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Belgien vor dem ViertelfinaleDas Team, das von Trump wachgeküsst wurde

Hohe Erwartungen konnte die belgische Auswahl bislang bei Turnieren selten erfüllen. Auch vor dem Match gegen Spanien gibt das Team Rätsel auf.

Wer an diesem Freitagabend spontan in einem belgischen Restaurant mit Michelin-Stern dinieren will, hat dazu außergewöhnlich gute Chancen. Mehrere der lange im Voraus gebuchten Etablissements berichten dieser Tage von abgesagten Reservierungen. Das ist auffällig in einem Land, in dem Essen und Essengehen eine so große Rolle spielt. Verantwortlich dafür, ebenso wie für geänderte Festival- und Konzertprogramme, sind les diables rouges, bzw. de rode duivels, die im Viertelfinale gegen Spanien wieder einmal vor dem Match ihres Lebens stehen.

Urplötzlich hat der „Teufelswahnsinn“ Belgien wieder im Griff. Überall wird das Kräftemessen mit dem Europameister auf Großbildschirmen übertragen; das populäre Nieuwsblad vermeldet, dass knapp ein Drittel der Teilnehmenden einer Umfrage das Team um Kapitän Youri Tielemans im Finale erwarten; Websites fragen Le­se­r:in­nen nach der Aufstellung ihrer Wahl. Inspiriert von den ausgefuchsten Schachzügen des Trainers Rudi Garcia, der im Achtelfinale gegen die USA mit Romelu Lukaku, Jeremy Doku und Kevin De Bruyne die größten Namen auf der Bank ließ, scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt.

Vielleicht sind die Rotationen Garcias ein Schlüssel, um dieses belgische Team, das auch bei dieser WM Rätsel aufgibt, vor der entscheidenden Turnierphase besser einzuordnen. Schon im Sechzehntelfinale gegen Senegal nämlich entschied sich der Franzose, seit anderthalb Jahren im Amt, nach einer knappen Stunde die Stars De Bruyne und Doku auszuwechseln. Dafür wurde er zunächst schwer kritisiert, und dann, dank des wundersamen Comebacks der roten Teufel, umso mehr gefeiert. Nach dem überaus mühsamen Start, als diese sich zu Unentschieden gegen Ägypten und Iran gurkten, sind Team und Trainer offenbar gerade rechtzeitig in die Spur gekommen, und die Puzzle-Teile greifen ineinander.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Vor dem Viertelfinale umgeben die roten Teufel dennoch Fragezeichen. Auch nach einem Monat WM tun sich viele Be­ob­ach­te­r:in­nen schwer mit einer Einschätzung, was nicht nur an den Auftritten dieses Sommers liegt: Kein anderes Team wurde seit Mitte der zehner Jahre so oft zum geheimen und schließlich öffentlichen Turnierfavoriten erklärt. Mit Ausnahme der WM 2018, als man Dritter wurde, reihte Belgien jedoch einen seltsam blutleeren Auftritte an den anderen, ein schriller Kontrast zu den großen Namen auf dem Platz. Sosehr man sich auf deren Darbietungen gefreut hatte, traten sie bisweilen so leise von den Bühnen der Turniere, dass man sie hinterher kaum vermisste.

Nach der goldenen Generation

In anderthalb Jahrzehnten hat Belgien, oder besser der Ruf seines besten Männer-Auswahlteams, so eine gewaltige Metamorphose durchgelaufen: vom Geheimtipp über den größten Hype bis hin zur konstanten Enttäuschung. In diesem Jahr reiste man folglich als eine Art dark horse an, ohne allzu hohe Erwartungen und Euphorie. In der vermeintlich leichten Gruppe G erschienen die roten Teufel nach zwei Spielen wie kickende Untote, selbst das Sechzehntelfinale stand zwischenzeitlich infrage.

Um noch einen Moment im Reich der Legenden zu bleiben: dass die Belgier zuletzt die USA im meist diskutierten Spiel dieser WM überrollten, lässt sich natürlich so mit den Flügeln erklären, die ihnen der schamlose und offensichtliche Manipulationsversuch verlieh. Das Eingreifen Trumps war demnach ein unbeabsichtigter Dornröschenkuss, der den nach sich selbst suchenden Teufeln wieder auf die Beine und aus der Lethargie half, welche sie so oft umgibt. Auch die Projektion spielte eine Rolle, denn Belgien wurde für eine Nacht zum Konsensteam all jener, die das narzisstisch-autoritäre Gehabe Trumps und Infantinos anwidert und die es ihnen heimzahlen wollten.

Nach dem Gelingen dieser Mission bleibt zu relativieren, dass die skandalösen Umstände womöglich die USA ebenso lähmten, wie sie Belgien beflügelten. Was dadurch nicht geschmälert wird, ist die Dynamik des Garcia-Teams: Die Formkurve steigt stabil nach oben. Das Schicksalsspiel, in dem das Weiterkommen am seidenen Faden hängt, essenzieller Bestandteil jedes erfolgreichen Turniers, überstand man gegen Senegal mit Glück und Bravour, und der fällige Generations-Umbruch wird mitten in einem WM-Turnier vollzogen.

„Das Momentum liegt völlig auf der Seite der Belgier“ schlussfolgert Hans Vandeweghe, Fußball-Analytiker der linken Tageszeitung De Morgen. Keeper Thibaut Courtois, der Spanien nach Jahren bei Atletico und Real Madrid sein „zweites Zuhause“ nennt, schätzt die Ausgangslage so ein: „Individuell hatten wir 2018 vielleicht mehr Qualität, aber nun haben wir ein starkes Kollektiv.“

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