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Berliner BegegnungenEin paar Minuten Belangloses reden – ist das der Frieden?

In den grauen, stillen Tagen unterwegs in Berlin, auf den Spuren der "Linie 1" - und am Schluss steht neben viel Ärger doch ein Lächeln im Gesicht.

K urz vor Weihnachten, wenn der Ku’damm im schönsten Licht erstrahlt und der Berliner Winter für einen Moment harmlos wirkt, fuhr ich mit dem Bus durch Charlottenburg. Erst später begriff ich, dass ich mitten in einer Nachinszenierung einer Szene aus dem Westberliner Musical „Linie 1“ gelandet war.

Ein Mann, offensichtlich obdachlos, lag schlafend über zwei Sitze gebeugt. Seine Beine ragten in den Gang.

Eine ältere Dame stolperte darüber. Das war nicht dramatisch, aber genug, um etwas in Bewegung zu setzen. Eine andere Frau, geschniegelt und empört, ging nach vorn zum Busfahrer. Wenig später wurde der Mann geweckt und hinausgeschmissen. Er verschwand wortlos in die Kälte.

Ich mischte mich ein, leider zu spät, und fragte die Frau, ob sie wirklich einen Mann habe rauswerfen lassen, weil er geschlafen habe. Sie widersprach empört, ohne mich anzusehen. Nicht wegen des Schlafens, sagte sie. Wegen der Ordnung! Für solche Menschen gebe es Orte. Das sei gesetzlich geregelt. Sie wirkte zufrieden. Als hätte sie ihre Aufgabe erfüllt.

Die großen Probleme bewältigen?

Ich dachte an die Wilmersdorfer Witwen aus „Linie 1“: standesbewusst, korrekt, Verteidigerinnen einer Ordnung, „für Sauberkeit und Disziplin wie vor 50 Jahren“, die sich über eine schlafende Frau in der U-Bahn echauffierten. Ihr autoritärer Ton wirkt heute erschreckend aktuell. Obwohl – er war nie verschwunden.

Der Moment im Bus beschäftigte mich tagelang. Ich fragte mich, warum wir im Kleinen so oft daran scheitern, wie wir miteinander umgehen – und gleichzeitig erwarten, als Gesellschaft die großen Probleme zu bewältigen.

Fast hätte ich das Wort Menschlichkeit bemüht. Aber vielleicht geht es um etwas Profaneres: um die Fähigkeit, einen gemeinsamen Raum so zu gestalten, dass alle halbwegs unbeschadet durchkommen. In diesem Fall hieße das: Eine Frau sollte im Bus nicht stolpern. Und ein ruhiger, schlafender Mann sollte, weil er im Winter keinen anderen Platz hat, nicht aus dem Bus verschwinden müssen.

Natürlich hat alles Grenzen. Auch die fortschreitende Verelendung kleinzureden, sie als Teil einer aufregenden Großstadt zu romantisieren, finde ich falsch. Den Betreffenden hilft das nicht. Sicher, eine Gesellschaft muss sich organisieren. Die Frage ist nur, ob das aus Aushandlung besteht oder aus dem Bedürfnis heraus geschieht, über Randständige bestimmen zu können, weil sie als Störung gelten.

Kurz vor Weihnachten saß ich mit Freunden im Theater, in einem Stück von René Pollesch, und habe so herzlich gelacht wie lange nicht. Eine Frau, eine Reihe vor uns, drehte sich immer wieder um und blickte böse. Unser Lachen war etwas Ungehöriges geworden. Ihr Blick wollte es regulieren.

Diese Zeit zwischen den Jahren, die sonst etwas Magisches hat, fühlt sich in diesem Jahr leer an. Die Kriege laufen weiter, die Nachrichten kennen keinen Feiertag. Und deshalb ließ mich der Gedanke ans Lachen nicht los.

Mit etwas Abstand, jetzt hier an meinem Schreibtisch, kann ich über die Wilmersdorfer Witwe lachen, über ihren Starrsinn, über die Enge ihrer Welt, in der Ordnung immer wichtiger ist. Und auch über die Frau im Theater, deren Alltag Lebendigkeit fehlen muss, da sie nicht einmal in der Kunst Emotionen erträgt.

Nach Weihnachten ging ich spazieren und begegnete einer Frau aus dem Nachbarhaus mit ihrem klassischen Rentnerhund: klein, hängendes Fell, ein Zöpfchen im Gesicht. Sonst grüßen wir nur, und sie schaut ernst bis böse.

Diesmal rannte der Hund auf mich zu, im Weihnachtskostüm. Ich mag Hunde überhaupt nicht. Trotzdem hörte ich mich in dieser kindlichen Tonlage, in der Menschen immer mit Tieren reden, sagen: „Bist du etwa der Weihnachtsmann?“ Die Frau taute auf. Wir redeten ein paar Minuten Belangloses. Als ich weiterging, merkte ich, dass ich grinste.

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Erica Zingher

Erica Zingher Autorin und Kolumnistin

Beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, postsowjetischer Migration sowie Osteuropa und Israel. Kolumnistin der "Grauzone" bei tazzwei. Freie Podcasterin und Moderatorin. Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus 2021, Kategorie Silber.
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