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Choreografin Zufit SimonScharf konturierte Bewegungen

Zufit Simon seziert Protestformen und setzt sie wieder neu zusammen. Ihr neustes Stück „The Fight Club“ eröffnet das Best OFF Festival Freier Theater.

Die Tänzerin und Choreografin Zufit Simon Foto: Oliver Look

Rhythmisches Gehen, stoßweises Atmen, pumpende Arme und Fäuste: Betrachtet man die vier Per­for­me­r:in­nen in den Probenvideos von „The Fight Club“, identifiziert man viele bekannte Bewegungen aus dem Repertoire der Choreografin Zufit Simon. Auch die Posen, die prompt eingenommen werden, sich aber auch langsam verwandeln können, oder die elektronische, mit verfremdeten Stimmen durchsetzte Musik von Fredrik Olofsson. Und doch gibt es Neues in Simons aktuellem Stück, das am 23. April das Best OFF Festival Freier Theater der Stiftung Niedersachsen in Hannover eröffnen wird.

Stehen bei Simon meist Frauen und als weiblich gelesene Per­for­me­r*in­nen im Zentrum, gehen die körperlichen Formen von Protest und Widerstand, mit denen sie sich hier zum dritten Mal beschäftigt, deutlich in Richtung Kampf und (männliches) Imponiergehabe.

Schon „Radical Cheerleading“, ihr erstes Stück zu ähnlicher Thematik, erhielt 2024 den Preis des Best OFF Festivals – der Grund für Simons diesjährige Festivaleröffnung. Die 1980 in Israel geborene Tänzerin und Choreografin lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Dietrich Oberländers Braunschweiger artblau Tanzwerkstatt förderte und produzierte ihre Arbeiten von Beginn an.

2016 wurde die Konzeptionsförderung vom Niedersächsischen Ministerium für Kunst und Kultur gestrichen, 2024 musste das LOT-Theater, in dem viele von Simons Arbeiten uraufgeführt wurden, insolvenzbedingt schließen. „Der Wegfall dieser nicht nur für mich, sondern für die gesamte freie Szene wichtigen Infrastruktur bedeutet einen herben Verlust an Planungssicherheit und Unterstützung“, so Simon.

In München liegen Simons Anfänge

Dass sie dieser Verlust nicht mit voller Wucht trifft, liegt daran, dass sie seit jeher im Dreieck München-Braunschweig-Berlin arbeitet und mit ihrem „großen Rucksack“ zwischen den dort lebenden Ko­pro­du­zen­t*in­nen und künstlerischen Kom­bat­tan­t*in­nen unterwegs ist.

In München stand sie erstmals 2002 in „Tower of Babel“ der Company CobosMika auf der Bühne, stellte in Arbeiten von Sabine Glenz und Micha Purucker ihre Präsenz unter Beweis und zeigte fast alle eigenen Stücke hier. 2025 erhielt Zufit Simon im Alter von 45 Jahren den Münchner Tanzpreis für ihr Lebenswerk. In seiner Laudatio pries Micha Purucker ihre Furchtlosigkeit und ihren „unvermieteten Kopf“. Auch die Autorin dieses Textes hielt damals dort eine Lobrede auf Leben und Werk der Choreografin.

Zufit Simons Arbeiten haben etwas Kühles, sind aber nicht steril. Sie sind kein tänzerisches Storytelling, haben nichts Dekoratives und fordern frei nach Brecht auch nicht zum romantischen Glotzen auf. Der Wille zur Form verdeckt in ihnen nie die Lust auf Bewegung. Ihr Tanz ist wie ein Produkt aus der Molekularküche: Eine Essenz, in der aber noch der volle Geschmack der Zutaten steckt. Und die sind sehr unterschiedlich.

„Scharf konturierte Bewegungen“, „Intensität“ und „einen trockenen Humor“ hat Zufit Simon sich vor einigen Jahren selbst bescheinigt. Damals hatte sie gerade ihre Gefühls-Trilogie beendet. Drei Stücke über das Verhältnis zwischen Emotion und Körper, die beides in seine Bestandteile zerlegten und sich von „NEVER THE LESS“ über „all about nothing“ bis hin zu „piece of something“ zu dem hintasteten, was bei Simon bis dato verschlossen schien: der Mimik, die zähnefletschend, mechanisch und übergroß häufig im Widerspruch zur behaupteten Stimmung stand oder förmlich angeknipst wurde.

Simons Kunst ist darauf aus, mit Erwartungen zu brechen und Verwirrung zu stiften: „Erst bei mir selbst und dann beim Publikum.“ Mag sein, dass ihr der Hang dazu bereits in die Wiege gelegt wurde: Der hebräische Vorname Zufit bedeutet so viel wie Kolibri. Zufit Simon aber ist eher groß und hat gar nichts von einem winzigen Flatterwesen. Sie ist eine zurückhaltende Person, die sich als „schüchternen“ und „trockenen Menschen“ bezeichnet und immer den Außenblick auf sich selbst behält.

Der Tanz begann als Kind

Zu tanzen begann sie als Vierjährige, studierte erst klassischen, später an der HfMDK Frankfurt auch zeitgenössischen Tanz. Die Eigenheit ihrer choreografischen Arbeiten wurde früh gewürdigt. Simons erstes Solo „fleischlos“ gewann 2005 bei der euroscene Leipzig den 3. Preis für das beste deutsche Tanzsolo. 2008 wurde „Meine Mischpuche“ bei Tanz im August in Berlin gezeigt, ein Stück, in dem sich drei Tänzer zwischen Hunderten von Eiern bewegen wie in vermintem Gelände.

Es folgten viele repetitive Arbeiten, operierend mit überraschenden Allianzen zwischen Lautsprechern, Mikros und hochmotorisierten Körperteilen und viele Einladungen zu Festivals. Und auch über den eigenen Tellerrand hinaus ging Simons Blick immer wieder: in ihrem Einsatz für andere oder in ihren Jahren mit dem Regisseur Moritz Schönecker am Theaterhaus Jena.

Das Stück

„The Fight Club“, 23. April, 18 Uhr, Eröffnung des Festival Best Off, Hannover, 29. und 30. April, Schwere Reiter, München

„Bodies in Rebellion“, 29. und 30. Mai, Eisfabrik, Hannover

Seit Zufit Simon Mutter geworden ist, hat ihr Interesse für feministische Themen noch zugenommen – und auch die Experimentierlust. Ihr Solo „Schäume“ brachte 2019 mehr Nicht-Choreografiertes, den Einsatz der Stimme und technische Verfremdungseffekte ins Spiel. 2020 folgte mit „Strange foreign Bodies“ die Entscheidung, mit Leuten zu arbeiten, „die andere Mentalitäten, Herkünfte und Körper haben“ und diese Körper erstmals auch nackt zu zeigen. Auch ihren eigenen, denn Simon steht immer selbst mit auf der Bühne.

Radical Cheerleading

Dass diese auf schönste Weise sture Bewegungsforscherin alle ihre Arbeiten als Teile eines einzigen, potenziell „endlosen“ künstlerischen Aktes begreift, wird in ihren Serien besonders deutlich. In „Radical Cheerleading“ knüpfte sie 2023 an die aktivistische Praxis US-amerikanischer Feministinnen an, die die Stereotype des klassischen Cheerleadings – kurze Röcke, offene Haare, immer lächeln – zur Waffe formt und die Tür öffnet für queere und andere Protestformen.

Das dank der Pompons bislang bunteste Stück der Antitheatralikerin war und ist ein Renner. Sie hat darin „sexy“ Klischee geometrisch befriedet und sich durch Wiederholungen totlaufen lassen wie bereits in ihrem Solo „Wild Thing“, dem sie 2012 ihre erste Einladung zur Tanzplattform Deutschland verdankte. Und sie hat ihr choreografisches Sezierbesteck hier erstmals nicht nur an Bewegungen, sondern auch an Slogans angelegt – und beim Neu-Zusammensetzen der Teile Wert darauf gelegte, dass selbst scheinbar Gesten wie gereckte Fäuste nicht auf ihre Bedeutung reduziert werden können.

Zufit Simon interessiert sich nicht für das Eindeutige. In „Bodies in Rebellion“, Teil zwei ihrer Widerstands-Reihe, geht es nicht um konkrete Proteste in einem konkreten Land. Simon entwirft eine Art Glossar von abstrahierten Äußerungsformen des politischen Körpers, das sich extra langsam auf der Bühne entfaltet und von Gesten des passiven Widerstands über das revolutionäre Self-Empowerment bis zur paramilitärischen Machtergreifung reicht.

In „The Fight Club“ wird das Repertoire an Bewegungen womöglich kleiner. Die Idee zu dem Abend kam ihr, als sie ihre Kinder vom Judo in einem Box-Tempel abholte: „Was ist das für eine Show, die erst endet, wenn einer am Boden liegt und nicht mehr aufsteht? Welches Mindset braucht man dafür?“, waren ihre ersten Fragen.

Im Video sieht man, wie die Demonstration von Macht und Stärke ins unfreiwillig Lächerliche kippt. Und wie reduziert ihre Posen sind. Aber man kann darauf wetten, dass es wieder verschiedene Layer geben wird, Irritierendes, Nachdenkenswertes. Denn „Twists kreieren“, die aus Mainstream-Verhaltensweisen etwas unangenehm und schwer zu klassifizierendes anderes machen, das ist Zufit Simons Metier.

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