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In „Was darf Israel?“ streitet Hamed Abdel-Samad mit einem Juden über den Genozid-Begriff. In Kairo konnte er das Buch nicht wie geplant vorstellen

Ich liebe Ägypten, sagt der Autor Hamed Abdel-Samad. Seine Fans dort dürfen jetzt aber nichts mehr von ihm lesen Foto: Jakob Hoff/imago

Interview Nicholas Potter

Die taz erreicht Hamed Abdel-Samad telefonisch im libanesischen Beirut. Dort verbringe er jeden Winter, auch zu Kriegszeiten, erzählt er. Dass die kalte Jahreszeit im Nahost nicht so kalt ist wie in Berlin, liegt auf der Hand. Dass Abdel-Samad sich aber selbst in Libanon sicherer fühlt als in Deutschland, hat damit zu tun, dass der umstrittene Islamkritiker seit Jahren unter Polizeischutz lebt. „Ich habe die gleiche Sicherheitseinstufung wie der Bundeskanzler“, scherzt er. In seinem Heimatland Ägypten ist er seit Jahren nicht mehr gewesen, dort wurden mehrere Fatwas gegen ihn ausgesprochen.

taz: Herr Abdel-Samad, die arabische Übersetzung von „Was darf Israel?“, eines streitlustigen Briefwechsels mit Philipp Peyman Engel, in Deutschland ein Spiegel-Bestseller, sollte vergangene Woche auf der Buchmesse in Kairo vorgestellt werden. Nun wurde das Buch offenbar verboten, bevor es überhaupt veröffentlicht werden konnte. Auch die Erscheinung Ihres neuen Romans „Die Wolkenfabrik“ ist wohl untersagt worden. Mit welcher Begründung?

Hamed Abdel-Samad: Über diese Frage rätsele ich noch. Es gibt natürlich kritische Stellen in „Was darf Israel?“, vor allem was Philipp über die arabische und muslimische Welt im Allgemeinen und Ägypten im Besonderen schreibt. Da war er nicht zimperlich mit seiner Kritik, und das könnte eine Rolle gespielt haben. In meinem neuen Roman geht es um das Thema Sterbehilfe – ein Tabu in der arabischen Welt. Und dann kommt natürlich meine Person hinzu: Ich bin in Ägypten aus mehreren Gründen eine „umstrittene“ Person, was auch immer das bedeutet.

taz: Inwiefern?

Abdel-Samad: Weil ich oppositionell bin und Präsident Sisi nicht unterstütze. Ich habe immer Menschenrechtsverletzungen in Ägypten thematisiert – gegenüber Kopten, Frauen, religiösen Menschen und Atheisten. Aber es gab einen Vorfall zehn Tage vor Beginn der Buchmesse, der etwas mit dem Verbot zu tun haben könnte.

taz: Nämlich?

Abdel-Samad: Ich habe eine Videobotschaft an Sisi hochgeladen, in der ich kritisiere, dass ägyptische Sicherheitsbehörden Anfang November mehrere junge atheistische Aktivisten und Youtuber verhaftet und verschwinden ließen – ohne Haftbefehl oder Gerichtsverfahren. Ihre Familien wissen nicht einmal, wo sie sind. Und dafür ist der Präsident verantwortlich. Das Video ging viral. Und zwei Tage später tauchten zumindest einige der Jungs wieder auf und wurden der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Nun gibt es ein geregeltes Verfahren.

taz: Sie vermuten also, Sie werden mit dem Verbot Ihrer Bücher dafür bestraft?

Abdel-Samad: Ja, weil ich diesen großen Wurf gewagt habe, mich direkt an Sisi zu wenden. Das halten wohl einige im Machtapparat für einen Tabubruch. Und nun gibt es ein Verbot, wobei es wie so oft kein offizielles Schreiben gibt, dass die Bücher verboten sind.

taz: Wie haben Sie von dem mutmaßlichen Verbot Ihrer Bücher erfahren?

Abdel-Samad: Mein Verlag, Al-Mahrousa, hatte beide Bücher schon angekündigt, aber nach Beginn der Buchmesse schrieben mir mehrere Menschen, dass sie diese dort nirgendwo finden konnten. Der Verlag wollte mir dazu nichts sagen, ich war sauer. Und dann haben sie sich bei mir entschuldigt. Der Abteilungsleiter vom Verlag hat mir nicht gesagt, dass sie verboten wurden. Wenn er das sagen würde, könnte der ganze Verlag von der Buchmesse ausgeschlossen werden – ein gängiges Mittel der Sicherheitsbehörden. Inzwischen hat ein bekannter ägyptischer Autor, der mit mir bei einer Veranstaltung im Mai in Toronto auftreten sollte, seine Teilnahme wieder abgesagt – ihm wurde das von den Sicherheitsbehörden verboten, wegen meiner Person. Von ihm weiß ich, dass die Sicherheitsbehörden auch meine Bücher verboten haben.

taz: Gibt es in der arabischen Welt einen Markt für eine Diskussion mit einem proisraelischen Juden über den 7. Oktober, die Kriegsführung Israels und den Nahostkonflikt?

Abdel-Samad: Der Verlag war von der Idee sehr begeistert, weil es dieses Format auf Arabisch einfach nicht gibt. „Gespräch mit meinem jüdischen Freund“ heißt das Buch in der Übersetzung. Klingt irgendwie so paradox.

taz: „Gespräch“ ist ein freundlicher Ausdruck für einen teils sehr hitzigen Streit. Sie und Engel sind seit Jahren befreundet. Hat diese Freundschaft unter dem 7. Oktober und dem Krieg in Gaza gelitten?

Abdel-Samad: Es gibt ja die argumentative Dimension, da sind wir Meilen voneinander entfernt. Und dann gibt es die menschliche. Ich würde behaupten, das Buch hat uns eigentlich sogar näher gebracht, weil man mehr Einblicke gewinnt, nicht nur in die Gedankenwelt des anderen, sondern auch in seine emotionale Verfassung.

taz: Was haben Sie über Engel gelernt?

Abdel-Samad: Ich weiß, was es für Philipp bedeutet, wenn er die Geschichte seiner jüdischen Mutter in Iran schildert, wenn er von den Bedrohungen berichtet, die er als Jude in Deutschland aushalten muss. Da fühle ich als Islamkritiker, als jemand, der selbst unter Polizeischutz steht, eine Nähe, da ich weiß, dass wir ja eigentlich im gleichen Boot sitzen.

taz: Im Buch schreiben Sie auch, dass Sie „entsetzt“ über Engel seien. Sie suggerieren, dass er „der Pressesprecher der israelischen Regierung“ sei. Er sei „in den unsichtbaren Fesseln“ seiner jüdischen Identität gefangen. Das klingt nicht so freundlich.

Abdel-Samad: Etwas zu verstehen, bedeutet nicht, etwas zuzustimmen. Und das ihm zu sagen, ist ein Zeichen des Respekts und der Ehrlichkeit. Ich sage ihm das als Freund.

taz: Direkt nach dem 7. Oktober haben Sie das Hamas-Massaker unmissverständlich verurteilt, danach ebenso deutlich die Kriegsführung Israels, die Sie für einen Genozid halten – letzteres war Auslöser des Briefwechsels mit Engel. Wegen dieser Kombination werden Sie von allen Seiten kritisiert. Haben Sie überhaupt noch Fans?

Abdel-Samad: Ich habe in beiden Debatten auf jeden Fall viele Leser verloren, aber als Schriftsteller, als Intellektueller, sehe ich nicht meine Aufgabe darin, irgendwelche Klientelen zu bedienen. Sondern in erster Linie in der Analyse nach bestem Wissen und Gewissen. Aber auch darin, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben zugunsten der Meinungsfreiheit. Da, wo es große Tabus gibt, muss ich intervenieren und fragen, warum eigentlich? Warum ist es rassistisch, den Islam zu kritisieren? Und warum ist das Wort „Genozid“ so tabuisiert, obwohl man es weder hundertprozentig belegen noch widerlegen kann?

taz: Ganz zu Beginn des Buches fällen Sie doch ein sehr eindeutiges Urteil: „Es gibt nur ein Wort, das das, was gerade in Gaza passiert, genau beschreibt: Genozid.“ Das ist keine ambivalente Fragestellung, sondern eine umstrittene Tatsachenbehauptung.

Abdel-Samad: Im Buch unterscheide ich zwischen einerseits der legalistischen Dimension, was ein Genozid ist – das müssen andere beurteilen, nämlich der internationale Gerichtshof, die Vereinten Nationen und Genozidforscher. Viele sind bereits der Meinung, es handele sich hier um einen Genozid, andere bestreiten das und benötigen weitere Beweise. Und andererseits dem Begriff „Genozid“ als Warnung und Hilferuf. Man hat nicht vom Holocaust gesprochen, bis er vorbei war – und das war ein Fehler.

taz: Vergleichen Sie allen Ernstes den Krieg in Gaza mit der Schoah?

Abdel-Samad: Bitte legen Sie diese Vergleichskeule beiseite! Ich spreche in diesem Zusammenhang von der Verwendung des Begriffs „Genozid“ erst, wenn alles zu spät war. Auch in Ruanda und Bosnien wurde der Begriff „Genozid“ erst verwendet, nachdem Hunderttausende ihr Leben verloren hatten.

taz: Schon am 7. Oktober selbst, als Hamas-Kommandos noch durch den jüdischen Staat wüteten, gab es Menschen, die Israel einen Genozid in Gaza vorgeworfen haben. Ein verfrühtes Urteil ist nicht unbedingt ein zutreffendes. Der Internationale Gerichtshof muss seine Arbeit erst mal unabhängig und vorurteilsfrei machen können.

Abdel-Samad: Ja, absolut. Ich verneine ja nicht, dass es Menschen gibt, die von Anfang an darauf lauerten, dass Israel irgendeinen Fehler macht, um das G-Wort in die Welt zu setzen. Es gibt Leute, die Israel aus mehreren Gründen hassen, vor allem aus ideologischen. Aber die falsche Verdächtigung am Anfang bedeutet nicht, dass das am Ende nicht so war.

Hamed Abdel-Samad

wurde 1972 in Gizeh geboren, als Student war er Mitglied der islamistischen Muslimbruderschaft. Seit 1995 lebt er in Deutschland und zählt zu den bekanntesten und auch kontroversesten Kritikern des Islam. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Seine Artikel sind in Medien wie Welt, NZZ, Cicero und dem rechten Blog „Achse des Guten“ erschienen. Das Buch „Was darf Israel? Ein Streit“ von ihm und Philipp Peyman Engel erschien bei dtv, München 2025, 160 Seiten, 16 Euro.

taz: Konnte Engel Sie in dieser Frage auf irgendeine Art umstimmen?

Abdel-Samad: Ich habe auf jeden Fall nachgedacht über die Wirkung von Worten. Wenn also jemand Genozid, Genozid, Genozid ruft, hat das eine Wirkung auf Juden weltweit. Man bringt sie in Verbindung mit antisemitischen Stereotypen – als Kindermörder und Genozidbetreiber, die die Menschheit hassen.

taz: Was wird nun nach dem Verbot mit den beiden Büchern passieren?

Abdel-Samad: In Ägypten kann anscheinend nie wieder ein Buch von mir veröffentlicht werden, denn alle wissen, dass ich nun offenbar auf dem Index stehe. Aber ich habe bereits drei Angebote für die Werke von anderen Verlagen bekommen, in Libanon, Tunesien und von einem arabischen Verlag in Toronto.

taz: Was macht das mit Ihnen, dass Sie in Ihr Heimatland weder einreisen noch dort Bücher veröffentlichen können?

Abdel-Samad: Ich diffamiere Ägypten nicht, sondern ich will nur das Beste für das Land. Ich liebe Ägypten. Und ich habe dort immer noch viele Fans, auch im Regime, nur würden sie das nie öffentlich sagen. Vom Ausland aus kann ich viele Sachen kritisieren, die dort keiner so sagen dürfte. Das halte ich für ein Privileg – und eine Pflicht. Und genauso wie in Deutschland ist es auch in Ägypten und überall in der arabischen Welt so: Es gibt viele Menschen, die mich sehr mögen und viele Menschen, die mich sehr hassen. Aber es gibt kaum jemanden, dem ich egal bin. Nicholas Potter

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