Berlin setzt Gewalthilfegesetz um: Die Stimme der Betroffenen
Das Gewalthilfegesetz soll Beratung und Schutz für Frauen sichern. Betroffene sehen jedoch Lücken und fordern strukturelle Veränderungen.
Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben betroffen von sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt. Die Kampagne #ichbinjededritteFrau, initiiert von Alice Westphal, soll Betroffenen Mut machen, ihr Schweigen zu brechen – so, wie sie selbst es nach vielen Jahren getan hat.
Sexualisierte Gewalt müsse endlich als gesellschaftliches Problem ernst genommen werden, sagt sie: „Ich finde, das macht Spanien zum Beispiel sehr gut. Wird ein Femizid öffentlich, werden die Nachrichten für eine Schweigeminute unterbrochen.“
Alice Westphal, Mitglied im Betroffenenrat von S.I.G.N.A.L. e.V.
Aber auch schon eine Aufschrift auf der Brötchentüte kann ein Zeichen setzen: Westphal erzählt von einer Aktion, bei der Bäckereien am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen Brötchentüten mit allen Notrufnummern ausgeben würden. „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ war auf ihnen zu lesen. Darüber zu sprechen, könne viel verändern, ist sich Alice Westphal sicher: „Ich merk's ja bei mir, ich halte jetzt nicht mehr meine Klappe.“
Sie sei selbst Betroffene sexualisierter Gewalt, habe vor einigen Jahren das erste Mal öffentlich darüber gesprochen. Seit vier Jahren ist sie daher Teil des Betroffenenrats von S.I.G.N.A.L. e. V., einem politischen Gremium aus gewaltbetroffenen Frauen, das sich für mehr Sichtbarkeit der Perspektiven Betroffener einsetzt. „Wir sind keine Selbsthilfegruppe“, betont Westphal. Stattdessen gehe es darum, politische Strukturen zu verändern, sich beispielsweise für die Finanzierung von Projekten oder Beratungsstellen einzusetzen. „Wir arbeiten an Visionen, die eigentlich Standard sein sollten“, sagt Westphal.
Sie hätte sich einen anderen Umgang mit ihren Traumaerfahrungen gewünscht: „Ich wurde im öffentlichen Raum vergewaltigt. Ich hatte einen männlichen Arzt, der mich damals untersucht hat, und ich kann mich an gewisse Sprüche und Fotografien noch erinnern“, meint Westphal. „Jetzt im Nachhinein denke ich: Natürlich wäre das ganz anders gewesen, hätte ich dort einen wertschätzenden, professionellen Menschen gehabt.“ In dieser Hinsicht sei Deutschland „verschlafen“. In anderen Ländern hingegen gebe es bereits geschulte Pflegefachpersonen – Forensic Nurses – die für professionelle Fotodokumentation und Spurensicherung zuständig sind.
Oft nicht ernst genommen
Ein traumasensibler Umgang mit Betroffenen bedeute außerdem, Betroffenen zu glauben, so Westphal. Sie schildert, in Befragungen oftmals nicht ernst genommen worden zu sein: „Frauen sind in Todesangst“, sagt sie. „Ich kann mich nicht an Details erinnern, weil ich in einem Überlebensmodus bin. Aber wenn ich das nicht kann, dann bin ich nicht mehr glaubwürdig.“
Im Betroffenenrat setzt Westphal sich unter anderem für Schulungen zu einem traumasensiblen Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt ein: „Es muss verpflichtend Teil der Ausbildung der Polizei, der Jurist:innen, der Jugendamtsmitarbeitenden, im Gesundheitsbereich werden“, so Westphal.
Nun soll das Gewalthilfegesetz erstmals einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Beratung und Schutz für gewaltbetroffene Frauen bieten. In Berlin wird das jetzt umgesetzt. In dem Gesetz sieht Westphal zwar eine Chance: „Wenn es so umgesetzt wird, wie es angedacht ist, dann wäre das ein erster Schritt“, sagt sie. Doch an einer Umsetzung des gesetzlichen Anspruchs auf Schutz und Beratung, so wie er auf dem Papier angedacht ist, hat sie Zweifel: „Ich frage mich, wie das funktionieren soll, weil es gar nicht genügend Frauenhausplätze gibt.“
Mit 2,6 Milliarden Euro will sich der Bund bis 2036 beteiligen, um den Ausbau der notwendigen Strukturen für die Länder möglich zu machen. Doch angesichts aktueller Kürzungen sei man froh, wenn mit den Geldern der Status quo erhalten werden könne, so Westphal: „Es ist meine Sorge, dass damit nur Löcher gestopft werden.“ Hier eine gestrichene Beratungsstelle, dort eine Stelle im Frauenhaus, die nicht neu besetzt wird. „Jetzt sind es kleine Dinge, wo die Leute nicht aufstehen. Aber die werden in ein paar Jahren eine riesige Wirkung haben. Wir müssen jetzt dagegensteuern“, betont Westphal.
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