Bundeswehr an Schulen: Mathe, Englisch, Bundeswehr?
Berliner Schulen und die Bundeswehr sollen stärker zusammenarbeiten, das wurde diese Woche vertraglich festgehalten. Eine gute Idee?
JA!
Bundeswehrbesuche in Schulen stehen also angeblich im Widerspruch zum Auftrag zur Friedenserziehung im Berliner Schulgesetz. So ist das von der Linkspartei zu hören. Das kann man meinen. Aber dazu muss man ein sehr spezielles Bild von Frieden haben. Eines, das Invasionen, Gemetzel, Folter, Vergewaltigung zwar vielleicht nicht widerspruchslos, aber widerstandslos hinnehmen will.
Politiker und längst nicht nur Militärexperten warnen seit langem davor, dass Russland in wenigen Jahren fähig sei, ein Nato-Land anzugreifen. Da kann man sagen: Dann ist das so, dann sind die Russen halt auf dem Kurfürstendamm, wenn auch nicht mehr „in fünfzehn Minuten“, wie Udo Lindenberg das zu DDR-Zeiten besang.
Lindenberg hatte dabei ganz spezielle Vorstellungen von der russischen Invasion: „Sie lassen ihre Panzer im Parkhaus steh'n und wollen im Café Kranzler die Sahnetörtchen seh'n“, heißt es in seinem ab 1984 zu hörenden Text. „Sie kommen uns besuchen, einfach nur mal so auf Kaffeechen und Kuchen und 'n Fläschchen Piccolo.“
Die Einwohner von Butscha und vielen anderen Orten in der Ukraine haben das ganz anderes erlebt. Sich solchen „Besuchen“ zu widersetzen, geschieht – ein paar Waffennarren ausgenommen – nicht aus Lust an Militärischem und Schießen, sondern aus dem Willen zum Überleben jenseits einer Diktatur, in einer schließlich wieder friedlichen Welt.
Dieses Schießen und letztlich auch Töten, im besten Fall bloß Abschrecken, geschieht aber nicht von allein. Das müssen Menschen übernehmen, die Waffen in die Hand zu nehmen bereit sind. Wenn Schule unter Friedenserziehung verstünde, sich verteidigungslos einem Aggressor zu ergeben, könnte sie die Vermittlung von Werten wie Freiheit und wertschätzendem Umgang miteinander ganz aufgeben. Denn was sind die wert, wenn sich für sie keiner notfalls mit der Waffe einsetzen mag?
Es bestehe der Verdacht, dass die Bundeswehrbesuche in Schulen auch der Nachwuchsgewinnung dienen sollen, heißt es. Ja, natürlich, was denn sonst? Was soll daran schlecht sein, junge Menschen in ihrer ganzen Vielfalt dazu zu motivieren, ihr Land und ihre Werte zu verteidigen, egal ob auf Dauer oder als kurzzeitig Wehrdienstleistender? Und was soll denn nicht links sein an Friedensbewahrung, dem Schutz von Frauen vor Vergewaltigung, dem Erhalt einer Welt sozialer Sicherungsysteme?
Wer in den russischen Streitkräften nur wie Udo Lindenberg potenzielle Konditoreikunden auf dem Ku'damm sieht, mag das anders betrachten. Wer sich aber an offen aggressiven Aussagen aus Russland orientiert, der sollte das Feindbild nicht im eigenen, in Artikel 87 des Grundgesetzes verankerten Militär sehen, sondern die Bundeswehr in Schulen willkommen heißen. (Stefan Alberti)
NEIN!
2025 fanden 166 Besuche der Bundeswehr in Berliner Schulen statt – bei 190 Schultagen im Jahr ist das fast jeden Tag einer. Jetzt sollen es noch mehr werden. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) unterzeichnete dazu am vergangenen Montag eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr. Man wolle auf diese Weise sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen an Schulen sachlich und kontrovers behandeln. Aber wie kontrovers kann diese Unterhaltung sein, wenn die Gegenseite fehlt?
Kindern und Jugendlichen verschiedene Berufsfelder vorzustellen, zählt zu guter Bildungsarbeit dazu. Doch es drängt sich die Frage auf, wieso die Bundeswehr hier diese auffällige Sonderstellung erhält. Wieso reiht sich der Soldat nicht neben der Ärztin, dem Feuerwehrmann und der Chemielaborantin an einem allgemeinen Berufsorientierungstag ein? Wichtig wäre in einer vollumfänglichen Betrachtung des Soldat*innenberufs auch das Aufzeigen möglicher Risiken.
Werden zum Beispiel Mädchen darüber aufgeklärt, dass es bei der Bundeswehr vermehrt zu sexuellen Übergriffen an Frauen gekommen ist? So räumt sogar das Journal der Bundeswehr ein, dass es zwischen 2020 und 2024 über 1.319 Verdachtsfälle von sexualisierter Gewalt gegeben hat. Anfang des Jahres erst waren nach dem Bekanntwerden von „sexualisiertem Fehlverhalten“ bei den Fallschirmjägern in Rheinland-Pfalz Ermittlungen gegen 55 Beschuldigte eingeleitet worden, berichtet der Deutschlandfunk.
Ausmusterungsgrund Homosexualität
Bis 1979 war Homosexualität bei der Bundeswehr ein Ausmusterungsgrund und galt auch später noch als Ausschlussgrund für die Beförderung zum Offizier. Erst 2000 wurde die institutionelle Diskriminierung von schwulen Männern in der Bundeswehr beendet, berichtet der Verband Queere Vielfalt. Die Studie „Zwischen Tabu und Toleranz“ von 2020 versucht die Diskriminierung von schwulen Soldaten zwischen 1955 und 2000 aufzuarbeiten.
Es lohnt sich auch ein Blick auf die psychischen Folgen, die ein Einsatz nach sich ziehen kann. Das Deutsche Ärzteblatt nennt neben der klassischen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auch Angststörungen, Depression und Alkoholabhängigkeit als mögliche Einsatzfolgen. Betrachtet werden muss in diesem Zusammenhang auch die weiterhin hohe Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und die Problematik des Unterangebots von trauma-therapeutischen Therapieplätzen.
Sozialpsychologische Effekte wie das von Irving Janis geprägte Phänomen „Groupthink“ besagen, dass Mitglieder einer Gruppe ihre eigene kritische Urteilskraft unterdrücken, wenn das Bestreben besonders groß ist, dazuzugehören. Ein Experiment von Solomon Asch – bei dem aus vier Strichen zwei gleich lange identifiziert werden sollten – zeigte, dass Menschen die falsche Antwort gaben, wenn andere im Raum diese vorhersagten. Gruppendruck kann also dazu führen, dass Menschen offensichtliche Tatsachen leugnen.
Während diese Effekte auch bei Erwachsenen wirken, ist die Gefahr bei Jugendlichen noch größer. Denn psychosoziale Anpassung an Peers ist ein Kernelement dieser Entwicklungsphase, schreibt zum Beispiel Sarah Bagley von der Boston University. Kinder sollen in Deutschland besonders geschützt werden. So darf man erst mit 18 Jahren alleine Auto fahren, auf Bundesebene wählen und sich im Glücksspiel versuchen – wieso also im zarten Alter von 14 Jahren schon Werbung für die Lebens-Lotterie Bundeswehr konsumieren? (Anna Simbürger)
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