Buch über die Umweltbewegung: Alles egal ist auch keine Haltung
Die „Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers“ von Paul Kingsnorth sind Wutreden eines Gescheiterten, der es sich gedanklich zu leicht macht.
Mit der Essaysammlung „Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers“ von Paul Kingsnorth stellt der Berliner Verlag Matthes&Seitz mit dem falschen Buch die richtige Frage: Wie geht’s weiter, da weltweit Umwelt- und Klimabewegungen politisch marginalisiert werden und sich gesellschaftlich in Deutschland, um es mit Stephan Grünewald zu sagen, in einer Phase der „Nachspielzeit“ befinden?
Die Antwort von Kingsnorth, der in Großbritannien vor einigen Jahren ein bekannter Umweltaktivist war, mit Essays im Guardian und Interviews in der BBC, ist: Rückzug. „Wie leben wir und wie sollen wir leben?“, heißt es im Klappentext, „Paul Kingsnorth, die dunkle Stimme der Ökologie-Bewegung, findet unbequeme Antworten.“
Unbequem wäre okay. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob wir Biodiversität und stabiles Klima auf die bequeme Art erhalten könnten. Aber Kingsnorths Antworten sind nicht unbequem, sondern von vorgestern. Kein Wunder, sind die versammelten Essays doch überwiegend zehn Jahre alt oder noch älter. 2016 – vor der Coronapandemie, vor dem Ukrainekrieg, vor den heißen Sommern und vor den trockenen Wintern in Europa, vor der zweiten Amtszeit Trumps und vor der Rückkehr des Rechtspopulismus oder -extremismus vielerorts.
Man kann dem Autor nicht vorwerfen, dass er all das in seinen Texten nicht bedenkt, und man könnte es einem engagierten Verlag auch durchgehen lassen, mit Essays eines leidlich bekannten Autors auf leichte Art Geld zu verdienen. Kann man an dieser Stelle aber doch nicht.
Der Journalist Cord Riechelmann befindet in seinem Vorwort, dass man zwar „2017, als die Bekenntnisse im Original erschienen“, noch nicht wissen konnte, „wie hemmungslos die Ausbeutung der letzten Naturreserven unter Politikern wie Donald Trump im Verein mit Techgiganten vorangetrieben und wie rücksichtslos sie durchgesetzt werden würden“, das aber natürlich nichts an der Brauchbarkeit von Kingsnorths Erzählungen ändere. Problem: Das kann man nur schreiben, wenn man der Überzeugung ist, inzwischen sei alles verloren und darum egal.
Der Verlag selbst wirft ein, Kingsnorth sei „schon früher als andere Bewegungen (Letzte Generation zum Beispiel) zu dem Schluss gekommen, dass es für Aktivismus keine erreichbaren Ziele mehr geben kann“. Also brauche es neue Narrationen über den Klimawandel, die Gesellschaft, die Natur.
Paul Kingsnorth: „Bekenntnisse eines genesenden Umweltschützers. Essays“. Übersetzung: Kevin Vennemann. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026, 330 S., 34 Euro
Doch wie sollen neue Narrative über Gesellschaft, Klimawandel und Natur entstehen, wenn nicht aus der präzisen Beobachtung des Gegenwärtigen? Dem Autor ist es ein „dringliches Anliegen“, dass neue Geschichten erzählt werden müssen, in einer neuen Sprache. Schließlich hielten die Erzählungen „unserer“ – also der postaufklärerischen, industriellen, westlichen – Kultur die Welt für eine Maschine, leblos und ohne Bewusstsein. „Die Folgen all dessen – Klimawandel, Massenaussterben, Massentierhaltung, die übliche Litanei von Schrecken – sollten eigentlich ausreichen, dass wir uns fragen, ob diese Geschichte nichts weiter als nur schlecht aufgebaut und schlecht erzählt ist – oder ob sie ganz einfach völlig falsch ist.“
Die uralte Geschichte vom Natur gestaltenden Menschen
Nur um ein paar Seiten später etwas verdruckst davon zu schwärmen, wie er ein „Wirrwarr“ aus „Schwarzdornbüschen und Dornengestrüpp“ mit einem Bagger von seinem Rückzugsort, dem Grundstück auf dem Lande, entfernen musste, um einen Birkenhain zu errichten: „… diesen Ort eines Tages besser zurücklassen, als wir ihn vorgefunden haben“. Doch diese uralte Geschichte vom tätigen, die Natur zum Besseren gestaltenden Menschen ist gerade eine solche, die Kingsnorth überwinden wollte.
Hier wie dort – in all seinen Texten macht es sich der Autor gedanklich stets so leicht wie möglich. Die Welt teilt er gern in zwei Dimensionen: Es gibt die Zahlenmenschen und die Dichter, die Naturliebhaber und die Klimaschützer. Er denkt, das wird von Essay zu Essay immer klarer, eben in harten Konfliktlinien, wie ein Aktivist. Doch über die wütende Enttäuschung eines vorerst Gescheiterten sind die Zeiten längst hinweggegangen. Das Publikum, das sich noch für die Überlebensfragen interessiert, verdient klügere Antworten.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert