hat sie aber mangels Impfstoffen verspätet und zu langsam begonnen.

Die nächtliche Ausgangssperre um 20 Uhr wurde darum Mitte Januar auf 18 Uhr vorverlegt. Schulen und Geschäfte aber blieben geöffnet. Nach der Sperrstunde (wegen Sommerzeit jetzt um 19 Uhr) sind in Paris tatsächlich weniger Leute auf der Straße. Doch viele haben Freunde oder Verwandte, die freimütig erzählen, dass sie sich in Wohnungen zu „klandestinen“ Diners oder Partys treffen, da sie Polizeikontrollen kaum fürchten. Andere haben berufliche Ausreden.

In Nizza und Dunkerque wurde angesichts der rasanten Entwicklung zusätzlich ein Lockdown am Wochenende angeordnet. Dessen Wirkung blieb bescheiden. Vor zehn Tagen musste dann die Regierung in bisher 19 Départements, in denen mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung lebt, weitere Ausgangsbeschränkungen dekretieren. Dort darf man sich nur in einem Zehn-Kilometer-Umkreis bewegen. Geschäfte, die nicht „unentbehrlich“ sind, mussten wieder schließen. Für Restaurants, Cafés, Theater ist die Wiedereröffnung nicht in Sicht. Offiziell ist nicht von einem dritten „Confinement“ (Lockdown) die Rede.

Doch das ist Wortklauberei, weil Macron am Rande eines Europäischen Rats erklärt hatte, er habe keinen Anlass zu einem „Mea culpa“, denn die von den Epi­de­mio­lo­g:in­nen prophezeite „Explosion“ der Zahl von Neuinfektionen sei ausgeblieben. Die Medien dagegen sprachen fast einstimmig von einer „verlorenen Wette“ des Staatschefs, der bei Corona alles allein beschließen wolle.

Vor allem in den Schulen, die immer offen blieben, häufen sich derzeit die Infektionen, die eine Schließung der betroffenen Klassen erfordern. Die dritte Welle zwingt nun Macron, die „Schraube“ der Restriktionen weiter zuzudrehen. Die Ankündigung wird Mittwoch oder Donnerstag erwartet.

Irland bleibt geschlossen

Irland hingegen befindet sich bereits seit Jahresbeginn im dritten Lockdown. Die höchste Restriktionsstufe 5 gilt bis Montag, doch danach ist kaum mit Lockerungen zu rechnen. Bis auf Lebensmittelgeschäfte und Apotheken ist alles geschlossen. Hausbesuche sind verboten. Man darf sich nur fünf Kilometer von der eigenen Wohnung entfernen. Nur Grundschulen sind Mitte März schrittweise geöffnet worden.

Doch die Maßnahmen zeigen nur bedingt Wirkung. Zwar mussten weniger Coronapatienten ins Krankenhaus oder auf die Intensivstation. Aber die Zahl der Neuinfektionen stagniert und geht nicht entscheidend zurück. Das liegt vor allem an der infektiösen britischen Virusmutation B 1.1.7, die inzwischen für über 90 Prozent der Fälle verantwortlich ist. Die Regierung hatte es versäumt, Einreisebeschränkungen zu verhängen. Auch wurden Restriktionen populistisch zu Weihnachten aufgehoben, was Irland teuer zu stehen kam.

Im Dezember reisten 165.000 Menschen nach Irland. Viele brachten neben Weihnachtsgeschenken auch das Virus mit. Hatte die Grüne Insel Anfang Dezember die niedrigste Infektionsrate der EU, weil man Ende Oktober scharfe Restriktionen verhängt hatte, so verzeichnete sie Anfang Januar die höchste Neuinfektionsrate der Welt.

Deshalb musste man die Reißleine ziehen. Silvester wurde erneut Restriktionsstufe 5 verhängt. Aber erst seit vorigem Freitag müssen Einreisende aus Hochrisikogebieten für zwei Wochen ins Quarantänehotel – auf eigene Kosten, selbst bei negativem Testergebnis. Die vier vorgesehenen Hotels bewachsen Sicherheitsfirmen und die Armee.

Die bisherige Coronabilanz: mehr als 235.000 Fälle bei fünf Millionen Einwohnern, fast 4.700 Tote, von denen 40 Prozent in den ersten sechs Wochen 2021 gestorben sind. Premierminister Micheál Martin rechnet nicht damit, dass die Neuinfektionen im April auf unter 500 pro Tag sinken werden. Ein Gesundheitsexperte meint: „Wenn die Regierung im April etwas unternimmt, das die Welle verstärkt, wäre das eine Katastrophe. Wartet man aber bis Mai oder Juni, könnte das Risiko geringer sein.“

Auch das National Public Health Emergency Team, das die Regierung berät, setzt darauf, dass das verstärkte Impfprogramm in acht Wochen Wirkung zeigen werde. Bis dahin müssen die Iren durchhalten. Das tun sie relativ gelassen.

Portugal traut sich an Lockerungen

Als Anfang Februar 26 medizinische Kräfte der Bundeswehr, darunter acht Ärzte, von Deutschland nach Portugal reisten, drohte dort gerade das Gesundheitssystem zu kollabieren. Mit über 800 Covid-Intensivpatienten waren die Krankenhäuser des Landes mit zehn Millionen Einwohnern völlig überlastet.

Als die deutschen Helfer das Land letzten Freitag wieder verließen, feierte Portugals Premier ihren Abschied: „Ich bin dem Medizinerteam der deutschen Armee, das sechs Wochen Seite an Seite mit unserem Gesundheitspersonal gegen Covid-19 gekämpft hat, dankbar“, twitterte Antonio Costa.

Portugal hatte nach weitgehenden Öffnungen an Weihnachten die Kontrolle über die Pandemie verloren. Dazu kamen Familienbesuche von Portugiesen aus dem Ausland. Viele leben in Großbritannien und brachten die neue aggressivere Virusmutation mit. Jetzt, nach zwei Monaten hartem Lockdown, sind die Zahlen endlich wieder runter.

Es werden noch 136 Covid-Fälle in den Intensivstationen behandelt. Lag die 14-Tageinzidenz der Neuinfektionen beim Eintreffen der Bundeswehr pro 100.000 Einwohner im Landesschnitt bei über 1.400, sind es derzeit noch 72. Pro Tag sind weniger als 10 Covid-Tote zu beklagen. Anfang Februar waren es um die 300. Bisher haben 16.843 Portugiesen Covid-19 nicht überlebt.

Costa verspricht eine neue Öffnung – „umsichtig und langsam, Stück für Stück …“. Die Regierung hat offenbar gelernt. Kindergärten, Vor- und Grundschulen sowie Friseursalons, Bibliotheken und Buchhandlungen öffneten bereits Mitte März. Gartenlokale, Museen, kleine Geschäfte und Cafés müssen bis Ostermontag warten. Die Mittel- und Oberstufe der Schulen und die Universitäten öffnen am 19. April, auch Kinos, Theater und Einkaufszentren. Restaurants dürfen dann eingeschränkt öffnen.

Die Grenze zu Spanien bleibt bis Ostermontag zu. Die Regeln für internationale Flüge werden verschärft. Wer aus einem Land mit einer 14-Tage-Inzidenz von über 150 kommt, darf nur in dringenden Fällen und mit negativen PCR-Test einreisen. Wer aus einem Land mit einem Wert über 500 kommt, muss zwei Wochen in Quarantäne. Die Maßnahmen sollen alle zwei Wochen geprüft werden, so Costa. Der Ausnahmezustand, der wieder Verschärfungen möglich macht, gilt bis mindestens Anfang Mai.

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