Buch über Ficos Slowakei: Demolieren und demontieren
Der slowakische Autor Michal Hvorecký erzählt in „Dissident“ vom autoritären Staatsumbau unter Fico. Und aus seiner bewegten Biografie.
Um in der Slowakei im Jahr 2026 zu einem Dissidenten zu werden, braucht es nicht viel. Der Journalist und Autor Michal Hvorecký weiß dies aus eigener Anschauung. Er ist eine Persona non grata für die Fico-Regierung und die Rechten im Lande, dazu reiche es aus, so schreibt er, „dass ich frei und prodemokratisch denke, dass ich meine kritische Meinung öffentlich äußere“.
Im Netz ernte er dafür Hass: „Mal bin ich da ein Landesverräter, dann ein Ausländer, jedenfalls ein Nicht-Slowake, ein Drogensüchtiger, transgender oder intersexuell und am häufigsten – was auch sonst – ein Jude.“
Michal Hvorecký, Jahrgang 1976, zählt im Westen zu den bekanntesten Autor:innen aus der Slowakei, auf Deutsch sind nun bereits acht Bücher von ihm erschienen, seine Werke wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt.
Zur Buchmesse in Leipzig 2026 erscheint wieder die Literataz – diesmal schon vorab in der wochentaz vom 14. März. Darin geht es um die neuen Bücher von Judith Hermann, Carla Hinrichs, Judith Holofernes, Siri Hustvedt, Michal Hvorecký, Hasan Kikić, Rinah Lang, Dorota Masłowska, Sophia Merwald, Quinn Slobodian, Eva von Redecker, Christoph Ribbat, Lukas Rietzschel, Kuku Schrapnell, Ben Tarnoff, Curtis Sittenfeld, Ronen Steinke, Yasemin Toprak, Michael Wildenhain. Alle Texte zur Buchmesse finden Sie in unserem Schwerpunkt auf taz.de.
Die Buchmesse in Leipzig geht von Donnerstag, 19.3, bis Sonntag, 22.3.
Die taz ist wieder mit einem eigenen Stand vor Ort, an dem in zahlreichen Talks mit Autor:innen diskutiert wird – live auf der Bühne in Halle 5 und als Stream im youtube-Kanal der taz.
Hat er zuvor zum Teil dystopische Erzählungen veröffentlicht, handelt sein neues Buch „Dissident“ nun von einer wahr gewordenen Dystopie: In seiner vierten Amtszeit macht der slowakische Präsident Robert Fico vor, wie man eine Demokratie demoliert und demontiert, auch und gerade auf dem Feld der Kultur: Die rechtspopulistische Kulturministerin Martina Šimkovičová setzt reihenweise missliebige Intendant:innen und Kulturmanager:innen ab.
Michal Hvorecký: „Dissident“. Klett-Cotta, Stuttgart 2026,
160 Seiten, 18 Euro
Hvoreckýs Buch ist einerseits eine Mischung aus Abrechnung, Aufschrei und Weckruf, er richtet den Blick auf die politischen Zustände in seinem Heimatland. Andererseits erzählt Hvorecký viel Biografisches, das eng mit der Geschichte der Tschechoslowakei und der Slowakei verbunden ist. Hvorecký schreibt über seine beiden Großväter, seinen Vater und seinen Onkel (dass es nur die Männer der Familie sind, passt dabei in die Epochen), er schreibt aber auch über Sexualität und sexuellen Missbrauch zu Sowjetzeiten.
Hvorecký selbst wird in den Achtzigern Opfer eines bekannten slowakischen Sexualstraftäters. Er wird von seinem Klassenlehrer Milan Maxián, einem angesehenen Mathematik-Professor, missbraucht, als er elf Jahre alt ist. Es ist beklemmend, wie Hvorecký dies schildert: „In diesem Alter kommt man nicht auf die Idee, dass Lehrer Jungs für gute Hausaufgaben nicht die Schenkel tätscheln, den Schoß berühren, Wangen und Lippen küssen“, schreibt er. Dass Maxián noch viele weitere Jungen sexuell belästigt haben soll, erfährt er später.
Die Tat ordnet Hvorecký, wie alles andere Biografische auch, politisch ein. Er beklagt das Totschweigen sexueller Übergriffe in der Tschechoslowakei – und vergleicht die Vergangenheit mit der Gegenwart. „Die Kommunisten haben sich den menschlichen Körper und auch sein Sexualleben angeeignet, und heute wird dasselbe von religiösen Fundamentalisten versucht, die Schwule für genauso gefährlich halten wie Pädophile und diese Begriffe oft synonym verwenden“, erklärt er.
Hvoreckýs Familiengeschichte würde Stoff für einen Roman über das totalitäre 20. Jahrhundert hergeben: Einer seiner Großväter ist „ein Roter“, ein beinharter Kommunist, der „an einem totalitären politischen System mitbaute“, „mitverantwortlich“ war, wie der Autor schreibt. Sein anderer Großvater ist Zipser Sachse, also Angehöriger einer deutschsprachigen Minderheit in der Tschechoslowakei.
Sein Vater ist ein bekannter Informatiker, gründet ein Computerzentrum in der Tschechoslowakei, er zählt zur digitalen Avantgarde im Ostblock und setzt sich 1989 für die Demokratisierung ein. Ebenso wie sein Onkel, ein in der Musikakademie tätiger Trompeter, der gefeuert wird, als er 1989 eine Petition mitunterzeichnet, die fordert, den Systemwechsel zu ermöglichen. Ausgehend von seiner Familiengeschichte führt Hvorecký die Leser:innen in die Slowakei von heute. Eine These ist es, dass all die Zäsuren des Landes (1945, 1948, 1968, 1989) nie aufgearbeitet wurden und dass es Fico deshalb so leicht falle, die Geschichte so zu verdrehen, wie es gerade gebraucht wird.
Dem autoritären Umbau in der Slowakei wird, verglichen mit Ungarn, vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil. Dabei handelt es sich auch um ein EU-Land mit immerhin 5,5 Millionen Bürger:innen, die Achse Tschechien-Slowakei-Ungarn ist weiterhin zu fürchten (für den Fall, dass Orbán im Amt bleibt). Wer sich dessen nicht gewahr ist, dass die Slowakei längst ein zweites Ungarn ist und vom Grad der gesellschaftlichen Verrohung auch mit den USA verglichen werden kann, der sollte dieses Buch lesen – und die richtigen Schlüsse daraus ziehen für die Landstriche, in denen es noch nicht zu spät ist.
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