Blick zurück aufs Paradies: Kann das alles Zufall sein?
Die Gegenwart mal aus der ausgedachten Zukunft eines Science-Fiction-Romans zu betrachten, schärft den Blick. Wie viel Wahnsinn ist da schon im Gange?
H eute mal eine zentrale metaphysische Frage: Gibt es Zufall? Oder ist alles vorherbestimmt? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Aber manchmal fällt es mir schwer, an den Zufall zu glauben. Da sitze ich im Regen von Oberbayern und lese nichtsahnend einen Roman, der aus der Zukunft von 2119 auf unsere Zeit zurückblickt und sie so zusammenfasst: „Die Vergangenheit war bevölkert von Idioten“. Kurz darauf mache ich den Fernseher an und sehe die Spitzen der schwarz-roten Regierungskoalition den „Kompromiss“ zur „Abschaffung des Heizungsgesetzes“ verkünden. Zufall?
Es liegt natürlich an dem Buch, das ich lese: „Was wir wissen können“ von Ian McEwan: Ein englischer Literaturwissenschaftler beschreibt 2119 seine Suche nach einem verschollenen Gedicht von 2014, das die Schönheit der Natur und der Liebe preist. Und erzählt nebenbei im Rückblick, was zwischen 2014 und 2119 so alles passiert ist.
Es klingt wie eine Wahlkampfrede der Grünen in den 80er Jahren: Atomkriege, Artensterben, Europa zum großen Teil überflutet, verarmt und technologisch rückständig. Die Erzählungen des Wissenschaftlers Thomas Metcalfe in dem Buch durchzieht das Bedauern über den Verlust von Natur, Wohlstand, Wissen, Freiheit und Lebensqualität.
Für ihn ist unsere Gegenwart „eine Welt, die uns wie ein Paradies vorkommt; ein größerer Reichtum an Blumen, Bäumen, Insekten, Vögeln und Säugetieren … der Wein war von besserer Qualität als unser Wein, ihre Nahrung abwechslungsreicher, die Luft, die sie atmeten, war reiner und weniger radiokativ, die medizinische Versorgung effizienter und technisch besser“. Er spricht vom Jetzt und Hier als dem Schlaraffenland der Biodiversität, Klimastabilität und Vernunft. Und von der „großen Disruption“, die Mitte des 21. Jahrhunderts dieses goldene Zeitalter beendete, das wir jeden Tag als Jammertal begreifen.
Souveräne Ignoranz
McEwan nutzt sein Konstrukt für bitterböse Kritik am schlechten Jetzt. Denn das ist die gute alte Zeit der Zukunft, „in der viele Probleme der Menschheit noch hätten gelöst werden können. Damals, als zu wenige begriffen, wie grandios ihre natürliche und auch die menschengemachte Welt war“.
Ist es da Zufall, dass ich gerade noch einen CDU-Parteitag verdaue, der souverän das Klima- und Naturthema ignoriert hat? Auf Seite 117 lese ich über uns, „diese Vorfahren müssen ignorante, verkommene und destruktive Rüpel gewesen sein“ – während das Radio von der Rede des US-Präsidenten berichtet, der weiter von seinen fossilen Albträumen halluziniert. Kein Zusammenhang?
Der Wissenschaftler im Roman wundert sich später über seine Ahnen, die „für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen … uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abwischten …“ – während sich die Regierung gerade ihre Klimapläne für 2030 und 2040 zusammenfantasiert. Alles Zufallsprinzip?
Wahrscheinlich. Aber dann lese ich über die nächste Forderung aus Politik und Wirtschaft, den EU-Emissionshandel zu „reformieren“: Also das einzig funktionierende Klimaschutz-Instrument der EU drastisch zu beschneiden, zu stutzen, zu verstümmeln. Mein Blick fällt aufs Datum: Es ist der letzte Dienstag im Februar – der jährliche „Weltkastrationstag“. Echt jetzt?
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