piwik no script img

Coachella-Festival 2026Auf YouTube mit Justin Bieber

Justin Bieber brach 2022 seine Tournee ab und trat kürzlich beim kalifornischen Coachella-Festival zum ersten Mal wieder auf – für viel Geld, mit wenig Show.

Fan von Justin Bieber beim Coachella-Festival in Kalifornien Foto: Daniel Cole/reuters

S cherz? Betrug? Oder „der bislang wichtigste Popkultur-Moment 2026“ (Die Welt)? Es gibt offensichtlich Redebedarf: Was war das nun, was sich Justin Bieber da beim Coachella-Festival vergangenen Samstag geleistet hat? Etwas Gutes oder etwas Böses?

Leider gibt es – legal – keine längeren Videos. Deshalb eine kurze Nacherzählung: Bieber ist seit einer abgebrochenen Tournee 2022 aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr öffentlich aufgetreten. Seine zwei Comeback-Auftritte beim Megafestival im kalifornischen Coachella Valley sahen rund 250.000 Festival-Besucher vor Ort, während der YouTube-Kanal, der das Festival in Echtzeit überträgt, fast 6 Millionen Abonnenten hat.

Dem Vernehmen nach soll Bieber eine Gage von 10 Millionen US-Dollar erhalten haben, wofür selbst Cristiano Ronaldo fast drei Wochen arbeiten müsste. Doch anders als etwa Co-Headlinerin Sabrina Carpenter, die am Abend zuvor unter dem Titel „Sabrinawood“ mit Riesenaufwand eine Art Broadway-Musical aufgeführt hatte, verweigerte sich Bieber der in diesem Zusammenhang als selbstverständlich geltenden großen, teuren Produktion.

Ohne große Show auf der Bühne

Er ging auf Youtube und spielte alte Videos von sich ab, zu denen er gelegentlich mit sich selbst im Duett sang.

Statt eines machtvollen Walkürenritts durch zwei Jahrzehnte Hits mit großer Band, Tän­ze­r*in­nen und jede Menge Licht- und Laser-Remmidemmi, war er am Samstag meistens allein auf der Bühne, gelegentlich unterstützt von Gästen, und performte vor allem eher ruhige Songs aus seinen 2025-er Alben „Swag“ und „Swag II“.

Kontrovers wurde der Auftritt, als sich Bieber an einen Tisch setzte und ein Laptop aufklappte, dessen Bildschirm an eine große Leinwand hinter ihm projiziert wurde. Er ging auf YouTube und spielte alte Videos von sich ab, zu denen er gelegentlich mit sich selbst im Duett sang. Viele enttäuschte und irritierte Besucher verließen daraufhin die Fläche vor der Bühne.

„Bieber hatte die Chance, auf einer Bühne, die ihm offensichtlich viel bedeutet, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – und er hat sie verpasst“, kommentierte der „Rolling Stone“, während die eher hippe Fraktion der Popkritik indes die „Radikalität“ des Auftritts feierte. „Pitchfork“ schrieb „Man kann das als müde oder faul bezeichnen, aber sich auf einer Couch mit Justin Bieber YouTube-Videos anzusehen ist so etwas wie eine wahrgewordene Millennial-Phantasie.“

Am Ende ist für eine Mehrheit der Kom­men­ta­to­r*in­nen nicht der Auftritt an sich oder Biebers Haltung das eigentlich Interessante, sondern die Tatsache wie aufgeregt darüber diskutiert wird. So meint Ryan Broderick in „Garbage Day“: „Ich kann mir nichts vorstellen, was besser in die heutige Zeit passt als einem Mann nach einem manischen Zusammenbruch zuzusehen wie er an einem Laptop sitzt und sich via YouTube seine eigenen Erinnerungen vorspielen lässt, während sich Tausende miteinander streiten, warum sich jemand so etwas ansehen wollte.“

Nostalgischer Trip in die Prä-Internet-Ära?

Ein bisschen kommt es einem aber auch vor wie ein nostalgischer Trip in jene Prä-Internet-Ära als skandalträchtige Pop-Statements wie Madonnas „Boy Toy“-Gürtel oder Prince' „Slave“-Tattoo für langsame, aber nicht weniger hysterische Debatten von Feuerland bis Bergen sorgten.

Wenn man sich dann aber ins Gedächtnis ruft, dass das Coachella-Festival von der Anschutz Entertainment Group des rechts-religiösen MAGA-Unterstützers Philip Anschutz veranstaltet wird, wird klar, dass solche Statements schon lange eingepreist sind in die große kapitalistische Weltgleichung, und die Turbulenzen, die sie in einigen spezialisierten Kohorten auslösen mögen, außerhalb dieser keine messbaren Ausschläge bewirken.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Ein Packshot der Wochentaz-Zeitung mit einer neutralen Illustration auf der Titelseite.

10 Ausgaben für 10 Euro

Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört. Jetzt zehn Wochen lang kennenlernen.

  • Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die man woanders nicht hört
  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
  • Mit Zukunftsteil zu Klima, Wissen & Utopien
  • Mit Regionalteil „Stadtland“ für alles Wichtige zwischen Dorf und Metropole

10 Wochen für nur 10 Euro

Jetzt bestellen

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!