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Berliner Jusos zu Rot-Grün-Rot„Ich halte diese Absage an Enteignungen für einen Fehler“

Die Berliner Juso-Vorsitzende Svenja Diedrich fordert ihren Parteichef dazu auf, den Wählerwillen umzusetzen. Das bedeutet Enteignung.

Pascal Maier

Interview von

Pascal Maier

taz: Frau Diedrich, wären Sie als Jungsozialistin angesichts des Wahlergebnisses nicht lieber Mitglied der Linken?

Svenja Diedrich: Die Zeiten sind gerade nicht leicht für die SPD. Ich bin aber auch treuer Fan vom 1. FC Nürnberg, der nur noch in der zweiten Liga spielt, und nicht vom FC Bayern München. Am Ende kommt es darauf an, wofür das eigene Herz schlägt und an welche Inhalte man glaubt: Ich persönlich glaube voll an die Sozialdemokratie.

Im Interview: Svenja Diedrich

ist seit September 2023 Co-Vorsitzende der Jusos Berlin. Die 31-jährige Wahl-Neuköllnerin hat einen Master in Medien und Politischer Kommunikation und kommt ursprünglich aus Nürnberg.

taz: Sie würden aber gerne mit dem FC Bayern München – also den Linken – koalieren?

Diedrich: Auf jeden Fall. Ich glaube, Rot-Grün-Rot wäre das Beste für diese Stadt. Wir als Jusos waren von der abgewählten schwarz-roten Regierung nie begeistert, für die wir jetzt die Quittung bekommen haben. Ich würde es schwierig finden, eine Kenia-Koalition aus drei Wahlverlierern zu bilden. Wir haben eine klare Wahlsiegerin mit Regierungsauftrag, und das ist die Linke.

taz: Ihr Spitzenkandidat Steffen Krach hat eine klare rote Linie gezogen: Keine Enteignungen mit der SPD. Wie geht das mit Ihren Überzeugungen als Jungsozialistin zusammen?

Diedrich: Ich halte diese Absage an Enteignungen für einen Fehler, und sie steht so auch nicht im SPD-Wahlprogramm. Die Linke hat nicht trotz, sondern gerade weil sie Vergesellschaftung zum Thema gemacht hat, die Wahl gewonnen: Wir können den Wählerwillen nicht einfach ignorieren. Der Wahlkampf ist jetzt vorbei und ich erwarte, dass von allen Seiten Kompromisse gemacht werden.

taz: Rote Linien zeichnen sich dadurch aus, dass sie kompromisslos sind …

Diedrich: Ich bin jetzt lange genug in der Politik, um zu wissen, dass sich rote Linien durchaus verschieben können. Wenn wir als SPD eine Wahl mit 12,1 Prozent verlieren, dann müssen wir uns fragen, welche Ansprüche wir noch stellen können.

taz: Trotzdem hat sich Ihre Juso-Co-Vorsitzende Kari Lenke für Krach an der Berliner SPD-Spitze ausgesprochen. Wie passt das zusammen?

Diedrich: Das passt insofern zusammen, dass wir an einen Kompromiss beim Thema Enteignung glauben. Steffen Krach hat letztes Jahr zusammen mit Bettina König in einer extrem schwierigen Lage den SPD-Vorsitz in Berlin übernommen. Er hat den Wahlkampf in einer ebenfalls schwierigen Situation für uns bestritten. Ich bin optimistisch, was seine Rolle in der Zukunft angeht.

taz: Der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, hat nach der Wahlniederlage Konsequenzen gezogen und tritt nicht mehr an. Warum übernimmt nicht Krach die Verantwortung für seine Niederlage?

Diedrich: Weil wir unsere Wahlniederlage nicht allein Steffen Krach zuschieben können. Niemand glaubt mehr, dass die SPD etwas verbessern kann. Und der Hauptgrund dafür ist, dass wir 2023 in eine Koalition mit der CDU gegangen sind, obwohl es eine linke Mehrheit gab. Dafür war Raed Saleh als Partei- und Fraktionsvorsitzender mitverantwortlich und eben nicht Steffen Krach. Deswegen finde ich es auch richtig, dass Raed Saleh jetzt die Verantwortung dafür übernommen hat.

taz: Steht Steffen Krach nicht auch für eine eher konservative Sozialdemokratie?

Diedrich: Ich glaube nicht, dass Steffen Krach so konservativ ist, wie er manchmal rüberkommt. Wenn er von einer starken Wirtschaft spricht, finde ich das auch links – die Wirtschaft ist in Deutschland nicht sozial organisiert. Aber als Arbeiter:innen-Partei müssen wir uns darum kümmern, dass die Leute gute Arbeit finden und das gehört eben auch zu einer starken Wirtschaft.

taz: Gibt es beim Thema Antisemitismus eine rote Linie, die Sie selbst vor eine Koalition mit den Linken ziehen würden?

Diedrich: Ja, nicht nur bei den Linken. Jüdinnen und Juden müssen sich in Berlin und ganz Deutschland sicher fühlen, und Menschen, die das gefährden, haben in einer möglichen Koalition keinen Platz. Ich glaube aber, Antisemitismus gibt es auch in jeder anderen Partei. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich dagegen zu stellen.

taz: Bei welcher anderen Partei kann ein Künstler „Yalla, yalla, Intifada“ skandieren?

Diedrich: Bei keiner anderen, aber Antisemitismus kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Wir dürfen es uns als Gesellschaft auch nicht zu einfach machen und sagen: „Die sind Antisemiten, und wir sind alle toll.“

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11 Kommentare

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  • doda

    Vielleicht wäre es gut, mal klarer zwischen Enteignung (Artikel 14 GG) und Vergesellschaftung (Artikel 15 GG) zu unterscheiden.

    Ich hätte von der SPD eigentlich erwartet, dass die wissen, worüber sie reden.

    Aber vielleicht ist das Ganze ja auch eine absichtliche Verwechslung, damit man irgendwann sagen kann, dass man nie gegen die geplante Vergesellschaftung war?

  • Chaos-NRW

    Nur zur Erinnerung, was den Wählerwillen bezüglich Enteignungen angeht. Die Parteien, die Enteignungen vor der Wahl abgelehnt haben, haben mehr stimmen bekommen, als die Parteien, die diese befürwortet haben.

    • Schmetterling

      @Chaos-NRW:

      Dass CDU und AgD in Berlin eine Mehrheit haben ist irgendwie an mir vorbeigegangen.

  • Worgt Michael

    Bei den Jusos bin ich skeptisch.



    Die SPD- Karriere verläuft diagonal.



    Vom Joso ( unten ganz links) dann steil nach oben und rechts zum Seeheimer.



    Jedenfalls bei der Parteiführung - siehe O. SCHOLZ , ein klassisches Beispiel .

  • Astrid Sehnefeld

    "Ich würde es schwierig finden, eine Kenia-Koalition aus drei Wahlverlierern zu bilden. Wir haben eine klare Wahlsiegerin mit Regierungsauftrag, und das ist die Linke."



    😂 Komisch, nach der Berlin-Wahl 2023 gab's solche Töne nicht zu hören, da hieß es, es sei auch eine Koalition jenseits des Wahlgewinners CDU möglich und das der Regierungsauftrag nicht automatisch an die stärkste Fraktion geht...



    /



    "Wir können den Wählerwillen nicht einfach ignorieren."



    Noch so eine undurchdachte Floskel - im Grundgesetz steht es genau andersrum, (Artikel 38) dass weder der Wählerwille, noch Parteien oder Fraktionen einem Abgeordneten vorschreiben können, wie er abzustimmen hat. Nennt sich Prinzip des freien Mandats.



    Die AfD argumentiert auch immer mit dem Wählerwillen... - taktisch wenig klug wenn die Jusos nun ins selbe Horn blasen, bietet dem Gegner wieder eine offene Flanke - können sich AfD und BSW in Sachsen-Anhalt direkt darauf berufen, 'wir machen nur, was in Berlin auch gemacht wird - den Wählerwillen umsetzen'...

    • -_JK_-

      @Astrid Sehnefeld:

      Ich sehe diesen Satz als ein Eingeständnis des Fehlers von 2023 und der Forderung diesen nicht zu wiederholen (weil es die SPD endgültig in den Abgrund führen würde).

      §38 GG bezieht sich auf das Abstimmungsverhalten einzelner Abgeordneter und hat mit möglichen Koalitionsgesprächen nichts zu tun.

      Wenn AfD und BSW so argumentieren, haben/hätten sie damit traurigerweise recht. Der Fehler liegt hier eindeutig darin, dass die AfD überhaupt zur Wahl stand anstatt verboten worden zu sein. Dieses Kind ist bereits in den Brunnen gefallen.

  • Bauer Gerry

    Die SPD hat es vor 22 Jahren maßgeblich vermasselt. Man kann nur hoffen, dass dieser historische Fehler endlich im Sinne der Bewohner Berlins revidiert wird. Andernfalls profitiert davon bei nächsten Wahlen wohl weiter die AgD.

    Ein Teil der Historie:

    Der weitreichendste Schritt war der Verkauf der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (GSW) im Mai 2004.

    Der Beschluss erfolgte unter dem damaligen rot-roten Senat (Senat Wowereit II) aus SPD und PDS. Zu den Hauptakteuren zählte der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD).

    Es wurden rund 65.000 Wohnungen für 405 Millionen Euro (plus Übernahme von Altschulden) an ein privates Konsortium aus Goldman Sachs und Cerberus verkauft. Diese Bestände landeten später größtenteils bei privaten Wohnungskonzernen wie der Deutschen Wohnen

    • Takker

      @Bauer Gerry:

      Dieses wird gerne vergessen. Wie hieß es doch, das Tafelsilber verkaufen. Danke für diesen Hinweis.

    • Hildebrand Felixflash

      @Bauer Gerry:

      👍

  • DiMa

    "fordert ihren Parteichef dazu auf, den Wählerwillen umzusetzen."

    Die Reichweite dieses Satzes sollte sie sich nochmal verinnerlichen. Schaut man sich die Partei- und Wahlprogramme und Aussagen der Parteien an, sind die Enteignungsgegner (einschl. der SPD) deutlich in der Mehrheit. Den Wählerwillen umzusetzen bedeutet dann, in dieser Sache standhaft zu bleiben.

  • Martin L.

    65000(!) Sozialwohnungen aus dem Berliner Besitz an Investoren verkauft, d a s hat 2004 die PDS/Linke unter Wowereit mitbeschlossen! Also - was denn nun genau? Diese festival-mäßige Geschichtslosigkeit irritiert schon ein bisserl...