piwik no script img

Buckelwal „Timmy“Dubiose DNA-Beweise vorgestellt

DNA-Proben sollen beweisen, dass der in Dänemark verstorbene Buckelwal nicht „Timmy“ ist. An der Glaubwürdigkeit der Proben gibt es Zweifel.

Kirsten Tönnies sitzt allein auf der Bühne, als sie bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die Ergebnisse der DNA-Untersuchung des im März an der Ostseeküste gestrandeten Buckelwals „Timmy“ verkündet. Diese seien so unterschiedlich, dass es sich nicht um dieselbe Tierart handeln könne, sagt sie.

Handelt es sich bei dem Tier gar nicht um einen Buckelwal? Weitere Schlüsse will sie nicht ziehen, sondern nur „ein paar Fakten auf den Tisch legen“. Die in Tabellen präsentierten Ergebnisse der Untersuchung kann sie selbst nicht interpretieren. Die beiden „Analysten“, die die Ergebnisse mit ihr präsentieren sollten, hätten aus Angst vor beruflichen Nachteilen kurzfristig abgesagt. Um wen es sich handelt, möchte sie auch auf Nachfrage nicht beantworten.

Auch betont sie, dass sie für das „Team Hope“ und ausdrücklich nicht für die gleichnamige Initiative spreche. Die Tierärztin war Teil der Gruppe, die in einer privaten Rettungsaktion den gestrandeten Buckelwal vom Timmendorfer Strand in Richtung offenes Meer gebracht hatte. Einen Monat später wurde das verendete Tier vor der dänischen Insel Anholt angespült.

Die Ergebnisse der nun vorgestellten DNA-Analyse sollen diesen von den deutschen und dänischen Behörden festgestellten Sachverhalt infrage stellen.

Proben in China ausgewertet

Im Nachgang zur Pressekonferenz meldet sich das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern und fordert die Initiative auf, dem Ministerium sämtliche Daten zur Verfügung zu stellen. Die präsentierten Ergebnisse nehme man zur Kenntnis, könne sie aber nicht bewerten.

Woher die Proben überhaupt stammen, bleibt in der Pressekonferenz unklar. Keine der untersuchten Proben wurde von Kirsten Tönnies selbst genommen. Belege dafür, dass die getestete DNA tatsächlich von „Timmy“ stammt, wurden auf der Pressekonferenz nicht präsentiert. Ausgewertet hatte die Proben laut Tönnies ein Institut aus China. Den Namen dürfe sie nicht nennen, aber es sei sehr angesehen. In Deutschland habe sich kein Institut gefunden. Zu Absagen sei mit Verweis auf den „politischen Hintergrund“ gekommen.

Belege, dass es sich bei dem vor Anholt verendeten Tier um den gleichen Wal handelt, gibt es dagegen zahlreiche. Die dänischen Behörden hatten nach einer tiermedizinischen Untersuchung bereits Anfang Juni bekannt gegeben, dass es sich um das „Timmy“ genannte Tier handelt.

Um den Wal eindeutig zu identifizieren, wurde auch die Fluke, also die Schwanzflosse, des Wals herangezogen. „Die Fluke ist so individuell wie ein Daumenabdruck“, sagt der Meeresbiologe Thilo Maack. Er ist bei Greenpeace unter anderem für den Schutz von Walen zuständig. Auch nach Wochen im Wasser habe daran noch erkannt werden können, dass es sich um das gleiche Tier handele, so Maack weiter.

Viel Raunen im Saal

An dem vor Anholt gestrandeten Tier wurde auch der Tracker gefunden, der von der Initiative an „Timmy“ angebracht worden war. Schleswig-Holsteins Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte auf Basis der Trackerdaten in einer Pressekonferenz Mitte Juni den Weg des Wals vom Ort der Freilassung bis vor die Küste Anholts gezeigt.

Im großen Saal des Hamburg-Hauses in Eimsbüttel haben sich zur Pressekonferenz auch viele Un­ter­stüt­ze­r*in­nen eingefunden. Als sich eine Fragestellerin bei Tönnies für ihren Einsatz bedankt, applaudieren fast Dreiviertel des Saals. Auch als ein Redner den Behörden in Mecklenburg-Vorpommern Totalversagen vorwirft, wird gejubelt. Je länger die Pressekonferenz dauert, desto öfter wird im Saal geraunt.

Bei der Pressekonferenz betont Tönnies, dass sie zahlreiche Zuschriften erreicht hätten, die die Darstellung der Behörden infrage stellen. Sie habe sich deshalb mit der Unterstützung anderer Mitglieder des „Team Hope“ entschieden, die Untersuchung auf eigene Kosten durchzuführen. Immer wieder wird von Fra­ge­stel­le­r*in­nen angebracht, dass bestimmte Erkenntnisse wohl nicht sein dürften. Nicht selten geht danach ein Raunen durch den Saal. „Alles inszeniert“, sagt ein Mann, der die Pressekonferenz auf Social Media streamt.

Viele Emotionen gegenüber der Presse

Für Thilo Maack ist die Situation eindeutig: „Es ist dasselbe Tier.“ In der Präsentation der DNA-Ergebnisse durch die Initiative sieht er einen „Versuch zu verschleiern, dass es keine Rettungsaktion war, sondern das Verbringen eines todkranken Tiers von einem Ort zum anderen“. Wis­sen­schaft­le­r*in­nen hatten schon während der Rettungsaktion darauf hingewiesen, dass eine Rettung aus wissenschaftlicher Perspektive keinen Sinn ergebe.

„Mit dem Geld hätte man wesentlich mehr für den Meeresschutz machen können“, sagt Maack, etwa Seegraswiesen pflanzen, um den Folgen des Klimawandels zu begegnen oder Fischer dafür zu bezahlen, in Schutzgebieten keine Stellnetze auszubringen. Im Maul von „Timmy“ waren Reste von Fischernetzen gefunden worden.

Am Ende der Pressekonferenz fragt eine Besucherin in Richtung der Presse in emotionalem Tonfall, warum so viele Menschen daran arbeiten wollten, das „Timmy“ tot ist. Merkwürdig sei es, dass Menschen mit Kraft, Herz und Energie wie Tönnies unter Beschuss stünden.

Derweil verschärft sich die Debatte um den Fall. Ein Schauspieler des Ernst-Deutsch-Theaters in Hamburg erhielt Morddrohungen. Er hatte in einem satirischen Theaterstück über die selbsterklärte Rettungsaktion mitgespielt.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare