Chinas Zensur gegen Oscar-Gewinnerin: Die gecancelte Regisseurin

Chloé Zhao hat einen Oscar gewonnen. Doch Chinas Filmfans dürfen sich nicht mit der Regisseurin freuen. Die Staatsmedien verschweigen sie.

Eine Frau hält zwei Oscar- Statuen, in jeder Hand eine

Chloé Zhao freut sich über mehrere Oscars für „Nomadland“ Foto: Chris Pizzello/reuters

PEKING taz | Eigentlich wäre der historische Oscar-Gewinn von Regisseurin Chloé Zhao ein regelrechtes PR-Geschenk für Pekings Staatsführung. Schließlich gewinnt die in China geborene Filmemacherin die öffentlichkeitswirksamste Auszeichnung der Kinobranche – erstmals eine nichtweiße Preisträgerin. Ein historischer Moment, schreiben die Redaktionen im Ausland.

Im Heimatland der 39-Jährigen verstummte das Echo jedoch: Ihr Oscar-Gewinn wurde von den staatlich kontrollierten Medien nicht einmal erwähnt. Chloé Zhao, die vielleicht talentierteste Regisseurin ihrer Generation, ist von den Zensoren in China ausradiert worden.

Die Oscar-Verleihung durfte auf Anordnung der Behörden nicht live übertragen werden. Selbst in Hongkong, dessen Freiheiten aufgrund von Pekings Repressionen im letzten Jahr erodiert sind, zeigte erstmals seit über 50 Jahren kein Fernsehsender die Veranstaltung.

Die Filmkritiken des ausgezeichneten Werks „Nomadland“ sind vom chinesischen Netz gelöscht worden, der heimische Kinostart wurde bereits vor Wochen gestrichen. Selbst auf sozialen Medien haben die Zensoren die meisten Debatten einfach verschwinden lassen. „So lange ich bereits über chinesische Zensur und Propaganda schreibe, kann ich es immer noch nicht fassen“, schrieb die New York Times-Kolumnistin Li Yuan auf Twitter.

Kritisches Interview

Anstoß erregte ein Interview, das die 1982 in Peking geborene Regisseurin vor acht Jahren einem New Yorker Filmmagazin gegeben hat. Darin spricht sie von ihrer rebellischen Jugend in China; einem Land, „wo Lügen überall sind. Viele Informationen, die ich erhielt, waren nicht wahr.“ Sie erzählt, dass sie als Teenager auf einem britischen Internat die Geschichte ihres Heimatlandes neu lernen musste.

Im März schließlich gruben chinesische Internetnutzer die kritischen Aussagen aus dem Archiv aus – und lösten einen staatlich orchestrierten Shitstorm aus, der die Filmemacherin künftig als Landesverräterin brandmarkte.

Tatsächlich ist China mit seiner umfassenden Internetzensur längst zu einem Orwell’schen Überwachungsstaat geworden, der ungewollte Themen und Personen schlicht aus dem kollektiven Gedächtnis streichen kann. Wer etwa die Enzyklopädie „Baidu Baike“ besucht, das chinesische Äquivalent von Wikipedia, wird keinen Eintrag zum Tiananmen-Massaker von 1989 finden. Und dass Mao Tse-tung mit seiner fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik die vielleicht größte menschengemachte Hungersnot im 20. Jahrhundert ausgelöst hat, wird ebenfalls unter den Teppich gekehrt.

Dass nun sämtliche Debatten über Chloé Zhaos Oscar-Gewinn unterdrückt werden, beinhaltet vor allem eine einschüchternde Botschaft: Keine Chinesin und kein Chinese, ganz egal mit welcher Staatsbürgerschaft oder welchem Wohnort, soll das System der Volksrepublik kritisieren. Chloé Zhao zumindest scheint dennoch ihren Optimismus nicht aufgegeben zu haben: „Ich habe immer das Gute in den Leuten gefunden, die ich überall auf der Welt getroffen habe“, sagte die Regisseurin in ihrer Dankesrede.

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