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Besuch in Obdachlosencamps in KansasDie Hoffnung auf etwas Güte

In der WM-Stadt Kansas City ist die große Zahl der Obdachlosen nicht zu übersehen. Das Turnier hat deren Lage teils verschlimmert, teils verbessert.

Alina Schwermer

Aus Kansas City

Alina Schwermer

Das Camp liegt im Wald an einer Schnellstraße verborgen. Ein matschiger Pfad führt steil abwärts; man muss den Ort kennen, um ihn zu finden. Im Schutz einer Brücke an einem trüben Bach sind Zelte aufgebaut, Menschen haben sorgsam Sitzgelegenheiten aufgebaut und Pappen ausgelegt. Habseligkeiten und Müll liegen herum. Ein Obdachlosencamp in Kansas City, etwa zehn Männer und Frauen sind an diesem Vormittag dort. Die Organisation Care Beyond the Boulevard (CBB) reist heute auf Wunsch an. Es gab eine Bitte aus dem Camp, Wunden sollen versorgt werden. Die Hel­fe­r:in­nen kündigen sich laut an. „Medizinisches Team!“ Niemand soll sich überrumpelt fühlen. Oberhalb führt die Brücke zum WM-Stadion. „Ich wette, keiner der Fans hat die Leute bemerkt“, sagt Russell Kohl.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Er ist Arzt und heute ehrenamtlich hier. Care Beyond the Boulevard soll ein wenig von der Dysfunktionalität des US-Gesundheitssystems auffangen. Die Organisation, die sich durch Freiwilligenarbeit, Spenden und Fördermittel finanziert, bietet kostenlosen medizinischen Service vor allem für Obdachlose, Wohnungslose und Menschen ohne Krankenversicherung. Es gibt einen festen Ort namens „Beehive“ (Bienenstock), wo Betroffene Ärz­t:in­nen aufsuchen können, aber auch Hilfe bei psychischen Problemen und Sucht, beim Beantragen von Papieren oder bei der Wohnungssuche erhalten. Und mehrfach pro Woche fährt ein Team eine Liste von Straßenvisiten ab wie heute. CBB versorgt nach eigenen Angaben mithilfe von etwa 300 Ehrenamtlichen und 30 Festangestellten rund 3.500 Patient:innen. In einer Stadt, die geschätzt 4.000 Obdachlose zählt, übernimmt sie eine quasistaatliche Funktion.

Obdach- und Wohnungslosigkeit, das ist in den Medien kein Thema bei dieser WM. Und das, obwohl es in vielen US-Gastgeberstädten Debatten über Vertreibungen und Räumungen gab, auch in Kansas City. Doch die offiziell über 770.000 Menschen in den USA, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben, empören wenige. Obdachlosigkeit als Normalität, nicht als Verbrechen am Menschenrecht auf Wohnraum und ein würdevolles Leben.

Ihre Zahl entspricht etwa der Bevölkerung Frankfurts. Die Zahlen steigen seit Jahren, zuletzt um einen Rekordwert von 18 Prozent innerhalb eines Jahres. Fehlender Wohnraum und explodierende Mieten, Inflation und stagnierende Gehälter, die Ursachen sind ähnlich wie in Deutschland. Verschärfend hinzu kommt eine hohe Straßenobdachlosigkeit, sie betrifft etwa ein Drittel der Menschen ohne Wohnung. In der Gastgeberstadt Kansas City leben 95 Prozent der chronisch Obdachlosen auf der Straße. So viele wie in keiner anderen US-Stadt.

Alles verloren nach dem Tod ihres Mannes

Ihre Geschichten sind oft die von Menschen, die lange Teil der Gesellschaft waren. „Vor sechs Jahren ist mein Mann an Krebs gestorben“, erzählt eine Frau. „Ich hatte alles, und plötzlich hatte ich nichts mehr.“ Dreimal sei sie verheiratet gewesen, zwei schlechte Ehen seien darunter gewesen. „Ich passe auf mich selbst auf.“ Alle möglichen Jobs habe sie gehabt, sechs Jahre lang sei sie Lehrerin gewesen. „Sie fanden mich unorthodox, denn statt des vorgeschriebenen Lehrplans habe ich den Kindern Themen zur Auswahl gegeben. Die Kinder haben das geliebt.“ In ihrer zweiten Ehe sei ihre Stieftochter erschossen worden. Der Mörder sei im Gefängnis, aber sie selbst habe einen Nervenzusammenbruch gehabt und sei kurz in einer Anstalt für psychisch Kranke gewesen. „Ich habe dort Dinge gesehen, die ich nicht hätte sehen sollen.“

Viele dumme und verrückte Sachen habe sie in ihren Dreißigern gemacht. Bis ihr letzter Mann gekommen sei. Nicht viel hätten sie besessen, aber glücklich seien sie gewesen. „Wir waren beste Freunde. Seine letzten Worte waren: ‚Ich liebe dich.‘ Ich höre sie jeden Tag.“ Er habe gewollt, dass sie glücklich sei. „Man muss sich aufrappeln.“ Im Camp hat sie wieder einen festen Freund, sie möchte ihn symbolisch heiraten, CBB will ein Kleid organisieren. Ein Mann, ihre Hunde, eine Gitarre, was sonst, fragt sie, brauche man zum Glück? „Ich will wieder auf die Füße kommen und arbeiten. Ich will nicht, dass sich jemand um mich kümmert.“ Sie hat eine Aussicht auf eine Wohnung. Der neue Freund soll mitkommen. „Es wird ein volles und glückliches Haus.“

„Die meisten unserer Pa­ti­en­t:in­nen sind durchs Raster gefallen“, sagt der Arzt Russell Kohl. Nach offiziellen Angaben waren 2025 rund 28 Millionen US-Amerikaner:innen unter 65 Jahren ohne Krankenversicherung. Das entspricht 10 Prozent der Bevölkerung. „Die allgemeine Ansicht unter Regierenden ist: Wer jung und gesund ist, soll arbeiten.“

Unter seinen Pa­ti­en­t:in­nen beobachte er einen Teufelskreis: Etwa ein Drittel habe psychische Probleme, oft Schizophrenie, zumeist schon vor dem Wohnungsverlust. „Medikamente würden helfen, aber sie können sich die Medikamente nicht leisten. Und solange es ihnen nicht besser geht, nehmen sie diese nicht regelmäßig.“ Dann konsumierten viele, die lange auf der Straße leben, Meth, um wach zu bleiben. „Denn wer nachts einschläft, wird ausgeraubt, vergewaltigt oder verprügelt.“ Die Droge aber verunmögliche es, einen Job zu bekommen. „Bei quasi jedem Job gibt es vorab einen Drogentest. Ohne Job kriegen sie keine Krankenversicherung. Und ohne die kommen sie nicht von den Drogen los.“

Hilfsprogramm anlässlich der WM gestartet

Was helfen kann? Wenn es nach Russell Kohl geht, vielleicht die WM. Kansas City habe die Obdachlosigkeit der Welt nicht zeigen wollen. Der Arzt hatte befürchtet, es würde zu Vertreibungen kommen. Zwar sei etwas passiert; aber vor allem habe Kansas City konstruktiv agiert und ein Housing-First-Programm für zentrale Viertel gestartet. Sechs bis neun Monate könnten die Menschen in ihren neuen Wohnungen bleiben, inklusive etwa Suchthilfe. Vielleicht gehe das Programm danach weiter und werde ausgeweitet. „Hoffentlich wird die WM eine Starthilfe für Housing First.“

Turniere sind vielschichtig: Sie können Ausgangspunkt für weitere Gentrifizierung und Vertreibung sein. Oder für Lösungsideen. Vielleicht in diesem Fall eine Mischung aus beidem. Jaynell Assmann ist die Gründerin von CBB und nurse practitioner, in den USA ein Job zwischen Krankenschwester und Ärztin. Heute bietet ihre Organisation auch etwa eine Kurzzeitpflege, wo Menschen ohne Obdach nach Krankenhausaufenthalten bleiben können. Kansas City sei im vergangenen Jahr in der US-Spitze bei steigenden Wohnraumkosten gewesen, sagt Assmann. „Es gibt sehr viel Gentrifizierung. Wir haben das erste Stadion weltweit nur für Frauen im Profifußball gebaut, und die Stadt ist stolz darauf. Aber in der Gegend haben viele Obdachlose gelebt. Sie wurden vertrieben.“

Busfahrten seien bislang kostenlos gewesen, sehr wichtig für ihre Klient:innen. „Aber kurz vor der WM haben sie wieder Bezahlung eingeführt. Und man muss entweder eine spezielle Karte, eine Kreditkarte oder ein Handy haben. Das ist fast unmöglich für die meisten unserer Patient:innen.“ In einer Suppenküche seien die Besuchszahlen seither um 200 bis 400 Personen pro Woche eingebrochen. „Manche haben das Gefühl, dass sie zur WM mehr Geld machen wollen. Vielleicht wollen sie es auch für Menschen ohne Obdach schwieriger machen, in den Bus zu steigen, wo Ausländer sie sehen.“

Sie hofft, die Regel bleibe nicht. Lokale Po­li­ti­ke­r:in­nen seien andererseits auch engagiert. CBB habe gerade von der Stadt eine große Geldsumme erhalten, um eine niedrigschwellige Notunterkunft zu integrieren. Und bei Housing First etwa sei das Problem nicht die Stadtregierung, sondern vor allem die US-Regierung, die das Thema blockiere.

Umfassende Betreuung hilft

Jaynell Assmann wünscht sich, was naheliegend scheint: eine allgemeine Gesundheitsversorgung, Regulierung der Mieten, weniger Steuervorteile für Überreiche. „Wir müssen aufhören, die Reichen zu schützen, und anfangen, uns um unsere Community zu kümmern.“ Vor allem brauche es Bildung. „Viele Leute in den USA sagen: Ach, die wollen obdachlos sein. Nein, die meisten wollen das nicht. Aber wenn man obdachlos ist, ist es so schwer, da wieder herauszukommen.“ Welche Chancen in umfassender Betreuung liegen, zeige ihre medizinische Kurzzeitpflege. 60 Prozent der Pa­ti­en­t:in­nen 2025 seien nicht auf die Straße zurückgekehrt.

Die Bandbreite von Menschen in prekärer Lage ist groß, wie die Fahrt mit dem Team zeigt. Sie reicht vom zufriedenen älteren Mann im Wohnwagen bis hin zu schwer Süchtigen im verarmten Osten von Kansas City, dabei etwa ein Mann mit SS-Tattoo und Messer, der von Genozid fantasiert. Am anderen Ende der Skala liegt vielleicht das Camp eines Mannes, der eine Legende unter Obdachlosen ist und, so wird erzählt, bemerkenswert organisierte Camps führt, in denen etwa LGBT-Menschen geschützt leben. Wie der Mann im Wagen lebe er freiwillig so.

Doch für viele ist es kein Wunsch. Im Camp am Bach spricht ein Mann langsam und bemüht, er hat einen Hirntumor. Seit zwei Jahren lebe er draußen. „Ich habe alles verloren“, sagt er. Eine Scheidung habe er gehabt, im Gefängnis sei er gewesen. „Es ist hart. Ich habe eine Tochter, sie wird 16, und ich kann sie nicht mal sehen, weil ich kein Fahrzeug habe. Die Menschen verurteilen dich. Es ist eine erniedrigende Erfahrung.“ 61 Jahre werde er dieses Jahr. „Ich will nicht hier draußen sein. Ich will nicht immer schmutzig sein und für meine nächste Mahlzeit kämpfen. Ich kann nicht mehr arbeiten, weil ich mich an nichts mehr erinnern kann. Ich brauche jemanden, der mich pflegt.“ Ein anderes Bedürfnis als die Frau, die betonte, auf eigenen Beinen stehen zu wollen. Was ihm am meisten helfen würde? „Güte“, sagt er.

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1 Kommentar

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  • Ein sehr guter Artikel!

    Housing First ist aber auch in Deutschland noch längst kein Standard. Ich habe mich letztes Jahr um einen obdachlosen Menschen gekümmert – materiell und persönlich –, bis er schließlich bereit war, Bürgergeld zu beantragen.

    Das Problem beginnt oft schon viel früher: Ohne Personalausweis, der selbst bezahlt werden muss (56 Euro) , gibt es kein Bürgergeld. Und ohne Bürgergeld gibt es keine Krankenversicherung, keine Sozialleistungen und :Ohne festen Wohnsitz gibt es keinen Job. Mein Gott, was habe ich mit Ihm beim Ämtergang für Idioten kennengelernt, neben den Guten.

    Kein Wunder, dass viele Menschen diesen Schritt scheuen. Auf der Straße zu überleben bedeutet auch, trotz aller Not wenigstens ein Stück Selbstbestimmung und Würde zu bewahren.



    Ich bezweifle, dass viele von uns vier Wochen ohne Geld auf der Straße überstehen würden.



    Gleichzeitig kann der Staat nicht alles lösen. Psychische Erkrankungen, traumatische Erfahrungen, eine schwierige Kindheit oder fehlende Bildung erschweren den Weg zurück enorm. Wo Persönlichkeit und Resilienz nie wachsen konnten, reicht guter Wille allein oft nicht aus.



    Aber: Housing first ist ein toller und sehr wichtiger Punkt!