Bedrohte Trans-Community: Wissenschaftler:innen kritisieren Gesundheitsversorgung
Nach der Razzia eines Berliner Treffs für trans Menschen bekunden hunderte Wissenschaftler:innen ihre Solidarität. Sie fordern bessere Versorgung.
Foto: Fabian Sommer/dpa
Hunderte internationale Wissenschaftler:innen haben sich mit der Berliner trans Community solidarisiert. Der Community-Treff The Dolls im Gesundheitszentrum Casa Kuà war am 18. Oktober von der Polizei durchsucht worden. In einem offenen Brief fordern die Wissenschaftler:innen ein Ende der Kriminalisierung von trans Communities und eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung. Zu den mehr als 200 Unterzeichner:innen gehören unter anderem Judith Butler, Susan Stryker und Eva von Redecker.
Der Angriff auf The Dolls und Casa Kuà sei historisch, heißt es in dem Brief. „Die Attacke gegen die Berliner Dolls passiert während einer Zeit beispielloser Zunahme von staatlichem Faschismus“, heißt es in dem offenen Brief. Dies sei sowohl in Deutschland der Fall, wo die AfD kürzlich die Wahlen in Sachsen-Anhalt gewonnen hat, als auch in europäischen Nachbarländern sowie in Indien, Brasilien, Argentinien, den Vereinigten Staaten, so die Autor:innen weiter.
Insbesondere nichtweiße trans Frauen stünden im Visier proto-faschistischer und autoritärer Regime: „Transsein sticht insbesondere als sichtbarer Verstoß gegen die cis-hetero-patriarchalen Normen hervor, auf denen die faschistische Autorität beruht.“ Staatliche Gewalt im Strafvollzug und in der Verwaltung würden Angst und Misstrauen gegenüber trans Personen weiter verstärken.
Polizeirazzia bei marginalisierten trans Frauen
Am 18. Oktober hatten 38 Polizist:innen das Gesundheitszentrum Casa Kuà in Berlin-Kreuzberg durchsucht. Zu diesem Zeitpunkt fand dort der Community-Treff „Dolls“ statt, bei dem marginalisierte trans Frauen mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt werden und sich über Themen rund ums Trans-sein austauschen.
Grund für die Durchsuchung: Der Verdacht auf illegalen Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die Staatsanwaltschaft schien zu vermuten, dass dort illegal Hormonersatztherapien durchgeführt werden. Auf Anfrage der taz hieß es, es seien „mutmaßliche Dopingpräparate“ sichergestellt worden. Von trans Frauen benötigte Hormone wie Östrogen und Progesteron haben jedoch eine gegenteilige Wirkung.
Auch in einem zweiten, bisher nicht veröffentlichten Brief von mehr als 120 Wissenschaftler:innen aus Deutschland wird der Einsatz der Polizei „in einem gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Schutzraum für Menschen, die in ihrem Alltag in vielerlei Hinsicht strukturelle und körperliche Gewalt und Gefährdung erfahren“, verurteilt.
Unzureichende Gesundheitsversorgung für trans Menschen
Die Unterzeichner:innen kritisieren darin auch die Rolle des Gesetzgebers, der es bisher versäumt habe, eine ausreichende Gesundheitsversorgung für trans Personen zu gewährleisten. Sie fordern eine „bedarfsgerechte, niedrigschwellige und diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung für alle trans*, inter*, nicht-binären und queeren Personen“.
Trans Personen warten häufig mehrere Jahre auf Therapieplätze oder spezialisierte Ärzt:innen. Viele berichten darüber hinaus von (rassistischer) Diskriminierung und ungeschultem medizinischem Personal. Menschen ohne Krankenversicherung oder unbefristeten Aufenthaltstitel haben ohnehin keinen Zugang zu Kassenleistungen.
Seit einem Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts im Oktober 2023 ist zudem unklar, welche Gesundheitsleistungen von den Krankenkassen übernommen werden. Damals hatte das BSG entschieden, dass geschlechtsangleichende Behandlungen einer neuen Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses bedürfen. Dieses Gremium legt fest, welche Leistungen Krankenkassen übernehmen. Drei Jahre später gibt es noch keine solche Regelung.
Ab Januar 2027 könnte sich die Situation nun weiter verschärfen: Zum einen steigen die Zuzahlungen für Heilmittel und Medikamente. Zum anderen kommen strengere Wirtschaftsprüfungen auf Ärzt:innen zu. Diese müssen seit dem vom BSG festgelegten Stichtag (19. 10. 2023) deutlich restriktivere Richtlinien bei geschlechtsangleichenden Maßnahmen einhalten. Andernfalls drohen ihnen hohe Honorarrückzahlungen.
Unsicherheit in der trans Community wächst
Das Vorgehen von Polizei und Verwaltung wirkt sich bereits heute auf die medizinische Behandlung aus. „Wo man früher im ärztlichen Ermessensspielraum empathischer handelte, sorgt heute Angst für penible Evaluierung“, erzählt eine Ärztin, die anonym bleiben möchte, der taz. Dies wirke sich ebenfalls negativ auf das Behandlungsverhältnis zwischen Ärztin und Patientin aus.
Diese Verunsicherung bekommen die Patient:innen unmittelbar zu spüren. Der taz sind bereits mehrere Fälle von trans Personen bekannt, die nach Jahren der problemlosen Behandlung nun von ihren Ärzt:innen abgelehnt wurden. So der Fall einer US-Amerikanerin. Sie ist, wie viele trans Menschen, vor dem transfeindlichen Regime in den USA geflohen. Die Diagnosen und Unterlagen aus den USA hatten bisher in deutscher Übersetzung gereicht, erzählt sie der taz. Doch jetzt würden Ärzt:innen auch jene Menschen wie sie abweisen, weil die Unterlagen nicht den deutschen Richtlinien entsprächen.
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