Chaos im Eisschnelllaufverband: Machtkampf auf Eis gelegt
Der Eisschnelllaufverband sagt eine Mitgliederversammlung ab, auf der Präsident Matthias Große um sein Amt hätte fürchten müssen. Der Unmut wird größer.
Foto: Matthias Koch/imago
Es schien alles auf eine große Konfrontation am Samstag in Dresden hinauszulaufen. Auf der außerordentlichen Verbandsversammlung der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft e. V. (DESG) sollte nach dem Willen nicht weniger Präsident Matthias Große gestürzt werden. Ein Abwahlantrag sollte juristisch per Eilantrag noch auf die Tagesordnung gesetzt werden.
Doch die DESG-Führung sagte am Donnerstag kurzerhand die Versammlung ab und verlegte die Zusammenkunft auf den 13. Februar 2027. Offenkundig ist das Muffensausen groß. Die Fraktion der Aufständischen wird vom Thüringer Eis- und Rollsport-Verband (TERV) angeführt, dessen Empörung sich an der geplanten Strukturreform der DESG und der Abwertung des Standorts Erfurt entzündet hat. Präsident Matthias Große wird vorgeworfen, er für führe den Verband nach Gutsherrenart. 17 Kaderathleten aus Erfurt sollen ihr Training künftig in Berlin oder Inzell absolvieren. Mithilfe der obligatorischen Athletenvereinbarung sollte eine Zustimmung zu diesem Modell erzwungen werden. Die Erfurter Athleten unterschrieben diese nur unter Protest, um ihren Kaderstatus und Fördermittel nicht zu verlieren.
Für die Absage der Versammlung am Samstag macht die DESG-Führung nun hauptsächlich den oppositionellen Landesverband verantwortlich, die gegen Große am Samstag den Thüringer Ministerialbeamten Andreas Minschke ins Rennen schicken wollte. Die DESG-Spitze schreibt in ihrer Pressemitteilung am Donnerstag, der TERV selbst hätte juristisch versucht, die Durchführung der Veranstaltung zu verhindern. TERV-Präsident Michael Schneider bezeichnet das als „völligen Unsinn“. Das Gegenteil sei richtig, der Verband habe sich für diesen Termin eingesetzt. Grundsätzlich, sagt Schneider, enthalte das DESG-Schreiben kaum eine richtige Aussage.
Falsch sei ebenso, dass der TERV den bereits amtierenden Vizepräsidenten Shorttrack, Christoph Zepernick, zu seinem Kandidatenteam gezählt habe. In einer von der DESG versandten Pressemitteilung am Mittwoch hat sich Zepernick selbst gegen diese angebliche Vereinnahmung der Opposition verwahrt. Davon aber, betont Schneider, könne keine Rede sein. In der TERV-Pressemitteilung zum Kandidatenkreis, der das Team von Präsident Große ablösen soll, sei Zepernick ausdrücklich nicht dazugezählt worden. Man habe lediglich festgehalten, dass eine weitere Zusammenarbeit mit Zepernick gewünscht sei. Dieser sei davor davon in einem Telefongespräch vergangenen Freitag in Kenntnis gesetzt worden und habe keine Einwände vorgetragen.
Nächster Termin in etwa sechs Wochen?
Die Thüringer wollen nach der abgesagten Zusammenkunft nun selbst die Einberufung einer außerordentlichen DESG-Mitgliederversammlung beantragen. Dafür braucht es eine Zustimmung von 25 Prozent der 40 Mitglieder. Das DESG-Präsidium müsste daraufhin die Versammlung in einem Zeitraum von 6 Wochen terminieren.
Über die aktuelle Entwicklung zeigt sich Eisschnellläufer Hendrik Dombek, der in Erfurt trainiert, und Präsidiumsmitglied von Athleten Deutschland e. V. der unabhängigen Interessenvertretung für deutsche Kaderathleten, enttäuscht: „Ich kann die Entscheidung des DESG-Präsidiums nicht nachvollziehen. Durch die Absage bleibt erneut die Gelegenheit ungenutzt, die dringend benötigte Klarheit zu schaffen. Dieser Zustand ist nicht tragbar.“
Leidtragende seien die Sportlerinnen und Sportler, die seit Monaten auch wegen der Unsicherheit bezüglich des Standorts Erfurt belastet seien, was auch Einfluss auf ihre sportliche Leistungsfähigkeit habe. Das Problem sei jedoch noch größer.
„Der Konflikt hat sich jetzt am Thema des Standorts Erfurts entzündet. Es gibt aber ein grundsätzliches Problem: die Art und Weise, wie mit den Athletinnen und Athleten umgegangen wird, die fehlenden Kommunikation. Es hat in den vergangenen sechs Jahren immer wieder Themen gegeben, die wir in die Öffentlichkeit tragen musste, um zumindest so einen gewissen Druck für ihre Anliegen erzeugen zu können. Spaß hat das niemandem gemacht.“ In der Tat unterschrieb Dombek gemeinsam mit anderen Athleten schon im Januar 2021 einen Brief, in welchem die mangelhafte Kommunikation unter DESG-Präsident Matthias Große beklagt wird.
Unter den Athleten selbst wiederum herrsche eine große Solidarität. Die von Große in den Raum gestellten Sanktionen für die rebellischen Eisschnellläufer aus Erfurt stieße bei vielen Kolleginnen und Kollegen andernorts auf Unverständnis. Von den dann frei werdenden Starterplätzen bei Weltcups, erzählt Dombek, wollten diese nicht profitieren. Es herrsche das Einverständnis, die Besten sollten starten.
Das Unterstützungsschreiben für Matthias Große, das in den letzten Tagen unter den Athleten in Umlauf gebracht wurde, dürfte deshalb kaum auf große Resonanz stoßen. Unter anderem soll dieser Satz unterzeichnet werden: „Aus meiner Erfahrung mit früheren Führungen der DESG bin ich überzeugt, dass weder meine persönlichen Erfolge noch die deutlich positive Leistungsentwicklung im deutschen Eisschnelllauf ohne Matthias Große möglich gewesen wären.“ Hendrik Dombek sagt, er wüsste nur von zwei Sportlern, die das Papier unterschrieben hätten.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert