Film über Bundeswehr-Spezialeinheit: Geheime Krieger im ARD-Vorabend-Streichorchester
Eine Dokumentation über das Kommando Spezialkräfte fällt reichlich düster aus. Die entscheidende Frage fehlt: Braucht es diesen Verband überhaupt?
A m Ende des Films darf sich das Kommando Spezialkräfte (KSK) noch mal beweisen: Die Schlussszenen der neuen ARD-Dokumentation über die Spezialeinheit der Bundeswehr zeigen die Soldaten in den letzten Momenten des Afghanistan-Einsatzes. Nachdem die deutsche Politik den Vormarsch der Taliban über Monate aktiv wegignoriert hatte, mussten im August 2021 noch mal die Spezialkräfte antreten, um in einer hastigen Aktion internationale Entwicklungshelfer*innen aus Kabul zu retten.
Man kann KSK und Bundeswehr dafür loben, in diesen chaotischen Tagen, in denen Afghanistan nach 20 Jahren brutalem Krieg wieder seinen islamistischen Herrschern überlassen wurde, zumindest etwa 5.000 Menschen aus dem Land geschafft zu haben. Doch man könnte sich auch um ein umfassenderes Bild bemühen: Hier wurden Soldaten erneut in einen gefährlichen Einsatz geschickt und Tausende Ortskräfte in Afghanistan zurückgelassen, nur weil sich die Bundesregierung nicht früher um eine politische Lösung der sich abzeichnenden Vollkatastrophe bemühen wollte.
Man muss dazu wissen, dass es auch deutliche Warnungen gerade aus der Bundeswehr über den anstehenden Fall Kabuls gab, doch auch dort drang man nicht bei der Regierung durch. Wer also das KSK lobt, die Kritik aus den eigenen Reihen aber nicht erwähnt, trägt zur Geschichtsverklärung bei. Es ist politisch opportuner, mutmaßliche Helden zu feiern, anstatt über die Fehler zu sprechen, die dieses Heldentum scheinbar notwendig machten.
Die anderthalbstündige Dokumentation über das KSK aus der Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks tappt sehr bereitwillig in diese Kitsch-Falle. Die verklärte Afghanistan-Evakuierung muss als eine Art Happy End herhalten, nachdem die vorangegangene Filmpassage eine wohldosierte Auswahl aus KSK-Skandalen und – nennen wir es KSK-Humor – beleuchtet: Ein Soldat berichtet von der Verabschiedungsfeier eines Vorgesetzten, bei der Schweinsköpfe in Eimer geworfen wurden, weil man einen „römisch angehauchten“ Hindernislauf betreiben wollte. „Zwischendrin gab es reichlich Met, den der Kompaniechef zu sich nehmen musste.“
Die wollen nur spielen
Weniger witzig ist der Fall des KSK-Ausbilders Philipp Schaaf, der 6.500 Schuss Munition und 2 Kilo Sprengstoff in seinem Garten verbuddelt hatte, um diese, wie er in der Dokumentation betont, in der Einheit regulär für Übungszwecke zu benutzen. Dass zudem Nazi-Liedgut und Ausgaben eines Magazins ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS (Der Freiwillige) bei ihm gefunden wurden, erwähnt die Dokumentation zwar. Andere Abgründe kommen in der Dokumentation aber nicht vor; etwa dass das KSK auch mit dem rechtsextremen Schießtrainer Frank T., der dem Nordkreuz-Netzwerk zugerechnet wurde, zusammenarbeitete.
Düstere Streicherklänge untermalen den ganzen Film und sollen den Szenen zusätzliche Schwere verleihen, klingen aber nach ARD-Vorabendserie. Immerhin liefert die Dokumentation Einblicke in die kollektive Psyche des KSK, die einer der Soldaten und auch Militärhistoriker Sönke Neitzel als eine Art chronischen Cockblock bezeichnen: Er habe nach dem harten Aufnahmeverfahren und der Ausbildung inständig auf seinen ersten Einsatz gewartet. Doch im entscheidenden Moment habe einer seiner Kameraden den Vortritt bei einer Mission erhalten – enttäuscht kehrte der Soldat dem KSK den Rücken.
Neitzel äußert in der Doku den Verdacht, dass das KSK eine hochgradig kampfbereite Truppe sei, die aber die meiste Zeit dazu verdammt wäre, die Kaserne zu hüten. Während er dafür plädiert, die Jungs doch mehr spielen zu lassen, wird die Frage, warum es diesen Verband überhaupt noch braucht, in der Dokumentation nicht mal angeschnitten. Schade eigentlich.
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