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Beginn des Wettbewerbs in CannesLiebe mit Hindernissen aller Art

Körper und Körperflüssigkeiten: Bei den Filmfestspielen von Cannes dreht sich zum Auftakt alles um die Liebe – und was sie erschwert.

Die Künstlerin und ihr Model: Yoriko (Takako Matsu) und Yuri (Shizuka Ishibashi) in „Nagi Notes“ Foto: Nagi Notes Partners / Survivance / Momo Film Co

An der Croisette hat der Rummel kaum begonnen, da ist man schon fast erschöpft von den auf sehr unterschiedliche Weise heftigen Liebesdramen, die einem der erste „richtige“ Tag der Filmfestspiele von Cannes geboten hat. Dabei begann es zunächst alles ruhig. In „Nagi Notes“, mit dem der japanische Regisseur Koji Fukada nach „Love Life“ von 2022 zum zweiten Mal im Wettbewerb vertreten ist, reist die Architektin Yuri (Shizuka Ishibashi) von Tokio in die ländliche Kleinstadt Nagi, um einige Tage bei ihrer ehemaligen Schwägerin Yoriko (Takako Matsu) zu verbringen.

Yuri will Yoriko, einer Bildhauerin, für eine Skulptur Modell sitzen. Fukada hält ihre Begegnung in statischen Einstellungen und klaren Bildern mit leicht kalten Farben fest. Yoriko führt Yuri durch den Ort und dessen scheinbar unberührte Landschaften. Allein ein regelmäßiges Knallen im Hintergrund erinnert daran, dass in der Gegend ein Militärstützpunkt liegt. Einige der Ortsbewohner arbeiten als Soldaten.

Die Gespräche von Yuri und Yoriko drehen sich viel um Beziehungen, gescheiterte wie bei Yuri, die sich von ihrem Mann getrennt hat, und unerfüllte wie bei Yoriko, die heimlich die inzwischen gestorbene Frau eines Mannes im Ort liebte. Sie sprechen auch über zwei Jungen, die zu den Kunstschülern Yorikos gehören, Haruki und Keita, von denen der eine großes Talent zeigt und der andere vor allem durch seltsames Verhalten auffällt.

Aus dieser übersichtlichen Konstellation, in der zudem Harukis Vater eine Rolle spielen wird, schafft Fukada ein komplexes Geflecht aus unterdrückten oder anderweitig unausgelebten Gefühlen. Den ruhigen Rhythmus unterbricht er hier und da durch gezielte Überraschungen oder abrupte Schnitte. Obwohl er Distanz zu seinen Figuren hält, kommt man ihnen erstaunlich nahe.

Leben in Dauerbewegung

Keine Distanz aufkommen lässt hingegen Charline Bourgeois-Tacquet im Wettbewerbsfilm „La vie d’une femme“. Die titelgebende Frau wird gespielt von Léa Drucker, ihre Gabrielle ist eine Gesichtschirurgin, die an einer Pariser Klinik als leitende Ärztin arbeitet. Ihre Arbeit fordert sie maximal, mit ihrem Mann und dessen Kindern aus erster Ehe pflegt sie komplizierten Umgang. Im Zweifel gehen die Patienten vor.

Charline Bourgeois-Tacquet teilt diese Lebensbeschreibung in zehn Kapitel, in denen stets neue Personen für Gabrielle wichtig werden. Da ist ihr Kollege Kamyar (Laurent Capelluto), der ihr zwischenzeitig näher steht als ihr Mann, oder die Schriftstellerin Frida (Mélanie Thierry), die Gabrielle auf ihrer Station für ein Buchprojekt begleitet. Die Nähe zu Frida wird in der zweiten Hälfte des Films bestimmend. Bis dahin inszeniert Bourgeois-Tacquet das Leben Gabrielles als hektische Dauerbewegung, bei der sie mit dem Smartphone in der einen Hand oft parallel Gespräche am Festnetz führt oder durch ihren Alltag wirbelt, die Kamera dicht auf ihrer Spur.

Sobald Gabrielle dann ihre Liebe zu Frida entdeckt, nimmt der Film jegliches Tempo aus Handlung und Bild, ohne die gewonnene Zeit nennenswert zu füllen. So als wüsste Gabrielle mit ihrem Glück nichts anzufangen, verliert sich der Film zusehends im bitter Betulichen.

Spritzige Slasher-Parodie

Wie es um die Relevanz steht, ist bei Jane Schoenbruns Spielfilm „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“, mit dem die Nebenreihe „Un certain regard“ eröffnete, eher Sache des Geschmacks. Die junge Filmemacherin Kris (Hannah Einbinder) reist darin zu einem verlassenen Camp, das in den Achtzigern der Drehort für den Slasher-Film „Camp Miasma“ (Betonung auf „camp“) war. Dort lebt der ehemalige Star des Films, Billy Presley (Gillian Anderson), völlig zurückgezogen. Sie hat seitdem keinen Film mehr gedreht.

Kris will die Kultreihe, die aus „Camp Miasma“ entstanden ist, weiterführen, mit Billy als Darstellerin. Schoenbrun geht diese Slasher-Parodie mit reichlich theoretischem Witz an. So heißt der Serienmörder des Films „Little Death“, in Anspielung an den „kleinen Tod“ als Bezeichnung für einen Orgasmus. Der penetriert seine Opfer denn auch mit einem langen Speer, und das Blut schießt wie rotes Ejakulat aus den Opfern. Ein sehr direkter Kurzschluss zwischen Körper, Kino und den zugehörigen Fantasien. Betonung auf Kurzschluss.

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