piwik no script img

Bundesregierung und BundestrainerVerpackung wie Inhalt oder Jacke wie Hose

Das Reformpaket ist kränker als ein Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag sein kann und freut nur Jens Spahn und Philipp Amthor, die sich High five geben.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht letzte Woche?

Friedrich Küppersbusch: Bis 2 Uhr wach bleiben, um sich besser ärgern zu können. taz: Und was wird besser in dieser?

Friedrich Küppersbusch: Nichts, dauert bis 2030, dann WM in unserer Zeitzone.

taz: Die Bundesregierung hat ihr Reformpaket vorgestellt. Welches Teilstück finden Sie am schlechtesten?

Friedrich Küppersbusch: Kann ich die Verpackung bitte im Laden lassen? Falls man sie vom Inhalt unterscheiden kann. Was zum Beispiel hat die Beschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes mit „Aufschwung und Beschäftigung“ zu tun? Staatshandelnde sollen weniger „angefeindet und bedroht“ werden von neugierigen Medien. Klingt, als hätten sich Jens Spahn und Philipp Amthor an der Stelle High five gegeben.

Ebenfalls schlimm verirrt ein Passus, wonach Länder keine Gesetze mehr machen dürfen, private Mietwohnungsbestände zu vergesellschaften. Das widerspricht den Grundgesetz-Artikeln 14 und 15, klingt aber edler als das Gemeinte: Die „Linke“ ist doof und stinkt.

Dagegen scheint die „telefonische Krankschreibung“ ein Popanz: Sie macht 0,8 – 1,2 % aller Krankschreibungen aus, hat nahe null Einfluss auf den Krankenstand und taugt aber prima, von deutlich kränkeren Teilen des Paktes abzulenken.

taz: Julian Nagelsmann ist als Nationaltrainer zurückgetreten. Können Sie etwas Positives über seine Amtszeit sagen?

Friedrich Küppersbusch: Viertelfinale, also unter den besten acht bei der EM ´24. Gegen Paraguay kann man Mist spielen, auch wenn der Trainer sich nicht vercoacht hat – wie inzwischen Frankreich bewiesen hat. Durch seinen Abgang kann jetzt mal die stets dräuende Erlösungsfantasie mit Jürgen Klopp durchgespielt werden. Und danach dann vielleicht mal ok finden, nicht die Weltgeilsten zu sein.

taz: Das Massaker der Hamas an israelischen Zivilisten vom 7. Oktober 2023 ist nun 1.000 Tage her. Können wir darauf hoffen, dass sich die Situation in der Region in den nächsten 1.000 Tagen bessern wird?

Friedrich Küppersbusch: 1.000? Ok, auf die nächsten 100 würde ich schon mal nichts setzen, bis zur Wahl im Oktober bleibt Netanjahu unkalkulierbar und an Schlachtenruhm dringend interessiert. Laut Washington Post warnten die USA im Frühjahr den Iran, Netanjahu wolle ihre Verhandler wegbomben. Noch viel desinteressierter an Frieden kann man nicht sein.

Er setzt sich längst dem Verdacht aus, die Verbrechen der Hamas optimal für seinen Machterhalt zu nutzen. Und für eine Vision von Groß-Israel gegen jedes Völker- und Kriegsrecht. Es ist möglich, dass ihm das gelingt; es ist sicher, dass sowas nicht in 1.000 Tagen heilt.

taz: Was würden Sie Friedrich Merz zum Thema „Umgang mit der AfD“ sagen, wenn er Sie wie Mathias Döpfner ins Kanzleramt einladen würde?

Friedrich Küppersbusch: Ok also in Zeitlupe: Ein neuer Podcast hatte behauptet, Döpfner habe Merz zur Zusammenarbeit mit der AfD gedrängt und dabei gedroht. Merz habe das Gespräch empört beendet. Inzwischen ist davon etwas mehr dementiert als überhaupt behauptet wurde; die angegebenen Termine stimmen nicht, das Zitat sei alt, aber falsch, sowas halt.

Mein O-Ton an Merz aber wäre „was Springer will, ist eh offensichtlich“ und Merz Antwort stammt aus dem März: „Ich werde, auch wenn ich mittlerweile aus einzelnen Verlagshäusern dazu aufgefordert werde, keine andere Mehrheit suchen.“

taz: Die AfD hat zum Parteitag nach Erfurt gerufen. Was war die lauteste Stimme, die Sie von dort gehört haben?

Schöne Krawallstrecke im „heute journal“ zwischen der kämpferischen Dunya Hayali und der Fragemauer Weidel. Hayali wollte wissen, warum Chrupallas Wahlergebnis schlechter war, wieso Weidel Extremisten-Kontakte duldet, und was Höckes Kumpel im Bundesvorstand tut. Normal würde man sagen – ok, drei Fragen, drei Minuten.

Hier werden es 9, in denen Weidel nichts antwortet, sich andere Fragen wünscht, die Moderatorin herabwürdigt, und insgesamt einen Vorgeschmack gibt auf Totalitarismus-TV nach ihrem Gusto. Lange Strecken reden beide gleichzeitig, es ist sozusagen das körperbetonte Spiel des Politjournalismus. Beklommen kann man kaum wegschauen und weiß doch: Viele werden das jetzt gut finden.

taz: Männer sind öfter Singles als Frauen, Frauen sind mit ihrem Singleleben häufig zufriedener als Männer, teilt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung mit. Klingt nach einer nicht sehr harmonischen Geschlechterbeziehung – oder wie nehmen Sie das wahr?

Ich bin ja eher ’ne Langspielplatte. Wie war nochmal die Frage? Ah ja! Die Grünen haben ein Manifest (nicht Mannifest, schade) veröffentlicht, wonach man auch und gerade als moderner Mann pumpen und Porschefahren dürfe. Weil die Partei auf manche Männer etwas überfeministisch wirke. Auch sehr interessant.

taz: Und was macht der RWE?

Plant die neue Saison mit einem Kader im Transferwert von knapp sieben Mio €. Zum Vergleich: Nationalmannschaft Transferwert 945 Mio €. Man kann auch ohne Geld Spaß haben!

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare